Kein anderer österreichischer Präsident hat so turbulente (innen-)politische Zeiten erlebt wie Alexander Van der Bellen. Ein Porträt von Andreas Schwarz.<BR /><BR />Van der Bellen (VdB) hat seine Präsidentschaft noch bis 2028 in der Tasche. Und er hat zumindest ein extrem spannendes Jahr vor sich (Stichwort: Regierungsbildungsauftrag für einen extremen Rechtspopulisten?); und beispiellos turbulente Jahre hinter sich.<BR /><BR />Kein österreichisches Staatsoberhaupt vor ihm hat so viele Regierungsmitglieder alleine in seiner ersten Amtszeit bis Ende 2021 angeloben müssen, wie Van der Bellen (121); keines hat so viele Kanzler kommen und gehen sehen (5 bzw. einstweilen 4 inklusive eines Not-Expertenkabinetts); keines hat sich mit so vielen politischen Krisen befassen müssen (Ibiza-Video als Auslöser für den Bruch der ersten Sebastian Kurz-Regierung aus ÖVP und FPÖ, Korruptionsaffären und -ermittlungen der Staatsanwaltschaft).<BR /><BR />Und keines hat erst eine fast einjährige Wahlfarce überstehen müssen, bis seine Kür zum Staatsoberhaupt feststand: Im Jahre 2016 kam der frühere Wirtschaftsprofessor aus dem Tiroler Kaunertal im ersten Wahlgang auf den überraschenden zweiten Platz mit weitem Abstand hinter dem Freiheitlichen Norbert Hofer (die Kandidaten der etablierten SPÖ und ÖVP rangierten unter „ferner liefen“). In der Stichwahl im Mai lag am Wahlabend ohne Briefwahlstimmen Hofer vorne, am Morgen danach mit ausgezählten Briefwahlstimmen Van der Bellen, mit einem Vorsprung von gerade einmal 31.000 Stimmen. <BR /><BR />Die Wahl wurde seitens der FPÖ angefochten (Unregelmäßigkeiten bei Auszählung der Briefwahlstimmen), der Wiederholungstermin musste wegen kaputter Briefwahlkuverts (!) abgesagt und verschoben werden, und erst im Dezember stand in der Stichwahl Van der Bellen als neuer Bundespräsident fest – mit nunmehr 348.000 Stimmen mehr.<BR /><BR />In den turbulenten innenpolitischen Jahren, die folgen sollten, polarisierte der Nachfahre einer im 18. Jahrhundert aus Holland nach Russland emigrierten und später vor dem russischen Bürgerkrieg in den Westen geflohenen Familie mit spitzen Sagern in Richtung der Regierenden. <BR /><BR />Im Zuge der aufpoppenden Korruptionsvorwürfe gegen ÖVP-Politiker vom Ex-Kanzler abwärts zeigte er etwa im Herbst 2022 „Verständnis, wenn sich viele nun mit Grauen abwenden“ und forderte auf, den „Wasserschaden am Gebäude der Republik“ zu reparieren („Das kann doch alles nicht wahr sein“); und ein Neujahr später bemängelte er in seiner Ansprache, dass der „Wasserschaden“ noch immer nicht behoben sei. <BR /><BR />Schon nach besagtem Ibiza-Video 3 Jahre zuvor hatte er sich an die Nation gewandt: „So sind wir nicht“, ist Van der Bellens legendärster Ausspruch.<BR /><BR />Politische Gegner werfen ihm vor, seine Vergangenheit als Grüner und Linker (VdB war vor seiner Karriere als längst dienender Obmann der Grünen auch SPÖ-Mitglied) nicht verleugnen zu können. Und FPÖ-Chef Herbert Kickl hat überhaupt 2 Rechnungen offen: Mit der ÖVP, dass der damalige Kanzler Kurz die Koalition mit der FPÖ nach dem Ibiza-Video und den peinlichen Aussagen des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache über den Kauf der Republik und die Finanzierung von Parteien 2019 platzen ließ; und mit Van der Bellen, dass der auf Gesuch Sebastian Kurz„ den damaligen Innenminister Herbert Kickl aus seinem Amt entließ.<h3>Passionierter Kettenraucher</h3>Bis Herbst des laufenden Jahres wird der Kopf des passionierten Kettenrauchers Van der Bellen bei der Frage rauchen, wie mit dem zu erwartenden Wahlsieg der Kickl-FPÖ bei den kommenden Parlamentswahlen umgehen?<BR /><BR />Mehrfach hat „Sascha“, wie ihn seine Freunde nennen, angekündigt, Kickl könne sich nicht sicher sein, einen Regierungsbildungsauftrag zu bekommen – statt dass der Wahlsieger, wie meistens üblich, den Auftrag erhält, könnten auch „Sondierungsgespräche“ angeordnet werden, und wenn sich keine Regierung mit der FPÖ abzeichnet, jemand anderer beauftragt werden. Kickl nennt Van der Bellen seither nur noch die „Mumie in der Hofburg“ und „senil“.<BR /><BR />Das jedenfalls ist der seit 2015 zum zweiten Mal verheiratete „grüne Herr Professor“, wie er immer genannt wurde, auch mit 80 definitiv nicht. Und vielleicht sind die kommenden Herausforderungen ja so eine Art Jungbrunnen.