Anlässlich des 50. Jahrestages dieses für Südtirol so wichtigen Ereignisses hat die Südtiroler Volkspartei am Freitag eine Tagung unter dem Titel „Südtirol auf der Weltbühne“ organisiert, an der Politiker, Historiker und Zeitzeugen teilnahmen. SVP-Obmannstellvertreterin Martha Stocker – sie hatte die Tagung angeregt – unterstrich in ihrer Begrüßung im TIS in Bozen Süd die Bedeutung des Ereignisses und erklärte, welch’ „unglaublich große Auswirkungen diplomatisches Ringen für die Entwicklungen insgesamt in der Welt hat“. Der Text der einstimmig gefassten UNO-Resolution gebe nicht besonders viel her.Wenn man aber die Hintergründe kenne, sei die Resolution ein Dokument von großer Bedeutung. „Entscheidend ist, dass damit festgehalten wurde, dass Südtirol nicht – wie Italien immer behauptete – eine inneritalienische Angelegenheit war und ist. Mit der UNO-Resolution ist Südtirol endgültig und klar zu einem internationalen Anliegen geworden“, so die Historikerin Martha Stocker. Das Ereignis sei ein Glanzstück österreichischer Diplomatie und bedürfe der entsprechenden Würdigung. SVP-Obmann Richard Theiner stellte die Frage in den Raum, wie der damalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky die Entwicklung Südtirols heute beurteilen würde. Die Südtiroler Volkspartei sehe es als wichtige Aufgabe, immer wieder den Fokus auf wichtige historische Ereignisse zu richten. „Die Autonomie ist nicht vom Himmel gefallen“, so Theiner. Doch leider sei vielen Südtirolerinnen und Südtirolern zu wenig bewusst, welche Anstrengungen und Entbehrungen, wieviel Mut und Weitsicht dahinter stehen. „Wir genießen heute die Früchte der Autonomie, aber wir denken nicht darüber nach.“ Gemeinsam mit der Silvius-Magnago-Akademie gehe es der SVP darum, das Geschichtsbewusstsein zu schärfen und die Weitsicht zu fördern.“Italien hatte Angst vor dem Thema Selbstbestimmung“ Professor Rolf Steininger, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und Professor an der Freien Universität Bozen, gab bei der Tagung einen geschichtlichen Abriss unter dem Titel „Von Sigmundskron nach New York“. Südtirol habe auf internationalem diplomatischem Parkett zweimal eine Rolle gespielt: 1945/46 bei der Unterzeichnung des Gruber-Degasperi-Abkommens in Paris und 1960 bei der Befassung der UNO mit der Südtirol-Frage. 1960 sei die Angst Italiens, dass vor der UNO nicht über die Autonomie sondern über die Selbstbestimmung diskutiert würde, groß gewesen. „Die Selbstbestimmung war damals eindeutig als Rückkehr zu Österreich verstanden worden“, so Steininger, „allerdings hätte sie vor der UNO keinen Bestand gehabt.“ Die Tendenz zur Selbstbestimmung sei in Südtirol groß gewesen und ein Jahr später in die Bombenattentate gemündet. “Die Resolutionen waren kein Diktat der UNO, sondern Beschlüsse“ Ludwig Steiner, Botschafter außerDienst, schilderte bei der Tagung die Entstehung des Textes zur UNO-Resolution. Unter dem Titel „Gespräche sind nicht Verhandlungen“ berichtete Steiner über die intensiven Kontakte mit Südtirol zur Absteckung der gemeinsamen Vorgangsweise. „Es gab unglaublich lange und intensive Diskussionen mit Südtirol“, erzählte Steiner. Dabei sei es ihm besonders wichtig gewesen, dass die politischen Akteure auf Südtiroler Seite auch bei den Diskussionen der UNO in New York dabei sein konnten. „Nach der UNO-Resolution konnte Italien nie mehr sagen, dass Südtirol eine reine inneritalienische Angelegenheit sei, da Italien dem internationalen Abkommen zugestimmt hatte“, unterstrich der Botschafter a.D. Steiner. „Die Resolutionen waren kein Diktat der UNO, sondern Beschlüsse, die Österreich und Italien gemeinsam gefasst haben“, so Steiner. Es handle sich dabei um eine gemeinsame Art der Lösung der Probleme. “Der andere Weg war die Diplomatie“Der Journalist und Autor Hans Karl Peterlini unterstrich in seinem Abriss zu „Diplomatie und Bomben 1961“ in Anlehnung an Martha Stockers Einleitung die Bedeutung der Diplomatie und der Politik für die Gesellschaft. „Die Attentäter sahen für sich keinen anderen Weg“, erklärte Peterlini. Der andere Weg war die Diplomatie, wobei es den Südtirolern immer wichtig war, sich mit Österreich abzusprechen. „Es lässt sich sagen, dass der österreichische Außenminister Bruno Kreisky von den Anschlägen gewusst hat“, so Peterlini. „Eine bestimmte Zeit wünschte er sie sich, um einen gewissen Druck auszuüben.“ Die Frage, ob die Anschläge der Politik zugespielt oder geschadet haben, lasse sich nur schwer beantworten, so Peterlini.„Am Ende verhandelte die Diplomatie in Italien und Österreich gemeinsam, wie man den Terror stoppen könne“, erzählte Peterlini. „Es ist ein Glück, dass nicht die Logik der Gewalt gesiegt hat.“ “ Vielleicht gibt es irgendwann eine Neuordnung Europas“In seiner Grußbotschaft an die Tagung überbrachte Landeshauptmann Luis Durnwalder den Dank an all jene, die sich für die deutsche und die ladinische Minderheit sowie für eine positive Entwicklung Südtirols eingesetzt haben - sowohl den weitsichtigen Politikern Österreichs als auch den demokratischen Kräften in Italien, und nicht zuletzt den Südtirolern, die an die Zukunft geglaubt hätten und bereit gewesen seien, Opfer zu bringen. „Wir sollten uns freuen, dass Italien zur Einsicht gelangt ist, dass Minderheiten nicht nur zu unterstützen, sondern laut italienischer Verfassung auch von nationalem Interesse sind“, so der Landeshauptmann. Er dankte allen, die die Autonomie umgesetzt haben, und betonte, dass Südtirol heute gut dastehe, weil eine gute Politik gemacht worden sei. „Wir müssen uns bemühen, unsere Eigenarten zu behalten, aber auch offen zu sein für die Zukunft.“ Durnwalder sieht für die Zukunft in der Europaregion Tirol neue Möglichkeiten. „Vielleicht gibt es irgendwann eine Neuordnung Europas mit mehr Freiraum für die Regionen und möglicherweise grenzüberschreitenden Makroregionen des Alpenraums“, betonte der Landeshauptmann. “Südtirol ist Erfolgsmodell“Der Historiker Georg Grote bezeichnete Südtirol als Erfolgsmodell. Dieses Urteil ziehe sich durch alle maßgeblichen Analysen, die sich mit der historisch bewältigten und kreativ verarbeiteten Vergangenheit und der wirtschaftlich erfolgreichen Gegenwart des „modernen Landes mitten in Europa“ auseinandersetzen. Das Problem Südtirol sei laut Grote gelöst und diene internen und externen Gutachtern als Beispiel einer gelungenen Autonomie und des erfolgreichen Minderheitenschutzes in Europa. Grote zeichnete den Weg hin zur Europaregion Tirol. „Das Ansuchen der Landesregierung um eine Institutionalisierung der Europaregion Tirol und die Schaffung eines institutionellen Daches in Form eines Europäischen Verbundes territorialer Zusammenarbeit ist der jüngste Baustein in der Etablierung der Europaregion im zwischenstaatlichen Bereich“, so Grote. Die Etablierung des Landes Südtirol im interregionalen und internationalen Kontext sei geglückt, jetzt gehe es um die innere Ausgestaltung der Europaregion. “Südtiroler Identität: Positiv und negativ“Der Tiroler Altlandeshauptmann Wendelin Weingartner gab die Entwicklung einer eigenen Südtiroler Identität zu bedenken, die man positiv, aber auch kritisch sehen könne. „Es wird viel Wert auf äußere Symbole gelegt“, erklärte Weingartner. Dies komme durch die zahlreichen Zuständigkeiten Südtirols sowie einen eigenen Tiroler Adler und die Diskussion um die Hymne sowie einer Reihe von eigenen Institutionen wie der Ordensverleihung, der Universität und dem Flughafen zum Ausdruck. „Es gibt noch eine Gesamttiroler Identität meiner Eltern und meiner Generation“, so Weingartner. Bei der Jugend müsse diese hinterfragt werden. Der Altlandeshauptmann ging auch auf den Begriff Heimat ein, der in einer Zeit der Auflösung von Grenzen die Wertediskussion beeinflusse. Wichtig sei es, über die kleinen Heimaten hinaus auch in größeren Räumen zu denken und zu handeln, ein Beispiel dafür sei auch die Europaregion Tirol. Am Abend folgt um 19.30 Uhr im Filmclub Bozen eine Filmprojektion zu „50 Jahre Südtirol vor der UNO“ mit anschließender Diskussionsrunde zu „Zukunft Heimat“ mit jungen Menschen aus dem Bundesland Tirol, Südtirol und dem Trentino.