Wenn da nicht der interne Streit im Bozner „Popolo della Libertá“ (Pdl) wäre und sein größter Konkurrent Giorgio Holzmann hieße. Mario Tagnin, 40, Bozner, von Beruf Zahnarzt, verheiratet und Vater dreier Kinder, ist der große, wenngleich noch recht unbekannte „politische Wurf“ des rechten Pdl-Flügels um Alessandro Urzì, Maurizio Vezzali und Michaela Biancofiore. Bereits in der vergangenen Woche hatte er sich den Medien präsentiert, am heutigen Freitag lud er am Vormittag ausschließlich die deutsche Presse zum Gespräch, das er konsequent in deutscher Sprache führte. Er habe einen Traum, meinte Tagnini in Anlehnung an Martin Luther King Jr. „Den Traum eines neuen, schnellen Bozens, in dem die Sprachkonflikte ein Ende haben und eine neue Generation offen und selbstbewusst der globalisierten Welt gegenübertritt“. „Holzmann ist klassisch, ich bin neu“Die logische Folgerung für ihn: „Der Pdl muss sich bei den Gemeinderatswahlen zweisprachig präsentieren, sowohl in Bozen als auch in den anderen Städten, in denen die Partei antritt.“ Denn: Bozen sei nicht mehr nur die Stadt der Deutschen und der Italiener, sondern mittlerweile Heimatort vieler Personen mit Migrationshintergrund, die einerseits integriert werden müssten, andererseits sich an die Regeln zu halten hätten. Er selbst schreibt sich das Attribut zweisprachig zu. Und während er in Giorgio Holzmann eher den „klassischen Politiker“, den die Distanz zum Bürger prägt, sieht, will er es anders machen, sich als Alternative präsentieren.„Mich interessieren nicht so sehr die Parteien, mich interessieren die Menschen, die alle die gleichen Probleme plagen, egal welcher Muttersprache sie sind“, unterstrich er auf der Pressekonferenz. Zweisprachigkeit sei Pflicht, über die sollte nicht mehr diskutiert werden müssen. Kurzen Prozess würde Tagnin deshalb auch mit der Sprachgruppenzugehörigkeit machen, die ihn an südafrikanische Verhältnisse erinnere.Partei noch glaubwürdig? Tagnin: „Wähler entscheiden“ Angesprochen auf die (Un)Glaubwürdigkeit einer derart zerstrittenen Partei wie der seinen, meinte Tagnin, dass nicht er es gewesen sei, der die Barrieren hochgefahren habe. „Ich bin auf diese gestoßen“. Mit seinem internen Widersacher Giorgio Holzmann habe er noch nie ein Wort gewechselt. „Ich bin für ihn wahrscheinlich ein zu kleiner Mann“, so Tagnin lakonisch, ging dann aber nicht weiter auf die interne Rivalität ein. Es sei Rom, das die Entscheidung zwischen Holzmann und Tagnin treffe. „Bis jetzt haben wir nichts gehört. Ich bin aber zuversichtlich. Vor allem auch deshalb, weil man die Entscheidung sicherlich beeinflussen kann. Wenn die Vertreter in Rom merken, dass der Tagnin sich in Bozen fleißig den Wählern präsentiert, dann werden sie das honorieren. Denn Rom ist Rom, wir sind Bozen und hier finden die Wahlen statt.“ Für Alessandro Urzì, auf der Pressekonferenz ebenfalls anwesend, heißt der Pdl-Kandidat Mario Tagnin. „Der Pdl hat als versammelte Partei entschieden und sich mehrheitlich für Tagnin ausgesprochen. Nur eine kleine Minderheit hält an Holzmann fest“, bekräftigte er. Dass die Pdl-Spitzen in Rom im Spätherbst 2009 sich für Holzmann als Pdl-Bürgermeisterkandidat für Bozen ausgesprochen hatten, registrierten sowohl Tagnin als auch Urzì nur mit einem Achselzucken. Aktion „Sprich mit Mario“„Sprich mit Mario“, so heißt die Aktion, im Rahmen derer sich Tagnin ab sofort täglich in Bozen zeigen will: auf den Marktplätzen, in Bars und in den unterschiedlichen Stadtvierteln. Das Ziel: Jeder soll Tagnin kennenlernen. „Ähnlich wie Berlusconi will ich das Ohr am Bürger haben. Es bleibt dann dem Wähler überlassen, ob er mit mir meinen Traum umsetzen will“. „Keine Stadtviertel der Serie A – B – C“Sollte er das Ruder in Bozen übernehmen, „würde ich mich für mehr Sicherheit in der Landeshauptstadt einsetzen. Mittels Notrufsäulen im gesamten Stadtgebiet und die Installation von Videokameras sollte diese erreicht werden“, erklärte Tagnin. Auch die Mobilität sei ihm ein Anliegen. „Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen besser abgestimmt werden, die Stadt muss insgesamt schneller, moderner werden“, bekräftigte er. Einsetzen wolle er sich auch für eine rund um die Uhr geöffnete Apotheke im Bozner Krankenhaus und für die Angleichung der Lebensstandards in den unterschiedlichen Bozner Stadtvierteln. „Wir haben leider Serie A – B – und C-Stadtviertel. Das ist nicht gut so." Blick auf SVP und PDMit dem Rivalen aus Mitte-Links hat sich Tagnin scheinbar noch nicht sonderlich befasst. „Wir werden sehen, welche Entscheidung Rom trifft und dann stürzen wir uns auf den Wahlkampf“, wiegelte er Nachfragen auf die Wiederkandidatur Luigi Spagnollis ab. Auch auf die SVP wollte Tagnin nicht näher eingehen. Die Zusammenarbeit mit ihr sei ihm wichtig. „Die SVP ist eine Partei vieler Strömungen. Wichtig ist, dass es einige SVP-Politiker gibt, die mit uns gemeinsame Sachen machen wollen“, meinte er. „Denkmäler sind Geschichte“ Wie sich Mario Tagnin, der sich als Vertreter einer neuen mehrsprachigen Generation sieht, in Sachen Siegesdenkmal, faschistische Reliefs und dergleichen mehr verhält, bleibt abzuwarten. „Denkmäler sind Geschichte. Man sollte zwar nicht in der Vergangenheit leben, diese aber auch nicht vergessen. Wenngleich Fehler gemacht wurden, sollten Denkmäler nicht zerstört werden. Wichtig ist, dass die Fehler nicht wiederholt werden“, so Tagnin kryptisch, um dann doch deutlicher zu werden: „Wir sind im Pdl nicht alle Faschisten“. Die Autonomie sieht er als etwas Wertvolles: „Sie darf aber nicht zur Beschränkung werden“, mahnte er abschließend an. Johanna Gasser