Montagabend in Bozen. Wie in Silberfäden rauscht der Regen auf die Stadt herunter. Vor dem überdachten Eingang einer Schule sucht ein Obdachloser einen trockenen Platz. Ob er hier übernachten wolle, auf dem nackten Beton, ohne Decke, mit seiner abgetragenen Jacke?<BR /><BR /> Ja, wo sonst. In der Schlafstätte für Obdachlose ist kein Platz mehr frei. Was tun? Das „Dormizil“ in der Rittner Straße fragen. Auf der Homepage steht eine Handynummer, und es meldet sich Paul Tschigg, seit Jahren ein Engel der Obdachlosen in der Stadt. Aber er ist diesmal selbst am Boden. Alle Schlafplätze belegt, 30 Leute auf der Warteliste. Was soll er bloß tun? Er wirkt hörbar frustriert, fast verzweifelt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56699489_quote" /><BR /><BR />Aber es ist ja so: Für einen herrenlosen Hund hätte sich in dieser Nacht ein schützendes Dach gefunden. Wie viele Frauen und Männer aber wieder irgendwo in Parks, unter Brücken, an Eingängen zur Tiefgarage übernachten? Übrigens: Das Schlimmste an der Nacht im Freien – so erzählen Obdachlose – sind nicht Nässe und Kälte, sondern die ständige Angst, die den Schlaf raubt; das frisst mit der Zeit die allerletzte Kraft aus den Knochen.<BR /><BR />Zurück nach Bozen: Alle Jahre wieder, spätestens wenn die erste Kälte in die Stadt kriecht, wird die Stadt eiskalt erwischt. Dann stellt sich wieder ganz und gar nicht überraschend heraus, dass warme und sichere Schlafplätze für Obdachlose knapp sind und vielen fehlen. Daran haben auch vorbildliche private Initiativen wie die Winterschlafstätte des Unternehmers Heiner Oberrauch oder jetzt das „Dormizil“ nichts geändert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56699563_quote" /><BR /><BR />Offen aussprechen wird das zwar niemand, aber das Leitwort der Bozner Politik ist irgendwie: „Wenn wir zu viel bieten, kommen alle zu uns“. Also jetzt eine Portion Prügel für die „bösen Bozner“? Nein, denn im Grunde sagen das mehr oder minder alle. Brixen, Meran, Sterzing, Bruneck, Leifers... Weil einige davon schlichtweg gar nichts tun, konzentriert sich das Elend auf die Landeshauptstadt.<BR /><BR />Und genau für solche Fälle hätten wir eine Landespolitik! Die sich zum Ziel setzen könnten, dass in Südtirol niemand auf der Straße übernachten muss. Und die daher in erster Linie die Stadtgemeinden in die Pflicht nimmt, zumindest eine Anlaufstelle für Notfälle und eine festgelegte Zahl an Schlafplätzen anzubieten. <BR /><BR />Meist sind es Schicksalsschläge, die Menschen zu Obdachlosen machen. Eine Krankheit, Scheidung, Alkoholsucht, Verlust des Arbeitsplatzes, Gewalt, Krieg in der Heimat. Es kann also viele von uns treffen. Wer wäre dann nicht froh um ein Land, das einen nicht im Regen stehen und in der Kälte frieren lässt, sondern die helfende Hand reicht?