Sonntag, 8. Mai 2022

Claus Kleber: „Europa ist zerstört und muss wieder aufgebaut werden“

Er war der „Mister-ZDF“: Claus Kleber. Ende Dezember hat er zum letzten Mal das „Heute Journal“ moderiert. Doch im Ruhestand ist er noch lange nicht. Kommende Woche wird der Vollblut-Journalist in Südtirol zum Thema „Nichts wird mehr sein, wie es war“ referieren. Bereits vorab konnte STOL mit ihm ein langes Interview führen: über die Zeitenwende, die wir durchleben, über die Gefahr eines Zusammenbruchs der Demokratie, über den schönsten Beruf der Welt und über Macht. Ein Gespräch mit Claus Kleber.

Claus Kleber: „Mir macht, über das kriegerische Treiben Russlands hinaus, große Sorgen, wie die demokratischen und zivilisatorischen Werte des Westens in Gefahr geraten und zum Teil zerbrochen sind.“

Von:
Arnold Sorg
STOL: Herr Kleber: „Nichts wird mehr sein, wie es war“ lautet der Titel des Symposiums, auf dem Sie sprechen werden. Das klingt sehr pessimistisch. Muss man denn pessimistisch sein, wenn man in die Zukunft blickt?
Claus Kleber: Wenn man in die unmittelbare Zukunft blickt, dann eindeutig. Es gibt derzeit keine Anzeichen im Ukraine-Konflikt, die auf eine Lösung hinweisen. Ganz im Gegenteil: Ich befürchte, es wird noch schlimmer werden, bevor dieser Krieg vorüber ist. Und danach werden wir nicht einfach wieder in die Welt zurückkehren können, in der ein Ausgleich aller Interessen möglich erschien. Wir erleben derzeit also eine Zeitenwende, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es formuliert hat.

STOL: Wie wird es weitergehen, sobald die kriegerischen Handlungen in der Ukraine aufhören?
Kleber: Wir werden zunächst eine Phase kontrollierter, politisch gemanagter Konfrontation sehen, wie wir sie in Europa unter der Überschrift „Kalter Krieg“ jahrzehntelang kennen- und fürchten gelernt haben. Wir können darauf hoffen und zuarbeiten, dass es wieder eine Wende zum Besseren geben wird. Dass sich diese Krise jetzt aber so auflösen wird, dass man am Ende sagt: „Das waren ein paar aufregende Monate und jetzt ist alles wieder gut“, das sieht so niemand.

Jeder ist plötzlich mitverantwortlich für die öffentliche Meinungsbildung und damit werden wir noch nicht fertig.
Claus Kleber



STOL: Wir steuern also auf einen neuen Kalten Krieg zu?
Kleber: Ja. Und es bleibt zu hoffen, dass er kalt bleibt und nicht immer wieder aufflammt. Das gemeinsame Haus Europa, wie es Michail Gorbatschow nannte, ist kräftig im Umbau, oder besser gesagt: Es ist zerstört und muss wiederaufgebaut werden.

STOL: Die Welt hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert: Der Populismus und mit ihm die sogenannten „alternativen Fakten“ sind seit Donald Trump so beliebt wie lange nicht, Wladimir Putin spinnt großrussische Träume. Was ist die Ursache, dass es so weit gekommen ist?
Kleber: Das Rad der Geschichte dreht sich unbarmherzig weiter und nicht immer in die Richtung, die man sich wünscht. Mir macht, über das kriegerische Treiben Russlands hinaus, große Sorgen, wie die demokratischen und zivilisatorischen Werte des Westens in Gefahr geraten und zum Teil zerbrochen sind.

STOL: Was genau meinen Sie?
Kleber: Zum Beispiel der Glaube, dass sich immer eine gemeinsame Basis an Fakten feststellen lässt, auf der man zu unterschiedlichen Ansichten kommen kann. Dass diese Werte immer mehr in Gefahr geraten, wurde durch die Lügenkampagne der sogenannten „alternativen Fakten“ möglich. Es ist leider so, wie Hannah Arendt schon vor einem halben Jahrhundert festgestellt hat: Dass eine demokratische Gesellschaft daran zerbrechen kann, wenn Leute sagen, dass man nicht mehr weiß, was man noch glauben soll. Wer zynisch so viel Zweifel sät wie Donald Trump, will im Grund eine willenlose Öffentlichkeit. Und das ist leider verblüffend gut gelungen. Man braucht sich nur anschauen, welchen Einfluss Donald Trump noch immer auf die Republikaner hat.

Wir müssen wieder mehr Tritt fassen beim Auseinanderhalten von Fantasien und Tatsachen.
Claus Kleber



STOL: Nicht nur die Politik ist in einer Krise, auch die Medienbranche. Studien zufolge konsumiert die Jugend am liebsten Social Media, aber nicht nur die Jugend: Viele Personen im mittleren Alter glauben lieber irgendwelchen dubiosen Seiten im Internet als den klassischen Medien. Warum? Haben wir Medienleute etwas falsch gemacht?
Kleber: Diese sogenannten sozialen Medien verlangen im Grunde genommen von der normalen Öffentlichkeit, also von Bürgern, die anderes zu tun haben, als den ganzen Tag Informationen zu prüfen, sich selbst ein Stück weit wie Redakteure zu fühlen. Mit dieser Demokratisierung, dass jeder die Möglichkeit hat, eine Nachricht auf Twitter, Facebook oder Instagram zu stellen, geht auch eine Verantwortung einher. Für jeden. Das ist aber quer durch alle Schichten, bis hoch in die Politik, noch nicht angekommen. Jeder ist plötzlich mitverantwortlich für die öffentliche Meinungsbildung und damit werden wir noch nicht fertig.


So hat man ihn jahrzehntelang gekannt: Claus Kleber bei der Moderation des „Heute Journal“.



STOL: Wie kann es da den klassischen Medien wieder gelingen, die Leute für sich zu gewinnen?
Kleber: Wir müssen das machen, was guten Journalismus ausmacht: Eine gute Geschichte ist nach wie vor eine gute Geschichte, auch in Zeiten der sozialen Medien. Das Beispiel der „New York Times“ oder der „Zeit“ zeigt, dass es möglich ist, mit ihrem digitalen Angebot, wieder vermehrt Leser zurückzuholen. Wir Medien befinden uns in einer steilen Lernkurve. Aber wir müssen den Lesern und Zuhörern klarmachen, dass wir die professionellen Journalisten sind, die wissen, wie das Handwerk funktioniert. Und das geht nur, indem wir gut recherchierte Geschichten bringen.

STOL: Würden Sie einem jungen Menschen heute eigentlich noch raten, Journalist zu werden?
Kleber: Ja, unbedingt. Journalismus ist und bleibt der faszinierendste Beruf, den es gibt. Wir verdienen unseren Lebensunterhalt damit, Dinge zu recherchieren, Dingen auf den Grund zu gehen, die uns interessieren, die wir Menschen erklären und näherbringen können.

Es liegt im Silicon Valley eine ungeheure Macht: auch zum Guten. Aber Macht hat immer zwei Seiten.
Claus Kleber



STOL: Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft gespalten, Verschwörungstheorien erleben eine Hochzeit. Ihrer Meinung nach ein vorübergehendes Phänomen oder wird dies nachhallen?
Kleber: Verschwörungstheorien gab es auch schon vor Corona, bloß hat die Pandemie dieses Phänomen beschleunigt. Ich glaube aber nicht, dass ein Ende der Pandemie dieses Phänomen wieder zurückdrehen wird. Wir müssen wieder mehr Tritt fassen beim Auseinanderhalten von Fantasien und Tatsachen.

STOL: Nun haben wir viel darüber gesprochen, wie düster die Zukunft sein wird und haben dabei noch gar nicht über die Herausforderung schlechthin gesprochen: den Klimawandel. Warum fällt es uns Menschen so schwer, den Klimawandel als konkrete und unmittelbare Bedrohung zu sehen?
Kleber: Weil es ganz kleine Handlungen sind, Alltäglichkeiten, die in der Summe enorme Veränderungen auslösen. Diese Hebelwirkung, vom eigenen Verhalten auf das globale Geschehen zu schließen, die kann man sich nicht so richtig vorstellen. Zudem ist der Klimawandel eine schleichende Entwicklung, Veränderungen passieren nicht über Nacht. Deshalb fällt es schwer, das große Problem zu erkennen und anzupacken. Zudem ist da die Politik, die sich oft lieber nach der aktuellen Stimmung der Wähler statt nach den langfristigen Notwendigkeiten orientiert.

STOL: Ende Dezember haben Sie zum letzten Mal das „Heute Journal“ im ZDF moderiert. Was macht ein Claus Kleber nun?
Kleber: Ich bin derzeit dabei, eine Doku zu drehen. Das bedeutet Monate konzentrierter und nachtschlafraubender Arbeit und hinterher entsteht 45 Minuten Fernsehen. Der Aufwand zum Ertrag ist ungleich groß. Da darf man eigentlich gar nicht darüber nachdenken (lacht).

Ich habe seit meiner letzten „Heute-Journal“-Moderation noch keinen Tag Urlaub genossen. Das werde ich jetzt nachholen, bei Ihnen in Südtirol.
Claus Kleber



STOL: Welche Doku drehen Sie gerade?
Kleber: Es geht um das Silicon Valley und die wahnsinnigen Visionen und die Weichen, die dort gestellt werden: von einer in Hirnen vernetzten Menschheit, bis zu Kolonien auf dem Mars. Da werden unumkehrbare Entscheidungen getroffen, ohne gesellschaftliche Rückkoppelung und ohne demokratischen Prozess, ganz nach dem Motto: Der Markt wird das schon entscheiden. Und der Markt hat schon entschieden.

STOL: Sehen Sie das Silicon Valley als Gefahr?
Kleber: Da liegen Gefahren, aber da entstehen auch mächtige Instrumente zur Lösung der großen Probleme der Menschheit. Es liegt im Silicon Valley eine ungeheure Macht: auch zum Guten. Aber Macht hat immer zwei Seiten.

STOL: Ihnen wird also nach wie vor nicht langweilig?
Kleber: Keine Minute (lacht). Ich habe seit meiner letzten „Heute Journal“-Moderation noch keinen Tag Urlaub genossen. Das werde ich jetzt nachholen, bei Ihnen in Südtirol.

Auf Einladung des Raiffeisen InvestmentClubs wird Claus Kleber am 11. Mai im Forum in Brixen im Rahmen des „Anlegersymposiums“ zum Thema „Nichts wird mehr sein, wie es war“ sprechen. Die Veranstaltung ist den Mitgliedern des Raiffeisen InvestmentClubs vorbehalten und ist bereits ausgebucht.

sor

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