<b>von Bernd Posselt</b><BR /><BR />Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Student steht vor einer existentiellen Prüfung, interessiert sich aber nicht für sein eigenes Abschneiden, sondern hauptsächlich für das eines potentiellen Konkurrenten. <BR /><BR />So ähnlich verhielt sich in diesem Jahr - wie schon früher - die europäische Öffentlichkeit. Die Schlacht um das Weiße Haus war im Fernsehen Gegenstand unzähliger Sondersendungen, die in der Wahlnacht selbst bis zu 16 Stunden dauerten. Bei der Europawahl hingegen konnte man in der elektronischen Berichterstattung froh sein, wenn man überhaupt mitbekam, wie sich die Machtverhältnisse in Straßburg und Brüssel veränderten. <BR /><BR />Dasselbe trifft dieser Tage auf die Neuaufstellung der Institutionen in den Vereinigten Staaten von Amerika und in den noch nicht ausreichend vereinigten Staaten von Europa zu. Jeder Abteilungsleiter im Weißen Haus bietet Anlass für interkontinentale Aufregungen, das Ringen in den Ausschüssen des Europaparlaments um die endgültige Zusammensetzung der mächtigen EU-Kommission erzeugt nicht annähernd die gleiche Spannung.<h3> EU muss ihre Stärken ausbauen</h3>Dabei beweist gerade die irritierende Wahl von Donald Trump, dass sich die Europäische Union auf ihre eigenen Stärken besinnen und diese in großem Tempo weiterentwickeln muss. Für uns Europäer kann die Antwort auf Trump nur lauten: Viel mehr Europa!<BR /><BR />Bei der Weltklimakonferenz in Baku haben etliche Kommentatoren kritisiert, „Europa“ sei dort nicht stark genug vertreten gewesen, und meinten damit das Fehlen des im Niedergang befindlichen Bundeskanzlers Olaf Scholz und des stark geschwächten französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Wenn es um die USA ginge, würde jemand den Gouverneur von Kalifornien vermissen?<BR /><BR />Europa muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden, wenn es überleben will. Franz Josef Strauß schrieb einst, dass die USA längst von der Bildfläche verschwunden wären, wenn sie nur aus der Zusammenarbeit der Gouverneure der 50 Bundesstaaten bestünden.<BR /><BR />Beides ist maßgeblich: Der Wille zum zielgerichteten Handeln sowie die Schaffung starker Institutionen, vor allem in der Außen- und Verteidigungspolitik.