Donnerstag, 01. Oktober 2015

Solche Schnappschüsse „finde ich geschmacklos“

Mit dem Debakel von Bozen begann die Massenflucht aus dem Rathaus. Erst Spagnolli, dann die Stadträte, am Ende ging Ladinser. Auch Dieter Steger wollte gehen – und konnte nicht. Er bleibt SVP-Stadtobmann. Jetzt bereitet er den Neustart vor, „mit voller Kraft“, wie er sagt. Ein Rück- und Ausblick.

Foto: DLife/Twitter Luigi Spagnolli
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Foto: DLife/Twitter Luigi Spagnolli

Südtirol Online:  Herr Steger, Sie wollten gehen und konnten nicht. Wie gerne hätten Sie sich das Alles in Bozen erspart?

Dieter Steger, SVP-Stadtobmann: Es wäre einfacher gewesen, für mich persönlich. Ich wollte ernsthaft zurücktreten. Am Ende gab’s für mich zwei Gründe zum Bleiben: Zum einen die breite Zustimmung – da waren immerhin 30 Leute, die mich gebeten haben zu bleiben. Zum anderen ist es eine Frage der Verantwortung, die man der Stadt gegenüber hat. Ich sagte mir: „Du kannst doch nicht das sinkende Schiff verlassen.“

STOL: Sie sprechen von Verantwortung. Verantwortung erhalten Politiker vor allem durch Wahlen. Und PD und SVP sind gewählt worden, haben allerdings in den vergangenen Monaten eine schlechte Figur abgeliefert.

Steger: Es war extrem unangenehm. Ich habe mich bis zum Schluss bemüht, dass wir eine Regierung bilden können. Umso mehr tut’s mir leid, dass das nicht gelungen ist.

STOL: Haben auch Sie versagt?

Steger: Ich habe sicher auch Fehler gemacht. Die gestehe ich auch ein. Einer meiner Fehler war, dass ich versucht habe, die Gruppe, die sich sehr stark für die Aufwertung des Busbahnhofareals eingebracht hatte (die Gruppierung Zukunft Bozen; Anm.d.Red.), mit in die Partei zu holen. Das würde ich heute nicht mehr machen. Denn am Ende hat sich gezeigt, dass wir als Mannschaft nicht zusammengewachsen sind. Man kann nicht gewinnen, wenn man keine Einheit bildet.

STOL: Inwiefern hat Anna Pitarelli zum Untergang der Stadtverwaltung beigetragen?

Steger: Vielleicht war ihr Verhalten mit ein Auslöser. Das Grundproblem, aufgrund dessen man nicht imstande war, eine Mehrheit zu bilden, liegt aber wahrscheinlich tiefer.

STOL: Luigi Spagnolli lässt Sie nun mit dem Benko-Projekt allein. Ein schweres Erbe.

Steger: Eine ungeschickte Aktion. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

STOL: Was denken Sie?

Steger: (Pause) Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

STOL: PD und SVP gehen aus der Misere gescholten hervor. Passiert nun genau das, was beide Parteien verhindern wollten – nämlich, dass die Rechte erstarkt?

Steger: Das wird der Wähler entscheiden. Natürlich sind wir, als SVP, nun in einer schwierigen Situation. Aber die bietet auch die Chance auf einen Neuanfang. An der Spitze ist der Platz frei. Wir brauchen personelle, inhaltliche und methodische Erneuerung. Kommt das Ende so abrupt, muss man erst mal durchschnaufen und sich fragen: „Um Gottes Willen, was ist denn hier passiert?“ Und dann neu durchstarten.

STOL: Schnaufen Sie noch durch oder starten Sie schon durch?

Steger: Für mich war das eine sehr schwierige Zeit. Aber zurückschauen nützt nichts. Nach dem SVP-Koordinierungsausschuss von gestern (Mittwochabend; Anm.d.Red.) war für mich klar: Ich werde meine ganze Kraft und meine ganze Energie dafür einsetzen, dass wir im Mai wieder halbwegs gesund dastehen.

STOL: Der SVP-Spitzenkandidat der vergangenen Wahl, Klaus Ladinser, steht eigenen Angaben zufolge für die Gemeindepolitik nicht mehr zur Verfügung. Das Bozner Edelweiß hat sein Gesicht verloren. Woher sollen die neuen Kandidaten kommen?

Steger: Wir müssen ruhigen Kopf bewahren, ein positives Klima schaffen und eine neue Mannschaft aufstellen. Ein paar Ideen habe ich schon.

STOL: Wie attraktiv ist die Bozner Politik noch, speziell für junge, engagierte Menschen – nach dem jüngsten Debakel?

Steger: Situationen der Krise sind Situationen, in denen sich Neues entwickelt. Das ist meine Hoffnung.

STOL: Sie klingen sehr motiviert. Reicht Ihre Energie dafür, sich selbst als Spitzenkandidat ins Rennen zu bringen?

Steger: Ich werde es nicht so halten wie Vertreter einiger italienischer Parteien. In Bozen kandidieren, um dann, wenn daraus nichts wird, weiter im Landtag zu sitzen (Steger spielt auf Alessandro Urzì von Alto Adige nel Cuore an; Anm.d.Red.).

STOL: Sie kandidieren also nicht im Mai.

Steger: Ich werde sicher nicht kandidieren.

STOL: Sind Luis Walcher oder Elmar Pichler Rolle als Spitzenkandidaten im Gespräch?

Steger: Wir haben noch in keinster Weise personelle Überlegungen angestellt. Das wäre in dieser Phase falsch. Wir müssen alles auf Null setzen und uns alle Optionen offen lassen.

STOL: Ex-Gemeinderatspräsident Luis Walcher meinte, die Politik müsse sich für die vergangenen Tage in Bozen entschuldigen.

Steger: Niemand der 45 Gemeinderäte hat sich ein Ruhmesblatt verdient. Das war sicher keine Werbung für die Politik.

STOL: Inwiefern sind in einer derartigen Lage Schnappschüsse mit Victory-Zeichen hilfreich?

Steger: Finde ich geschmacklos.

 

 

STOL: Können Sie versprechen, dass es nach den nächsten Wahlen in Bozen zumindest besser wird, als es zuletzt war?

Steger: Ich kann versprechen, dass die Volkspartei ein Angebot machen wird, das der Wähler honorieren kann. Was danach ist, hängt nicht nur von uns ab.

Interview: Petra Gasslitter

stol