Die bisher bekannten Vorwürfe lassen sich nur kursorisch aufzählen und mühsam zu einem Gesamtbild zusammenfügen. <b>Von Andreas Schwarz</b><BR /><BR />Der Mann heißt Egisto Ott, was allein schon das Zeug zum Tarnnamen hätte – aber einer seiner wirklichen Decknamen lautete „Giovanni Parmigiano“. <BR /><BR />Der ehemalige Verfassungsschützer und Polizist steht seit 6 Jahren im Verdacht, für Russland zu spionieren und unter anderem Daten von Handys an den FSB weitergegeben zu haben, Handys, die bei einem Bootsausflug ins Wasser gefallen waren – weil die Frau des damaligen Innenministers und heutigen österreichischen Kanzlers zu heftig geschaukelt hatte. <BR /><BR />Bezahlt haben soll ihn u.a. einer der meistgesuchten Männer der Welt, der flüchtige Wirecard-Gründer und mutmaßliche Milliarden-Bilanzenfälscher Jan Marsalek, der angeblich in Moskau lebt.<BR /><BR />Seit Montag sitzt der vergangene Woche festgenommene mutmaßliche Spion Ott vulgo Parmigiano in U-Haft. Und der Fall hat, so pittoresk die Details sind, das Zeug, der größte Spionagefall in der Geschichte der Republik zu werden.<h3> Sprengstoff im heurigen Wahljahr</h3>Und zu Sprengstoff im heurigen Wahljahr. Denn Ott und seine Zirkel sollen auch dubiose Verbindungen zur FPÖ unterhalten haben. Weshalb Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Osterwochenende mit Genuss einen „Nationalen Sicherheitsrat“ für den 9. April einberief: „Wir müssen verhindern, dass russische Spionagenetzwerke unser Land bedrohen, indem sie politische Parteien oder Netzwerke unterwandern oder instrumentalisieren“, so der Kanzler, der sich Munition gegen die in allen Umfragen vor den Herbstwahlen vorne liegenden rechtspopulistischen Freiheitlichen erhofft.<BR /><BR />Die bisher bekannten Vorwürfe lassen sich nur kursorisch aufzählen und mühsam zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ott war Mitarbeiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, der nachrichtendienstlichen obersten Behörde des Innenministeriums. 2017 schied Ott wegen möglicher Russlandspionage aus.<BR /><BR />2018 taucht ein Konvolut auf, dass BVT-Mitarbeiter schwer belastet und hinter dem Ott stecken soll. Der damalige Innenminister (und heutige FPÖ-Chef) Herbert Kickl veranlasste skandalträchtige Hausdurchsuchungen im Verfassungsschutz, die Behörde wird später aufgelöst. 2020 taucht Ex-Wirecardchef Jan Marsalek ab – offenbar von einem Flughafen in Österreich aus. Otts frühere Abteilungsleiter im BVT, der ebenfalls flüchtige Martin Weiss, soll ihm dabei geholfen haben.<BR /><BR />In der Mit-Regierungszeit der FPÖ (2017-2018) soll ein Kabinettschef der verhaltensoriginellen Außenministerin Karin Kneissl versucht haben, eine Art eigenen Geheimdienst im Außenamt zu etablieren – mit Kontakten zu Egisto Ott. Die Ermittlungen gegen den früheren Kabinettschef laufen.<BR /><BR />Gegen den Exkabinettschef und suspendierten Spitzendiplomaten Johannes Peterlik wird auch ermittelt, unter anderem, weil er dem in Moskau aufhältigen Jan Marsalek die Formel für das Nervengift Novitschok weitergeleitet haben soll.<BR /><BR />2019 soll Ott, der in der Vergangenheit schon festgenommen worden war und dem Amtsmissbrauch, nachrichtendienstliche Tätigkeit zum Nachteil Österreichs, Verletzung des Amtsgeheimnisses vorgeworfen wird, gespiegelte Handys dreier Spitzenbeamter des Innenministeriums dem russischen Geheimdienst weitergeleitet haben. Sie waren 2017 bei einem Bootsausflug des Innenministeriums ins Wasser gefallen (weil Kathi Nehammer zu viel geschaukelt haben soll) und dem BVT zur Rettung der Inhalte übergeben worden.<h3> Polizeiattaché auch in Italien</h3>So weit, so undurchsichtig und kurios. Ott, der sowohl in Italien als auch in der Türkei als Polizeiattaché tätig war, soll auch Adressen Russland-missliebiger Personen an Moskau verraten haben, soll versucht haben, eine Spionagezelle im BVT einzurichten, soll mehrfach in einer Wiener Wohnung größere Geldbeträge aus dem Ausland übernommen haben – und bestreitet zunächst alle Vorwürfe. So wie für alle Genannten natürlich die Unschuldsvermutung gilt.<BR /><BR />Ob es sich tatsächlich um den größten Spionage-Krimi in der Geschichte der Zweiten Republik handelt oder „nur“ um die ein bisschen einfältigen Versuche, groß Spionage zu spielen, werden die weiteren Ermittlungen zeigen. Die ÖVP ist jedenfalls grimmig entschlossen, aus dem Agententhriller einen weiteren Beweis für den Einfluss Russlands auf die FPÖ zu ziehen – die Freiheitlichen mit ihrem Freundschaftsvertrag zur Putin-Partei „Einiges Russland“ und ihrer fehlenden Distanzierung von Wladimir Putin haben ja einen einschlägigen Haut-gout. „Egisto Ott war SPÖ-Funktionär und hat im Auftrag Russlands mit der rechten Hand von (Parteichef) Kickl kooperiert“, sagt ÖVP-Generalsekretär Christian Stocker. Für Munition in den nächsten Monaten ist gesorgt.