Donnerstag, 21. Januar 2021

Trumps erstaunliche Geste: Ein „sehr wohlwollender Brief“ für Biden

Präsident Reagan begründete 1989 die Tradition, dem Nachfolger ein persönliches Schreiben im Oval Office zu hinterlassen. Donald Trump hat zwar verweifelt versucht, seinen Nachfolger zu verhindern - einen „wohlwollenden Brief“ hat er Joe Biden aber doch hinterlassen.

Zumindest mit dieser Tradition brach Donald Trump bei seinem Abgang nicht.
Zumindest mit dieser Tradition brach Donald Trump bei seinem Abgang nicht. - Foto: © APA/afp / ALEX EDELMAN
Als erster US-Präsident seit mehr als 150 Jahren blieb Donald Trump am Mittwoch der Zeremonie zur Vereidigung seines Nachfolgers vor dem Kapitol fern. Mit einer weiteren, viel jüngeren Tradition hat Trump überraschenderweise aber nicht gebrochen: Der neue Präsident Joe Biden sagte, Trump habe ihm „einen sehr wohlwollenden Brief“ hinterlassen.

Zwar wollte Biden zum Inhalt des „persönlichen“ Schreibens keine Angaben machen, bevor er nicht mit seinem Vorgänger gesprochen hat. Dass sich Trump aber überhaupt zu der Geste durchgerungen hat, ist an sich schon erstaunlich. Öffentlich hat er Biden bis heute nicht zum Wahlsieg gratuliert.

„Lass' Dich nicht von den Truthähnen unterkriegen“

Seit dem Republikaner Ronald Reagan 1989 hat bislang jeder scheidende US-Präsident seinem Nachfolger einen meist warmherzigen Brief auf den Schreibtisch gelegt – ganz unabhängig davon, ob er mit ihm politisch über Kreuz lag. In Reagans Fall war es eher eine Notiz für seinen Nachfolger und Parteifreund George H.W. Bush, und zwar auf einem Zettel mit der Aufschrift „Lass' Dich nicht von den Truthähnen unterkriegen“ – darunter die Comic-Zeichnung eines am Boden liegenden Elefanten, auf dem sich mehrere der Vögel tummeln. Der Elefant ist das Wappentier der Republikaner.

„Lieber George, Sie werden Momente haben, in denen Sie dieses besondere Briefpapier benutzen wollen“, schrieb Reagan. „Ich schätze die Erinnerungen, die wir gemeinsam haben, und wünsche Ihnen alles Gute. Ich werde Sie in meine Gebete einschließen.“ Bush – der zuvor mit seiner Wiederwahl gescheitert war – schrieb 1993 an den Demokraten Bill Clinton: „Sie werden unser Präsident sein, wenn Sie diese Notiz lesen. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ich wünsche Ihrer Familie alles Gute. Ihr Erfolg ist jetzt der Erfolg unseres Landes. Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen.“

Clinton übergab das Amt 8 Jahre später an George W. Bush, den Sohn seines Vorgängers. In Clintons Brief an den Republikaner hieß es: „Von diesem Tag an sind Sie unser aller Präsident. Ich grüße Sie und wünsche Ihnen Erfolg und viel Glück. Die Bürden, die Sie jetzt schultern, sind groß, werden aber oft übertrieben. Die schiere Freude, das zu tun, was Sie für richtig halten, ist unaussprechlich.“

Bush junior führte die Tradition fort und gratulierte Barack Obama 2009 dazu, „unser Präsident“ geworden zu sein. Weiter schrieb Bush dem Demokraten: „Es wird schwierige Momente geben. Die Kritiker werden wüten. Ihre “Freunde„ werden Sie enttäuschen. Aber Sie werden einen allmächtigen Gott haben, der Sie tröstet, eine Familie, die Sie liebt, und ein Land, das Sie anfeuert, mich eingeschlossen.“

Obama wünschte Trump „das Allerbeste“

Auch Barack Obama – gegen den Trump über Jahre hinweg krude Verschwörungstheorien verbreitet hatte – hinterließ seinem Nachfolger vor vier Jahren ein Schreiben. „Millionen haben ihre Hoffnungen in Sie gesetzt“, hieß es darin. „Michelle und ich wünschen Ihnen und Melania das Allerbeste, während Sie sich auf dieses große Abenteuer einlassen, und Sie sollten wissen, dass wir bereit sind, auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Viel Glück und Gottes Segen, BO.“

Die Zeitung „The Atlantic“ schrieb über die Briefe: „Jeder davon erinnert uns daran, wie eine friedliche – und freundliche – Machtübergabe aussieht.“ Auch wenn Trump Biden nun einen Brief hinterlassen hat – an einer friedlichen Machtübergabe hatte er kein Interesse gezeigt. Im Wahlkampf weigerte er sich standhaft, eine solche im Fall seiner Niederlage zuzusichern. Trumps Widerstand gegen seine Abwahl gipfelte darin, dass seine Anhänger vor zwei Wochen das Kapitol stürmten.

Immerhin ist Trump – der für sein schwieriges Verhältnis zur Wahrheit berüchtigt ist – in einem Punkt ehrlich. Im Juli sagte er dem Sender Fox News: „Ich bin kein guter Verlierer.“

apa

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