Dienstag, 11. Januar 2022

UNESCO-Zukunftsbildung: „Die Armut der Einbildungskraft überwinden“

Die UNESCO ist die Welt-Bildungs-, Kultur- und Erziehungsorganisation der Vereinten Nationen. Sie hat die Aufgabe, die Menschheit durch gemeinsame Ideen – und die gemeinsame Arbeit an diesen Ideen – zu vereinen. Südtirol hat in den kommenden Jahren die einmalige Chance, weit stärker als bisher davon zu profitieren. Ein Gastbeitrag von Roland Benedikter.

Roland Benedikter: „Ein neuer Bildungs-, Erziehungs- und Gestaltungs-Ansatz für alle.“
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Roland Benedikter: „Ein neuer Bildungs-, Erziehungs- und Gestaltungs-Ansatz für alle.“ - Foto: © shutterstock
Seit einigen Jahren hat die UNESCO als ihr Herzstück den neuen Ansatz der UNESCO-„Zukünftebildung“ entwickelt. Diese „Zukünftebildung“ besteht in der Organisation gemeinsamer Zukunftsdialoge zwischen Menschen allen Alters, Berufs, Geschlechts sowie sozialer und kultureller Zugehörigkeit. Der Dialog wird territorial organisiert. Er soll in Schulen, an Universitäten und in der Zivilgesellschaft neue Möglichkeiten der Teilhabe an Zukünften eröffnen – und dadurch diese Zukünfte als gemeinsames und offenes Gesellschaftsprojekt entstehen und reifen lassen. Das soll möglichst vielfältig und im Zusammenspiel zwischen Zentren und Peripherien geschehen. Davon können Politik und Bürger dann gleichermaßen für Gestaltungsansätze inspiriert werden. Auch Mitarbeiter und Führungskräfte verschiedenster Organisationen und Bereiche – vom Handwerk über das Banken-, Finanz- und Wirtschaftswesen bis hin zum Technologiebereich – können sich in „Zukunftsfähigkeit“ für ihre Bereiche methodisch so schulen oder ausbilden lassen, wie es von den Vereinten Nationen als neue Grundfähigkeit empfohlen wird.




Damit wird im Idealfall der Umgang mit möglichen Zukünften auf eine neue Stufe gehoben. Das stärkt die Widerstands- und Selbsterneuerungsfähigkeit von Menschen und Organisationen für Wohlstands- und Krisenzeiten. Vor allem aber lässt es eine Vielfalt von Ideen sprießen; macht Vorstellungen klarer; gleicht unterschiedliche Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen einander an; und ist ein Projekt der Freude im Menschheitsgeist der UNESCO. Zukunft wird hier nicht als Ort oder Raum, sondern als menschliche Fähigkeit verstanden. Sie ist nicht weit entfernt, sondern hier und jetzt zwischen und in den Menschen selbst.


Territorien durch Zukunftsbildung entwickeln


Die UNESCO-Zukünftebildung wird deshalb seit einigen Jahren von der Dachorganisation UNO auch als integrativer (und dabei zugleich vorpolitischer) Erziehungs- und Bildungs-Ansatz für alle Felder im Sinn eines gebietsbezogenen Gesamtentwicklungsansatzes empfohlen. Territorial breit angewandt und möglichst sektorenübergreifend und -verbindend praktiziert, kann sie für Veränderung im Sinn von Bereichs-Integration sorgen – auch im Gefühl und im Zugehörigkeitsempfinden der Bevölkerung. Menschen fühlen sich in das, was wird, eingebunden, und die Politik hat breitere Spielräume. Für Südtirol heisst das: Zukünftebildung stärkt letztlich den „Autonomiepatriotismus“ (Landeshauptmann Arno Kompatscher), also das Gefühl der Zugehörigkeit zu – und der Mitverantwortung für – unser Land.

Zukünftebildung (oder wie sie im Englischen ursprünglich heißt: „Futures Literacy“) dient zudem als Katalysatorin von Inter- und Transdisziplinarität in den Sozialwissenschaften als Grundlage angewandter Regionalentwicklung – einschließlich Wirtschaft, Recht, Politik und Geisteswissenschaften. Sie funktioniert zur Integration verschiedener mittel- bis langfristiger territorialer Strategieansätze, darunter Südtirols Nachhaltigkeitsstrategie und die Intelligente Regionale Spezialisierung-Strategie (RIS3-Strategie). Dabei vereint die UNESCO-„Zukünftebildung“ Theorie („Futures Literacy“, kurz: FL) mit der Arbeit vor Ort und in der Praxis („Futures Literacy Laboratorien“, kurz: FLL). So soll sie als Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis und zwischen Politik und Bürger, Führungskräften und Mitarbeitern fruchtbar werden.


Nicht eine Zukunft, sondern viele Zukünfte


Die Grundidee der „Zukünftebildung“ ist, dass es nicht eine Zukunft, sondern viele Zukünfte gibt. Diese vielen Zukünfte existieren gleichzeitig nebeneinander und bewegen sich miteinander in einem dauernden Wechselspiel. Zudem verändern sie sich alle im Vergehen der Zeit. Deshalb gilt es sie sowohl in ihrer Verschiedenheit wie Gemeinsamkeit zu berücksichtigen – und zusammenzuschauen, wozu Dialog nötig ist. Dieser Dialog sollte nicht nur eine bestimmte Zeit lang, sondern im Grunde ständig stattfinden. Es geht der UNESCO insgesamt nicht um „Zukunftsbildung“ (Einzahl), sondern eben bewußt um „Zukünftebildung“ (Mehrzahl). Auch soll diese Zukünftebildung nicht nur „von oben nach unten“, sondern wechselseitig und transversal stattfinden. Sie ist damit nicht nur ein individueller menschlicher Entwicklungsprozess, sondern auch ein Gesellschaftsvollzug. Inwiefern genau?

UNESCO-Zukünftebildung soll es ermöglichen, besser mit jenen Zukünften zu arbeiten, die sowohl in Einzelpersonen wie Gemeinschaften stets eine wesentliche identitäts- und realitätsbildende Rolle spielen. Sie soll auch die öffentliche Rolle von Zukünften bewußter machen und sie mittels gemeinschaftlicher Aufarbeitung als bewußtseinsbildende Bausteine besser für Erneuerung nutzen. Dabei werden Hoffnungen und Sorgen, Bilder und Gefühle, Gedachtes und Gewolltes gleichermassen einbezogen. Besonderes Augenmerk liegt auf „teach the teacher“, also auf der Ausbildung von Lehrern, Anregern und Multiplikatoren. Vor allem geht es der neuen UNESCO-Strategie 2022–29 um die Jugend, die laut UNO für die Post-Covid-19-Phase weltweiter Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt, und um die Geschlechter-Gleichstellung. Es geht um die Ausbildung der neuen Generation in Zukunftsfähigkeit. Das ist eine Fähigkeit, die angesichts der immer kürzeren Halbwertszeiten von Bildungserwerb, Fähigkeiten und Technologien in unserer Zeit zur Querschnittsfähigkeit – und damit letztlich auch zum Schulfach im Rahmen gesellschaftlicher Bildung werden sollte.


Die 4 Leitsprüche der Zukünftebildung


Dies alles soll gemäß einigen Leitsprüchen erfolgen. In ihnen fassen sich Geist und Ziele der UNESCO-Initiative in Kürzestform schön zusammen und sind leicht zu merken. Es ist zuerst der UNESCO-Wahlspruch: „Frieden im Geist von Männern und Frauen erbauen“. Und es sind darauf aufbauend dann die 3 „Zukünftebildung“-Wahlsprüche im besonderen: „Die Armut der Einbildungskraft überwinden“, „Lernzukünfte errichten“ und „Die Zukunftsbilder der Menschen demokratisieren“. Gemeinsam beschreiben diese vier Sprüche eine große und begeisternde Aufgabe.

Die formalen Grundlagen dafür finden sich auch in der Strategie für die UNO-Dekade 2030, von der die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals oder SDGs) abhängt. Sie sind ebenso in der UNO-Gesamtstrategie für denselben Zeitraum verankert, wie sie UNO-Generalsekretär António Guterres in zwei Visionsreden anlässlich des 75. Jahrestag der Vereinten Nationen im Jahr 2020 als umfassende Menschheitszukunft dargestellt hat. Gemeinsam mit anderen UNO-Teilstrategien soll mittels Zukünftebildung nach und nach das Bild einer menschheitlich wünschenswerten Zukunft erscheinen – einer Zukunft, die nicht „von oben gemacht“, sondern von möglichst vielen Menschen vor Ort, lokal und in ihren normalen Lebensumfeldern aktiv mit gestaltet und im Fühlen, Denken und Wollen geteilt wird.


3 Kernbausteine


Die UNESCO-Zukünftebildung beruht auf 3 Kernbausteinen im Umgang mit der Zukunft. Es sind


1. Vorausplanen (englisch: „Forecast“);
2. Vorausschauen („Foresight“); und
3. Vorwegnehmen („Anticipation“).


Diese 3 Ansätze sprechen unterschiedliche Erwartungs- und Realitätsebenen an und nutzen verschiedene, einander ergänzende Methoden.

1. Vorausplanen

Regierungen, Diplomaten, Amtsträger und Wirtschaftsführer operieren meist in Kriterien von „Vorausplanen“: also der kurz- bis mittelfristigen, in den Einzelheiten und Details genauen Planung von Amtsperioden von 5 Jahren.


2. Vorausschauen

Dagegen arbeiten Amtszeit-übergreifende Strategie-Beratungsorgane wie etwa der „Zukunftskreis“ für die Deutsche Bundesregierung, der für Deutschland die wichtigsten Möglichkeiten für eine Gesellschaft der Zukunft vorwegnehmen soll, mit „Vorausschauen“: das heißt mit dem Entwurf von möglichen bis wahrscheinlichen Szenarien in der mittel- bis langfristigen Perspektive von 10-30 Jahren.


3. Vorwegnehmen

Die UNESCO fügt diesen beiden Bausteinen unter dem Begriff „Vorwegnehmen“ (Antizipation) die Arbeit mit Zukünften in der Gegenwart hinzu. Hier sollen individuelle und gemeinschaftliche Zukunftserwartungen in der langfristigen Perspektive von 30-50 Jahren im Gespräch miteinander konfrontiert und in Bewusstseins- und Handlungsoptionen in der Gegenwart vorweggenommen werden. Dadurch entsteht eine Atmosphäre der Bereitschaft und der Inspiration. Die Menschen, die an Antizipations-Prozessen teilnehmen, werden wacher, aufmerksamer und freudvoller.

Das Ziel der Zusammenführung dieser 3 Bausteine ist nichts weniger als ein dezidiert „glokales“ Zukunftsbewusstseins einer Bevölkerung. Dieses bewegt sich in einem bestimmten – und für ein bestimmtes – Territorium, aber in globalem Austausch und in sprachen- und kulturübergreifender gegenseitiger Anregung.


Zukunftslaboratorien


Dazu hat die UNESCO mittlerweile über ein Jahrzehnt ausgefeilte theoretische Grundlagen und einzigartige Methodologien entwickelt. Diese schliesst die Umsetzung in „Zukünftebildungs-Laboratorien“ für die Zivilgesellschaft oder für Einzelgruppen mittels einem auf konkrete Bedürfnisse zugeschnittenen Reallaboransatz vor Ort ein. Hier kann sowohl sektorenübergreifend wie bildungsspezifisch gearbeitet werden. Das kann im Pustertal oder im Vinschgau, in Bozen oder in Meran, im Dorf oder in der Stadt, in Landes- oder Privateinrichtungen geschehen. Eine Vielzahl verschiedener Formate und Veranstaltungen für Öffentliche und Private sind denkbar. Wichtig ist nur, dass der Ansatz der UNESCO so verwirklicht wird, wie er auch gemeint ist. Es gibt heute viele Methoden des „Arbeitens mit Zukünften“. Es gibt aber nur einen Integrations-Ansatz der UNESCO-„Zukünftebildung“.

Zukünftebildung für Südtirol


Wenn wir das zusammenfassen und auf die Möglichkeiten in unserem Land anwenden: Was kann der Ansatz der UNESCO-Zukünftebildung für Südtirol bringen? Kann er unserem Land helfen, seine Nachhaltigkeitsstrategie besser umzusetzen? Kann er Peripherie und Zentrum besser in Verbindung bringen? Kann er die junge Generation motivieren, aktiver am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen? Kann er vielleicht… einfach Spaß machen, für Gespräche sorgen und Menschen in Ideen und Herzen zusammenführen? Kann er Führungskräfte und Mitarbeiter miteinander ins gleichberechtigte Denken und Sprechen bringen?

All das ist möglich und zu hoffen. Man kann es von diesem international erfolgreichen Ansatz sogar ein Stück weit erwarten. Die UNESCO kann Südtirol für die kommenden Jahre ein maßgeschneidertes Angebot zur Verfügung stellen. Dazu laufen auch erste Ideen gemeinsam mit der Südtiroler Schule, Unternehmen und Interessensverbänden.


Was bringen uns die kommenden Jahre? Die UNESCO-„Zukünftebildung“ nimmt die traditionelle Zukunftsforschung, die Transformationsforschung und die Nachhaltigkeitsforschung in sich auf – und geht zur Synthese über sie hinaus. Während es bei traditioneller Zukunftsforschung und Zukunftsbildung üblicherweise um die Entwicklung und Anwendung von „Werkzeugen“ (tools) in strategischer Blickrichtung geht, geht es der UNESCO-„Zukünftebildung“ darum, Zukunft als menschliche Fähigkeit zu begreifen. Dazu stellt die UNESCO die Person in den Mittelpunkt: Sie bezieht den Mentalitätsaspekt ein, und zwar sowohl individuell wie kollektiv. Das hat mit Reifungsprozessen ebenso zu tun wie mit der Organisation und Anwendung kollektiver Intelligenz, wie sie heute von der Gehirnforschung und der Kybernetik empfohlen wird.

Mit der Aufwertung von Zukunft zur persönlichen menschlichen Fähigkeit ist eine Menschheitsaufgabe beschrieben. Weil sie für unsere immer schnelllebigere Zeit so wichtig wird, entsteht in den kommenden Jahren weltweit ein Netz von sogenannten UNESCO-Zukünftebildungs-„Chairs“ (englisch: „Futures Literacy Chairs“). Es handelt sich um „Lehrstühle“ an Forschungs- und Lehreinrichtungen, die im Namen der UNESCO für Zukünftebildung agieren. Ihre Tätigkeit soll den weltumspannenden Geist der UNESCO widerspiegeln, ihn vor Ort aufnehmen, „glokal“ anwenden und gemeinsam mit den Menschen in konkreten Lebensumfeldern weiterentwickeln – und zwar in aller Lebendigkeit und Diversität und im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Realität, so wie es der Grundsatzmission der Vereinten Nationen entspricht.

Letztlich geht es der UNESCO dabei auch um eine schrittweise Reform der bisherigen Globalisierung – und zwar mittels einer „Re-Globalisierung“, die ein neues Forschungs- und Lehrfeld eröffnet. Einer der Teilaspekte davon ist „Glokalisierung“. Dabei geht es darum, globale Entwicklungen genauer an bestimmte Territorien wie Südtirol anzupassen, also: sie zu „kontextualisieren“, damit sie weniger negative und mehr positive Wirkungen entfalten, die den Bedürfnissen der Bevölkerung besser entsprechen. „Re-Globalisierung“ und „Glokalisierung“ sollen mittels UNESCO-„Zukünftebildung“ vom Slogan in konkrete Fähigkeit, Tätigkeit und Praxis überführt werden. Gerade deshalb ist Zukünftebildung für unsere europäische Modellregion Südtirol ein interessanter Ansatz, den wir aufgreifen und nutzen sollten. Südtirol ist bereits hoch entwickelt und hat beste politische und soziale Voraussetzungen. Es kann deshalb von Zukünftebildung besonders profitieren – vor allem, wenn diese neben vielen anderen Effekten auch vertieft gemeinschaftsbildend wirkt.

stol