„In unsicheren Zeiten wie diesen hat menschenfeindliches Gedankengut Hochkonjunktur“, sagt der Politikwissenschafter. „Je größer die Unsicherheit, desto anfälliger werden wir – und desto gefährlicher werden extremistische und menschenfeindliche Überzeugungen.“<BR /><BR />Weshalb wir gerade jetzt wieder in den Sog ideologischer Extreme geraten, erklärt Kobler im Interview.<BR /><BR /><BR /><b>Die Ausschreitungen in Turin oder Neofaschisten, die in Bozen für „Remigration“ aufmarschieren wollen – lernen wir nicht aus der Geschichte, oder warum scheint die Gesellschaft weiter nach außen zu rücken?<BR /></b>Kobler: Auf jeden Fall rücken wir aktuell weiter nach außen. Natürlich hat das auch mit der Vergangenheit zu tun, ganz im Sinne Bertolt Brechts Zitat: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Allerdings denke ich auch, dass dieser Trend ebenso ein Produkt unserer Zeit ist. Wir leben in einer Welt multilateraler Krisen – Corona-Pandemie, Inflation, Kriege in Gaza und der Ukraine schüren Unsicherheit und lassen das Vertrauen in Politik, Staat und Institutionen schwinden. Das erzeugt ein Gefühl des Allein- und Verlassenseins – ein Nährboden, auf dem extreme Ideologien leichter Fuß fassen können. Gleichzeitig leben wir in einer stark vernetzten Welt, in der Radikalisierungsprozesse viel schneller vonstattengehen.<BR /><b><BR />Inwiefern hat Vernetzung den Radikalisierungsprozess verändert?</b><BR />Kobler: Früher konnte es Jahre dauern, bis jemand nach dem ersten Kontakt mit einer extremen Ideologie wirklich davon überzeugt war. Heute kann dieser Prozess in wenigen Wochen oder Monaten ablaufen. Grund dafür ist die globale Vernetzung: Soziale Netzwerke, Foren oder Online-Spiele mit Chaträumen werden von radikalen Gruppen gezielt genutzt, um neue Mitglieder zu rekrutieren und extremistische Ideen zu verbreiten.<BR /><BR />Das Internet wirkt dabei nicht nur als Beschleuniger. Es verstärkt auch die Wirkung radikaler Botschaften, weil Informationen und Kontakte blitzschnell verfügbar sind, wodurch Zugehörigkeitsgefühle zu Gruppen gestärkt werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1273875_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Macht globale Vernetzung jeden von uns anfälliger – oder gibt es Eigenschaften, die Menschen besonders empfänglich machen?</b><BR />Kobler: Nein, nicht jeder ist gleich anfällig für extremistische Überzeugungen, nur weil wir in einer vernetzten Welt leben oder uns inmitten einer multilateralen Krise befinden. Faktoren wie Unzufriedenheit, Einsamkeit und die damit verbundene Suche nach Zugehörigkeit können Menschen empfänglicher für extremistische Gruppierungen machen. Auch radikale Ideen, die innerhalb von Familie oder Freundeskreis weitergegeben werden, erhöhen das Risiko. Ein Mangel an Bildung kann die Anfälligkeit zusätzlich steigern. <BR /><BR />Generell gilt: Je größer Unsicherheit und Ängste, desto empfänglicher werden wir für derartige Überzeugungen. Je mehr Vertrauen wir hingegen in Politik, Gesellschaft und Staat haben, desto weniger ziehen extremistische Ideen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73433235_quote" /><BR /><BR /><b>Lauert die Gefahr extremistischer Ideologien ausschließlich an den politischen Rändern und im Außen?<BR /></b> Kobler: Mir ist es wichtig zu betonen, dass es nicht nur die äußersten politischen Ränder sind, die wir als Gesellschaft im Blick haben sollten. Extremismus kann sich sehr wohl auch in und aus der Mitte heraus bilden. Die größte Gefahr für eine demokratische Gesellschaft geht in meinen Augen noch immer von einer Bevölkerung aus, die ins Autoritäre abdriftet und in der sich menschenfeindliche Überzeugungen und extremistisches Gedankengut finden – Extremismus muss also keineswegs immer nur aus den äußeren Rändern „kriechen“.<BR /><BR /><b>Was kann jeder von uns gegen extremistische Ideologien tun?<BR /></b>Kobler: Zusammenkommen, Mitglied in Vereinen sein, selbst welche gründen oder sich politisch engagieren. Kurz gesagt: den Zusammenhalt stärken und dadurch das soziale Gefüge sowie das gegenseitige Vertrauen fördern. Uns sollte bewusst sein, dass Demokratie kein Selbstläufer ist: Sie wurde hart erkämpft – gewissermaßen auch „erstritten“ – durch Diskurse, die verschiedene Standpunkte auf Augenhöhe zulassen. Genau das unterscheidet demokratische Debatten von extremistischen.<BR /><BR />Darüber hinaus sollten wir in der Bildung ansetzen, um in einer schnelllebigen und vernetzten Welt Schritt halten zu können: Dazu gehören Unterrichtsfächer zur politischen Bildung oder Diskurskultur – so machen wir Menschen fit, kritisch zu denken und unterschiedliche Perspektiven einnehmen und nachvollziehen zu können.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73433231_listbox" /><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73437613_listbox" /><BR /><BR /><b>Zur Person:<BR /></b>Thomas Kobler ist Sozialpädagoge und Politikwissenschaftler. Seine Master- und Diplomarbeit verfasste er zum Thema Rechtsextremismus. Er engagiert sich in der Präventionsarbeit und hält regelmäßig Workshops zu Rechtsextremismus an Oberschulen.