Landesrat Geisler sieht in der Unabhängigkeit von fossiler Energie 2 große Vorteile: Einmal sei das gut für die Umwelt, „und das Geld bleibt im Land“.<BR /><BR /><b>Ihr Bundesland will bis 2050 energieautonom werden – mit ausschließlich grüner Energie. Und das nicht erst seit gestern. Und so konnte schon 2018 ein sehr fundierter Abschlussbericht zu möglichen Szenarien, wie die Tiroler Energieziele erreicht werden können, ausgearbeitet von einem Expertenkonsortium rund um die Energieagentur Tirol, vorgelegt werden – weil es die Zeit einfach braucht?</b><BR />Josef Geisler: Ja, das ist richtig,. In der öffentlichen Debatte hat man oft den Eindruck, so etwas könnte man mal schnell in 3 Jahren hinbekommen. Aber das Gegenteil ist der Fall, es ist eine riesige Herausforderung. Und deshalb bin ich froh, dass wir das Projekt rechtzeitig auf den Weg gebracht haben. <BR /><BR /><b>Man ist also schon ein Stück des Weges gegangen – aus heutiger Perspektive: Ist das Ziel erreichbar?</b><BR />Geisler: Wir haben dazu viele Berechnungen angestellt. Das Ziel ist erreichbar, wenn wir einerseits mehr Energie produzieren und andererseits Energie einsparen. Dann können wir bis 2050, also innerhalb einer Generation, auch mit den jetzt bekannten technischen Möglichkeiten soweit kommen. Wahrscheinlich ist aber sogar, dass es in 20 Jahren noch bessere Möglichkeiten zur Energieeinsparung und -produktion gibt. Wir gehen diesen Weg mittlerweile seit 9 Jahren und das Monitoring zeigt, wir sind auf dem richtigen Weg. Es hat in dieser Zeit ein erkleckliches Wirtschaftswachstum gegeben und auch die Bevölkerung ist gewachsen, unser Energieverbrauch jedoch stagniert. Das zeigt: Die Maßnahmen für mehr Energieeffizienz wirken. Gleichzeitig haben wir bereits zahlreiche Schritte hin zu mehr Energieproduktion gesetzt. So sind bereits neue Wasserkraftwerke in Bau – auch mit Pumpspeicherwerken als Energiespeicher. Und wir haben eine regelrechte Fotovoltaik-Offensive gestartet. <BR /><BR /><b>Weil von der Energiewende auch die Bewältigung der Klimakrise abhängt?</b><BR />Geisler: Ob wir die Energiewende schaffen oder nicht, daran hängt alles. Und wie weit der Klimawandel mit all seinen Unwetterbegleiterscheinungen bereits fortgeschritten ist, das hat uns erst die vergangene Woche wieder deutlich vor Augen geführt. Wir wissen, dass wir in Nordtirol nicht die Welt retten können, aber wir wollen unseren kleinen Teil dazu beitragen, die Gefahr abzuwenden. Und dann hat die Energiewende aber auch noch einen anderen Aspekt, nämlich den der Unabhängigkeit von Importen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60962511_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Dass man auch da auf dem richtigen Weg ist, hat nicht zuletzt der Ukrainekrieg gezeigt.</b><BR />Geisler: Das ist ja das Abstruse an der Geschichte, dass wir mit dem Gaseinkauf dem Putin den Krieg finanziert haben. Das ist der Wahnsinn schlechthin. Beim Gas haben wir schon viel geschafft, aber ganz weg sind wir von Importen noch nicht. Und beim Erdöl muss man sich auch anschauen, woher es kommt. Die Förderländer sind alle keine großartigen Demokratien. Zudem spielt auch ein wirtschaftlicher Faktor mit hinein: Allein aus dem Bundesland Tirol fließen jedes Jahr 2 Milliarden Euro ab durch den Einkauf von fossilen Rohstoffen. Dieses Geld wollen wir im Land behalten. <BR /><BR /><b>Aber zunächst kostet auch die Energiewende erst einmal Geld...</b><BR />Geisler: Bis alle notwendigen Investitionen getätigt sind, Ja. Und wir haben hier einen regelrechten Aufhol-Marathon gestartet. Aktuell haben wir allein 10.000 Fotovoltaikanlagen in Genehmigung. Wir wollen auch in Windkraft investieren, auch wenn das zugegeben im Gebirge schwieriger ist als im flachen Burgenland. Aber mehr als 50 kleinere Windräder wollen wir aufstellen. Wir fördern den Umstieg auf Wärmepumpen, weil sie die effizienteste Art der Wärmegewinnung sind. Ohne auf die traditionelle Biomasse als Energielieferant zu verzichten.<BR /><BR /><b>Stichwort Wärmepumpen. In Deutschland ist der Versuch, die Bürger zum Umstieg zu bekommen, eher unglücklich verlaufen. Wie geht das Tirol an?</b><BR />Geisler: Gleich vorneweg: Das Wort „Zwang“ kommt in meinem politischen Repertoire nicht vor. Wir versuchen mit Anreizen, mit guten Förderansätzen den Umstieg attraktiv zu machen. Auch mit Hilfe des Bundes, der die Kampagne „Raus aus Öl und Gas“ gestartet hat. Ich bin überzeugt, die Förderung ist der richtige Weg. Aber noch einmal: Das alles ist nicht in 3 Jahren zu schaffen. Das braucht seine Zeit. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="932218_image" /></div> <BR /><BR /><b>Werden die Bürger auch finanziell am Ende von der Energiewende profitieren?</b><BR />Geisler: Natürlich wird Energie auch in Zukunft Geld kosten. Aber es muss das Ziel sein, dass das dafür verwendete Geld im eigenen Wirtschaftskreislauf bleibt. Und dann kann und wird auch jeder einzelne profitieren, schon allein durch den gesenkten Energieverbrauch etwa nach einer Gebäudesanierung. Aber auch beispielsweise über die Fotovoltaik.<BR /><BR /><b>Sie sprachen von einer regelrechten Offensive?</b><BR />Geisler: Wir haben alle Dachflächen berechnen lassen, die in Tirol dafür geeignet wären. Das sind 32 Millionen Quadratmeter. Aber das wird nicht reichen, deshalb wollen wir auch Freiflächen dazunehmen, insbesondere Großparkplätze. Da die bereits versiegelt sind, kommt kein weiterer Flächenverlust hinzu. Diese Parkplätze können sozusagen mit Fotovoltaik überdacht werden, das ist im Sommer gleich auch ein Hitzeschutz. Wir fördern solche Anlagen bis zu einer Summe von 250.000 Euro.<BR /><BR /><b>Wie sieht es mit Agri-Fotovoltaik aus?</b><BR />Geisler: Dafür ist unsere Landwirtschaft wenig geeignet, das ist ein probates Mittel etwa für den intensiven Obstbau – anstelle der Hagelnetze. Denn eine solche Fotovoltaikanlage dient auch gleich als Hagelschutz. In Tirol haben wir aber wenig solche Flächen. <h3> Wenn die Gemeinden mitziehen</h3><BR /><b>Wie ziehen die Bürger mit?</b><BR />Geisler: Das ist eine ganz interessante Sache. Wir haben festgestellt, dass in Gemeinden, in denen die Gemeindeverwaltung sich speziell mit dem Thema Energiewende auseinandersetzt, eventuell Arbeitsgruppen einsetzt, die Bürger berät und zum Mitmachen auffordert, da tun diese das in großem Stil. In zurückhaltenden Gemeinden sind auch die Bürger zurückhaltend. <BR /><BR /><b>Was meinen Sie mit „zum Mitmachen auffordern“?</b><BR />Geisler: Da reden wir unter anderem über Energiegemeinschaften, bei denen man sich eben zusammentut, um Energie zu produzieren. Das startet jetzt erst, ist aber für die Bürger gerade jetzt besonders interessant, da die Einspeisetarife sinken und die Energiepreise steigen. Energiegemeinschaften machen da wirtschaftlich einfach Sinn. Und das ist wichtig: Denn nur wenige Bürger haben zu viel Geld übrig. Da muss, was man investiert, sich auch rechnen. <BR /><BR /><b>Windräder, neue Wasserkraftwerke, Pumpspeicherwerke – damit haben aber nicht alle Freude?</b><BR />Geisler: Das ist wahr, aber wenn wir wollen, dass wir in Zukunft alle Energie aus erneuerbaren Energiequellen schöpfen, dann muss man da halt Kompromisse eingehen. 'Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass' wird nicht gehen.<BR />