Dienstag, 22. März 2022

„Surreal, dass wir eigentlich hilflos sind, auch wenn wir Hilfe zusichern“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Dienstag in Rom vor den beiden Kammern des italienischen Parlaments gesprochen. Auch die SVP-Parlamentarier waren bei der Live-Videoschalte dabei. Manfred Schullian beschreibt das Ereignis so: „Surreal die Vorstellung, dass jemand mit uns spricht, hinter dessen Rücken ein Krieg tobt, Panzer auffahren und Bomben fallen. Surreal und beklemmend auch die Vorstellung, dass wir außen vor stehen und eigentlich hilflos sind, auch wenn wir Hilfe zusichern.“

Standing Ovations in der Abgeordnetenkammer in Rom: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warb um Unterstützung. - Foto: © ANSA / ROBERTO MONALDO / POOL

„Es wirkt surreal. Dichtgedrängt sitzen Senatorinnen, Senatoren und Abgeordnete in der Aula von Montecitorio, die Regierungsbank ist vollbesetzt, Ministerpräsident Draghi im Zentrum, neben ihm Außenminister Di Maio und Verteidigungsminister Guerini, Inhaber der gewichtigsten und schwierigsten Ressorts in Zeiten des Krieges, denn anderes als Krieg ist es nicht“, schildert der Kammerabgeordnete Manfred Schullian.

Foto: © ANSA / LaPresse / Roberto Monaldo



„Präsident Selenskyj spricht zum italienischen Parlament und zum italienischen Volk aus einer Stadt im Würgegriff eines Kriegsherrn, dessen Namen er nicht einmal nennt. Er erzählt, vor dieser Ansprache mit Papst Franziskus gesprochen zu haben, der ihm Verständnis gezeigt habe, dass ein Volk Frieden will und um des Friedens willen kämpft und sich wehrt. Er beschreibt die Lage, ruhig, aber nicht gelassen. Er spricht von den 117 Kindern, die diesem Krieg bis jetzt zum Opfer gefallen sind und den Kindern, die der Verantwortungslosigkeit des Aggressors noch zum Opfer fallen werden, von den vielen Toten und Verletzten. Er spricht von den Leiden eines Volkes, von den Zerstörungen, von den verminten Meeren und den Gefahren, die davon für alle ausgehen. Er spricht davon, dass die Lebensmittel knapp werden, dass eine Aussaat in Zeiten des Krieges auf verwüsteten Feldern nicht möglich und eine Ernte auf verbrannter Erde nicht vorstellbar sind, er fordert rigorose Maßnahmen auch gegen jene, die sich im Dunstkreis dieses Kriegsherrn aufhalten und davon profitieren.“

Das ukrainische Volk wurde zum ukrainischen Heer, sagt Selenskyj, und Kriegsszenarien werden plötzlich real, geschildert von einem Staatsmann aus einem heimgesuchten Land.
Manfred Schullian, Kammerabgeordneter


Schullian weiter: „Das ukrainische Volk wurde zum ukrainischen Heer, sagt Selenskyj, und Kriegsszenarien werden plötzlich real, geschildert von einem Staatsmann aus einem heimgesuchten Land. Selenskyj bedankt sich für die Unterstützung Italiens und auch für die Aufnahme von Flüchtlingen, deren Rückkehr in die Heimat er sich erhofft, er weiß die Gastfreundschaft und den Familiensinn der Italiener zu schätzen.“ Selenskyj habe Mariupol mit Genua verglichen: „Er malt aus, wie es wäre, würde Genua beschossen und müssten Zehntausende aus der Stadt fliehen, zu Fuß, mit Autos, in Bussen. Friede wolle sein Land, um diese Heimat wiederaufzubauen, die Felder zu entminen und die Zerstörungen des Krieges zu beseitigen. ,Ehre der Ukraine‘, damit endet die Ansprache“, so Schullian.

Wer weiß, welche militärischen Entscheidungen oder Hiobsbotschaften auf ihn warten. Surreal wirkt die Situation, surreal die Vorstellung, dass jemand mit uns spricht, hinter dessen Rücken ein Krieg tobt, Panzer auffahren und Bomben fallen.
Manfred Schullian, Abgeordnetenkammer


Minutenlanger Applaus – „nicht für seine Darstellung, sondern als Geste und Ausdruck der Solidarität sind die Antwort von uns allen, bis Ministerpräsident Draghi klare Worte findet, den Kriegsherrn Putin beim Namen nennt und weitere und verstärkte Unterstützung auch militärischer Art zusichert, was von Guerini durch eindeutige Gestik bestätigt und bekräftigt wird. Italien wird an der Seite der Ukraine stehen und die Integration in die Europäische Union unterstützen, ohne dies von Bedingungen abhängig zu machen, so Draghi, der den Kampf der Ukrainer als Kampf für die Freiheit von uns allen bezeichnet.“

Schullian beschreibt eindringlich: „Der Applaus hält noch an, da ist Selenskyj schon vom Bildschirm verschwunden. Wer weiß, welche militärischen Entscheidungen oder Hiobsbotschaften auf ihn warten. Surreal wirkt die Situation, surreal die Vorstellung, dass jemand mit uns spricht, hinter dessen Rücken ein Krieg tobt, Panzer auffahren und Bomben fallen. Surreal und beklemmend auch die Vorstellung, dass wir außen vor stehen und eigentlich hilflos sind, auch wenn wir Hilfe zusichern.“

„Eine Bedrohung der Grundprinzipien der europäischen Lebensform“

Auch Senatorin Julia Unterberger, Vorsitzende der Autonomiegruppe, war bei der Videoschalte im Parlament anwesend: „Die Worte Draghis und die Begrüßung durch das Parlament zeigen unmissverständlich, dass Italien weiterhin auf der richtigen Seite, nämlich der der Ukraine, stehen wird.“ Draghi habe zu Recht bekräftigt, dass Italien weiterhin jede erdenkliche Hilfe anbieten und sich vor allem für einen raschen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union einsetzen werde.

Senatorin Julia Unterberger – für den Anlass in die Nationalfarben der Ukraine gehüllt.



Unterberger: „Wir müssen uns vor Augen halten, dass dieser Angriff Russlands auf die Ukraine auch eine Bedrohung der Grundprinzipien der europäischen Lebensform darstellt. Wir müssen die Ukraine weiterhin mit allen erdenklichen Mitteln unterstützen und die Aufnahme der Millionen von Flüchtlingen, die ihr Land verlassen mussten, gewährleisten. Gleichzeitig müssen wir unsere Bemühungen um eine Beendigung des Konfliktes verstärken. Heute sind sich die Ukraine und Italien näher als je zuvor.“

Es ist legitim, dass sich dieses Volk verteidigt.
Senator Dieter Steger


Die Forderung von Präsident Wolodymyr Selenskyj an „das freie Europa“ kann Senator Dieter Steger nachvollziehen: „Nämlich, dass Europa und Italien weitere Sanktionen gegen den russischen Aggressor aussprechen sollen.“ Der Aggressor Putin könne nur gestoppt werden, „wenn die Sanktionen so stark sind, dass sie die russische Wirtschaft kollabieren lassen. Wenn das nicht gelingt, dann geht Selenskyj davon aus, dass der Krieg noch lange dauern wird.“ Selenskyj kämpfe mit seinem Volk an vorderster Front für Freiheit und Demokratie, gegen Autokratie und Diktatur, sagt Steger.

Bemerkenswert fand er auch Draghis Zusage, den EU-Beitritt der Ukraine unterstützen zu wollen.

Die ergreifenden Schilderungen Zelenskys haben uns die menschliche Dimension eindrucksvoll vor Augen geführt.
Senator Meinhard Durnwalder


„Präsident Wolodymyr Selenskyj hat auf bewegende Weise geschildert unter welchen unvorstellbaren Belastungen die ukrainische Bevölkerung durch den Angriff Russlands auf ihre Heimat leidet“, erklärt Senator Meinhard Durnwalder. Man werde mit zahllosen Meldungen und Nachrichten seit Wochen laufend über diesen schrecklichen Krieg informiert, „aber die ergreifenden Schilderungen Selenskyj haben uns die menschliche Dimension eindrucksvoll vor Augen geführt“.

Durnwalder weiter: „Ministerpräsident Mario Draghi zeigte sich im Anschluss an die Rede Selenskyj beeindruckt vom Mut, der Entschlossenheit und dem Patriotismus der Ukrainer und sicherte der Ukraine nochmals die Solidarität und Unterstützung Italiens zu. Ebenso hat sich Draghi klar für einen raschen Eintritt der Ukraine in die Europäische Union ausgesprochen“.

Wir müssen alles unternehmen, was in unserer Macht steht, um diesem unmenschlichen Leid ein Ende zu setzen – so schnell wie möglich, denn in diesem Krieg sterben jeden Tag unschuldige Menschen.
Renate Gebhard, Kammerabgeordnete


„Die Schilderungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj haben mich persönlich sehr berührt“ sagt die Kammerabgeordnete Renate Gebhard im Anschluss an die Videokonferenz. „Sie haben einmal mehr verdeutlicht, welche Ängste, Verluste, Verletzungen und Qualen die Menschen in der Ukraine, Männer, Frauen und Kinder, in diesen Tagen ausstehen müssen“, verweist Gebhard auf die dramatische Situation vor Ort.

„Wir müssen alles unternehmen, was in unserer Macht steht, um diesem unmenschlichen Leid ein Ende zu setzen – so schnell wie möglich, denn in diesem Krieg sterben jeden Tag unschuldige Menschen. Jetzt, in diesen Stunden. Mitten in Europa“, stützt Gebhard die solidarische Haltung der italienischen Regierung und des Parlaments.

Die Parlamentarier sind sicher bereit, die Hilfsmaßnahmen der italienischen Regierung voll mitzutragen und zu unterstützen.
Albrecht Plangger, Kammerabgeordneter


Auch für den Kammerabgeordneten Albrecht Plangger sei es „ein sehr emotionales Erlebnis“ gewesen. Der ukrainische Präsident habe den „Nerv“ des Parlamentariers getroffen, unter anderem „mit Vergleichen zwischen Mariupol und Genua, dem ersten in Italien geborenen ukrainischen Flüchtlingskind, sowie der italienischen Gastfreundschaft“.

„Er hat uns das Kriegsgeschehen und die Situation in den umzingelten ukrainischen Städten so nahe gebracht, dass man fast den Kriegslärm hätte hören können. Die Parlamentarier sind sicher bereit, die Hilfsmaßnahmen der italienischen Regierung voll mitzutragen und zu unterstützen“, erklärt er.

kn/am

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