Sonntag, 22. August 2021

7 Tote in Kabul - UNO warnt vor Katastrophe

In Kabul sind im Gedränge rund um den Flughafen 7 Menschen ums Leben gekommen. Am Sonntag versammelten sich ungeachtet großer Hitze laut britischem Verteidigungsministerium erneut tausende Menschen vor dem Airport der afghanischen Hauptstadt, um das Land nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban zu verlassen. Ein Sprecher bezeichnete die Bedingungen vor Ort als „nach wie vor äußerst schwierig“. Die UNO warnte indes vor einer „humanitären Katastrophe“.

Verzweifelt versuchen viele Afghanen einen Platz in den Flugzeugen zu bekommen, die sich außer Landes bringen sollen.
Verzweifelt versuchen viele Afghanen einen Platz in den Flugzeugen zu bekommen, die sich außer Landes bringen sollen. - Foto: © APA/afp / SGT GLEN MCCARTHY
In dem Chaos auf dem Flughafen sollen nach Berichten örtlicher Meiden auch mehrere Kinder verloren gegangen sein. So kümmert sich einer Reportage des Fernsehsenders Ariana News zufolge etwa eine Familie aus der Hauptstadt seit einer Woche um ein Kind im Volksschulalter, das es am Flughafen im Stacheldraht festhängend gefunden hatte. Bis heute seien die Eltern trotz vieler Bemühungen nicht auffindbar, sagte die Familie.

„Dehydriert und verzweifelt


„Unsere Gedanken sind bei den Familien von 7 afghanischen Zivilisten, die tragischerweise in der Menge in Kabul gestorben sind“, hieß es am Sonntag in einem Statement des britischen Verteidigungsministeriums. Zuvor hatte bereits ein Korrespondent des britischen Senders Sky News von chaotischen Szenen vor den Toren des Flughafens berichtet, bei denen Menschen am Samstag „gequetscht“ worden seien. Viele seien dehydriert und verzweifelt gewesen. Seinem Bericht zufolge konnten Sanitäter bei mehreren Menschen keine Lebenszeichen mehr feststellen, woraufhin diese in weiße Tücher gehüllt wurden.

Warnungen vor „Katastrophe“

Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan versuchen täglich zahlreiche Afghanen und ausländische Staatsbürger, sich Zutritt zum Flughafen der Hauptstadt zu verschaffen, um mit einem der Evakuierungsflüge dem Land zu entkommen. Die deutsche und die amerikanische Botschaft in Kabul rieten ihren Staatsbürgern am Samstag von Versuchen ab, den Flughafen zu erreichen. Die deutsche Bundeswehr evakuierte nach eigener Auskunft in der Nacht weitere Menschen aus Afghanistan. Insgesamt seien inzwischen mit 18 Flügen 2134 Personen in Sicherheit gebracht worden, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die Sicherheitslage am Flughafen erschwert die Evakuierungsflüge, die auch heute fortgesetzt werden.“

Die „ohnehin schon schreckliche Situation“ könnte sich zu einer „absoluten Katastrophe“ entwickeln, warnte unterdessen die Afghanistan-Direktorin des Welternährungsprogramms (WFP), Mary-Ellen McGroarty, in der britischen Sonntagszeitung „The Observer“. Das WFP schätzt, dass von den etwa 38 Millionen Menschen in Afghanistan heute schon 14 Millionen nicht genug zu essen haben. Das Land wird auch von einer schweren Dürre geplagt.

Appelle an die internationale Gemeinschaft

McGroarty forderte eine enge Abstimmung innerhalb der internationalen Gemeinschaft. „Wir müssen Unterstützung ins Land bringen - nicht nur Nahrung, auch medizinische Unterstützung und Schutz. Wir brauchen Geld, und wir brauchen es jetzt“, appellierte sie. Falls nicht innerhalb von sechs oder sieben Wochen Hilfe eintreffe, werde es zu spät sein - viele Straßen seien dann durch Schnee nicht mehr passierbar.

Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF benötigen - unabhängig von den politischen Entwicklungen - bereits fast zehn Millionen Mädchen und Buben in Afghanistan humanitäre Hilfe. Das Welternährungsprogramm habe alleine in dieser Woche 80.000 Menschen mit Essen versorgen können. Insgesamt konnten 400.000 Flüchtlinge innerhalb des Landes verpflegt werden, so die Organisation. Aktivitäten der Organisation mussten in einigen Gegenden kurzzeitig wegen Kämpfen und Gewalt unterbrochen werden. Die Hilfslieferungen sollen nach Angaben einer Sprecherin kommende Woche wieder fortgesetzt werden.

Ein Großteil der humanitären Hilfsorganisationen will seine Arbeit in dem krisengebeutelten Land jedenfalls fortsetzen. Alle Organisationen der Vereinten Nationen, wie etwa das Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR), wollen nach Informationen der „Welt am Sonntag“ ihre Arbeit in Afghanistan trotz der Machtübernahme der Taliban weiterführen. Nach Angaben des UNO-Informationsbüros in Genf handle es sich dabei um etwa 300 ausländische und rund 3.000 einheimische Mitarbeiter.

„In vielen Provinzen wurden wir von den Taliban gebeten, dass wir bleiben und unsere nachweislich erfolgreiche Arbeit für Kinder fortsetzen“, so UNICEF gegenüber der „WamS“. Laut Einschätzung des UNO-Büros in Kabul in dem Bericht wollen auch die meisten der über 150 nicht-staatlichen Hilfsorganisationen (NGOs) vor Ort bleiben. Dies betreffe mehrere Tausend Mitarbeiter.

Am Samstag rief die Europäische Kommission die EU-Länder auf, sich auf mögliche Fluchtbewegungen aus Afghanistan vorzubereiten. „Wir sollten nicht die gleichen Fehler wie 2015 machen. Wir sollten nicht warten, bis die Menschen an den EU-Außengrenzen stehen“, sagt die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson der „Welt am Sonntag“. Man müsse die Afghanen innerhalb des Landes und in den Nachbarländern der Region unterstützen. Die schwedische Politikerin rief aber auch alle EU-Länder auf, über das Umsiedlungsprogramm des UNO-Flüchtlingshochkommissariates mehr Menschen aus Afghanistan aufzunehmen.„Die EU-Kommission ist bereit, solche Programme zu koordinieren und zusätzliche Finanzhilfen bereitzustellen.“ EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hatte zuvor bei einem Besuch in Spanien einen ähnlichen Appell an alle Staaten gerichtet, die an der Afghanistan-Mission beteiligt waren. Sie stellte finanzielle Hilfe für EU-Mitglieder in Aussicht, die Flüchtlinge aufnehmen.

Diese Aufnahmen von vor rund einer Woche zeigen die blanke Verzweiflung vieler Menschen am Flughafen von Kabul nach der Machtübernahme der Taliban. Sie wollen fliehen und riskieren dafür ihr Leben:

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apa