Der Historiker Josef Prackwieser analysiert im Interview die technologische Revolution durch Drohnen, die zynische „Deathonomics“ des Kremls und die prekäre Frage, ob Europa bei den entscheidenden Friedensgesprächen überhaupt noch mit am Tisch sitzt.<BR /><BR /><b>STOL: Herr Prackwieser, wir blicken nun auf vier Jahre Krieg zurück. Wie lässt sich die aktuelle Situation an der Front im Februar 2026 beschreiben?</b><BR />Josef Prackwieser: Nach den ersten Kriegsmonaten, in denen es noch Bewegungsoperationen, Gebietsgewinne auf russischer und Gegenoffensiven mit Rückeroberungen auf ukrainischer Seite gab, haben wir es spätestens seit dem zweiten Kriegsjahr mit einem Stellungskrieg zu tun. Russland versucht zwar, immer weiter vorzustoßen, nimmt dabei aber enorm hohe Verluste in Kauf. Die Gebietsgewinne bleiben im Verhältnis dazu minimal. Die russische Führung betreibt das mit voller Absicht; es ist ein Abnutzungskrieg. Das Land verfügt über deutlich größere Ressourcen an Soldaten und Rüstungsmaterial, anfänglich noch aus Sowjetbeständen, jetzt aus der schnell wachsenden Militärindustrie. Es ist der oft zitierte Kampf David gegen Goliath, doch die Ukraine kann sich als Verteidigerin – unter ebenfalls hohen Verlusten – behaupten, auch dank einer Militärtechnologie, die sich rasant weiterentwickelt. Wegen der Abschaltung des Starlink-Systems für russische Truppen konnte das Land jüngst sogar Geländegewinne östlich von Saporischja verzeichnen.<BR /><BR /><b>STOL: Lässt sich dieser Krieg rückblickend in unterschiedliche Phasen unterteilen?</b><BR />Prackwieser: Der Ausgangspunkt liegt im Jahr 2014, als der Krieg in hybrider Form begann. Putins „grüne Männchen“ besetzten die Krim sowie Teile von Donezk und Luhansk. Für die Ukrainer dauert er damit seit über zehn Jahren. Der Westen reagierte mit Sanktionen, vollzog jedoch keinen vollständigen Bruch mit Russland – Nord Stream 2 steht exemplarisch dafür. Mit dem Großangriff auf die gesamte Ukraine 2022 begann eine neue Zeitrechnung. Zuerst herrschten Schock und Überraschung über das gewaltige Vordringen der russischen Armee bis vor die Tore Kyjiws – viele haben noch das Bild des 60 Kilometer langen Militärkonvois vor Augen. Es folgten ukrainische Gegenoffensiven, die Russland wieder stärker auf den Osten zurückdrängten. Seit Spätsommer 2022 dominiert ein Stellungs- und Abnutzungskrieg, vor allem im Donbas, aber auch in Regionen wie Charkiw, Sumy und Cherson. Zugleich hat die Drohnentechnologie das Kampfgeschehen nachhaltig verändert. 2024 markierte der ukrainische Vorstoß Richtung Kursk einen weiteren Einschnitt – die erste größere Besetzung russischen Territoriums seit dem Zweiten Weltkrieg. Ziel der Ukraine war es, Pufferzonen zu schaffen, russische Kräfte zu binden und zugleich politische Handlungsfähigkeit gegenüber den Verbündeten zu demonstrieren. Insgesamt erinnert die Lage stellenweise an den Ersten Weltkrieg: Große Entscheidungsschlachten bleiben aus, es ist ein zäher Krieg auf Zeit.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73593382_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Zu Beginn trauten viele der Ukraine kaum ein paar Tage Widerstand zu. Warum hält die Ukraine so lange durch?</b><BR />Prackwieser: Der Schock über den russischen „Zivilisationsbruch“ im Westen war 2022 enorm. Es gab zwar Unterstützung, wenn auch nur zögerlich. Die Ukraine hat sich zum Erstaunen vieler erfolgreich gewehrt. Ein wesentlicher Faktor war die massive Unterstützung der USA durch Waffenlieferungen und in der Luft- und Satellitenaufklärung. Das bereits erwähnte Starlink-Satellitensystem von Elon Musk etwa ist für die militärische wie zivile Kommunikation und die Drohnensteuerung von großer Bedeutung. Ein weiterer Grund ist die Resilienz der ukrainischen Zivilbevölkerung. Die Ukraine hatte die Truppenaufmärsche bereits 2021 beobachtet und sich vorbereitet. Die Menschen haben sich auf Katastrophen eingestellt und Vorräte angelegt. Zudem wurde die 2014 noch wenig schlagkräftige ukrainische Armee seit der Krim-Invasion sukzessive modernisiert und aufgerüstet, auch dank amerikanischer Hilfe. <BR /><BR /><b>STOL: Sie sprachen die Technik an. Inwiefern macht die moderne Technologie den Unterschied?</b><BR />Prackwieser: Die Ukraine ist 2026 in manchen Belangen eine erstaunliche Hightech-Nation. Obwohl sie wirtschaftlich ein Schwellenland mit vielen Problemen ist, gehört sie in der Informationstechnologie und Militärtechnik zu den innovativsten Akteuren. Besonders die Drohnentechnologie hat den Unterschied gemacht. Anfangs nutzte die Ukraine recht erfolgreich türkische Bayraktar-Drohnen, die jedoch zu langsam und leicht abzuschießen waren. Also begann die Ukraine, selbst Drohnen zu bauen. Die langsame russische Armee, deren gewaltige Bestände oft noch aus dem Kalten Krieg stammten, war darauf nicht vorbereitet. Sie kämpfte noch in Panzerverbänden, die gegenüber Drohnen-Attacken verwundbar waren. Mittlerweile hat Russland allerdings nachgezogen und in Zusammenarbeit mit Iran eigene Drohnen entwickelt. Mit diesen und mit Langstreckenraketen greift das Land seit Monaten die zivile Infrastruktur an, um etwa die Heizungen und Stromversorgung lahmzulegen und die ukrainische Zivilbevölkerung durch die Kälte in die Knie zu zwingen.<BR /><BR /><b>STOL: Es prallen also zwei Epochen aufeinander – Gerät aus den 50er-Jahren und modernste Hightech. Wie sieht das aktuelle Kriegsgeschehen aus?</b><BR />Prackwieser: Dieser Konflikt ist, zynisch ausgedrückt, ein „Laboratorium“ für den Krieg des 21. Jahrhunderts, ein Exerzierfeld der Rüstungsindustrie. Hier zeigt sich, was auf dem Schlachtfeld „funktioniert“ und was nicht. Historisch wird die Einführung der neuen Technologien im Ukraine-Krieg oft mit dem Ersten Weltkrieg verglichen. In der Schlacht von Cambrai etwa setzten 1917 die Briten erstmals Panzer ein und sorgten damit für einen Schockzustand bei ihren deutschen Gegnern, die nicht wussten, was sie diesen rollenden Ungetümen entgegensetzen sollten. So kann man sich auch die Situation an der Front in der Ostukraine vorstellen. Dort gibt es mittlerweile regelrechte „Killing Zones“. Das ist ein Niemandsland von einigen Kilometern Tiefe, in dem sich kein Mensch aufhalten kann, weil er sofort von einer feindlichen Drohne entdeckt und getötet werden würde. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73593324_gallery" /><BR /><BR /><b>STOL: Inwieweit sind Drohnen ein „Gamechanger“ in diesem Krieg?</b><BR />Prackwieser: Drohnen wurden zwar schon in früheren Kriegen benutzt, etwa in Syrien, in Libyen oder in Bergkarabach. Im Russland-Ukraine-Krieg haben wir es aber mit dem ersten industrialisierten Drohnenkrieg zwischen regulären Armeen zu tun. Auch die Kampfhandlungen haben sich durch die Drohnen grundlegend verändert: Die Piloten sitzen oft weit hinter der Front, von wo aus sie nicht nur Luftdrohnen, sondern auch Landdrohnen bedienen, die etwa zur Minenräumung eingesetzt werden. Die Herstellung von Drohnen ist im Vergleich zu anderem Kriegsgerät wie Kampfjets sehr günstig. Die technische Entwicklung geschieht in rasender Geschwindigkeit und ist ein Wettlauf zwischen den beiden Kontrahenten. Diese Technisierung hat eine völlig neue Dynamik entwickelt, die weltweit – auch mit Blick auf potenzielle Konflikte wie um Taiwan – genau beobachtet wird. Alte Gewissheiten in Sachen Kriegsführung haben durch den Ukraine-Krieg ihre Bedeutung verloren.<BR /><BR /><b>STOL: Wie geht die Technisierung im Krieg weiter: Werden in Zukunft Roboterarmeen gegeneinander kämpfen?</b><BR />Prackwieser: Vorausgeschickt: Als Historiker ist die Zukunft nicht mein Feld. Ich denke, dass vollständig autonome Roboterarmeen derzeit eher Science-Fiction als Realität sind, aber der Trend geht eindeutig zu mehr Automatisierung. In der Gegenwart sehen wir bereits den massiven Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Sie wird zur Analyse von Satellitenbildern genutzt, um Minenfelder oder Waffenverstecke zu finden und liefert dabei wesentlich genauere Ergebnisse als das menschliche Auge. Es gibt Bestrebungen, autonome Waffensysteme weiterzuentwickeln und stärker zu vernetzen. In der Ukraine und in Europa gibt es viele Start-ups in diesem Bereich, die schnell skalieren. Wir werden also in naher Zukunft weitere „Innovationen“ auf dem Schlachtfeld sehen. Bedenkliches Detail: Während die europäische Autoindustrie Marktanteile verliert und Tausende von Mitarbeitenden entlässt, wächst die Rüstungsindustrie dank neuer Schulden und betreibt eine offensive Einstellungspolitik. In den wachstumsschwachen Volkswirtschaften Europas ist Rüstung zu einem Stabilitätsanker geworden – vor Jahren noch undenkbar. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73593432_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Die Ukrainer haben in den letzten Wochen die heftigsten Angriffe auf ihre Städte seit Kriegsbeginn erlebt. Wie steht es um ihre Moral?</b><BR />Prackwieser: Es ist eine verzweifelte Situation. Die Lebensbedingungen sind massiv belastet, besonders bei Wintertemperaturen von bis zu minus 20 Grad und gezielten Angriffen auf die Energieversorgung, auf zivile Infrastruktur wie Schulen und Wohnhäuser. Trotz großer Resilienz ist die Kriegsmüdigkeit deutlich spürbar – viele sind traumatisiert, leben in existenzieller Sorge und wollen sich dem Kriegsdienst an der Front entziehen, was seit 2022 illegal ist. Derzeit gibt es rund 3,7 Millionen Binnenvertriebene im Land. Zugleich warnt die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationendavor , dass etwa 325.000 Rückkehrerinnen und Rückkehrer – also Menschen, die nach Flucht oder Vertreibung wieder in die Ukraine zurückgekehrt sind – in den kommenden Monaten erneut vertrieben werden könnten. Ohne verstärkte internationale Unterstützung für Winterhilfe, Wohnraumsanierung, und psychosoziale Betreuung droht eine weitere Welle der Binnen- und Auslandsflucht.<BR /><BR /><b>STOL: Wie fest sitzt Wolodymyr Selenskyj noch im Sattel?</b><BR />Prackwieser: Die Korruptionsskandale vor einigen Monaten haben ihm hart zugesetzt, sowohl innenpolitisch als auch im Hinblick auf die Partner in den USA und Europa. Wenn wir über den Status als EU-Beitrittskandidaten reden, fordern wir auch Rechtsstaatlichkeit ein. In den USA fordert die Trump-Regierung Wahlen als Bedingung für weitere US-Hilfe, doch die ukrainische Verfassung untersagt Urnengänge während des Kriegsrechts. Natürlich schauen die Ukrainer auch kritisch auf ihr eigenes Land mit seinen Demokratiedefiziten und auf ihre Führung, in der es Korruption bis in die Spitze gibt. Im Zweifelsfall sagen sie aber: Wir kämpfen nicht für Selenskyj persönlich, sondern ums Überleben, und müssen zusammenstehen. <BR /><BR /><b>STOL: Der Westen liefert Waffen, doch immer wieder gibt es Diskussionen über Geschwindigkeit und Inhalt dieser Hilfen. Wie fällt Ihr Resümee der westlichen Unterstützung aus?</b><BR />Prackwieser: Anfangs herrschte unter den europäischen Mittelstaaten wie Deutschland die Sorge, durch Waffenlieferungen zur Kriegspartei zu werden. Putin hat geschickt mit dem Bluff eines atomaren Krieges gespielt, was im Westen verfing. Mittlerweile haben die europäischen Partner den Großteil der Finanzierung der Ukraine-Hilfe übernommen, auch weil die USA unter dem Eindruck der Innenpolitik unzuverlässiger wurden. Für die Ukraine ist die Lage unter dem Strich seit Beginn des Krieges prekär: Sie ist auf Hilfen aus den Geberländern angewiesen. Steuereinnahmen sind weggebrochen und aufgrund der hohen Militärausgaben (knapp 35 Prozent des BIP) stand sie immer wieder am Rande des Bankrotts. Im europäischen Diskurs mache ich in Bezug auf die Ukraine-Unterstützung zwei Lager aus: Die einen sagen, hätten wir das Land am Anfang massiver unterstützt, wäre der Krieg heute vielleicht vorbei und die Menschen in den besetzten Gebieten nicht der schlimmen Unterdrückung und Russifizierung ausgesetzt, die sie heute erleben. Die anderen meinen, der Westen hätte von Beginn an viel stärker verhandeln und die Ukraine im Zweifel dazu drängen sollen, territoriale Verluste hinzunehmen, um eine Ausweitung des Krieges zu verhindern und Menschenleben zu schützen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73593436_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Neben der direkten Militärhilfe setzt der Westen vor allem auf Sanktionen, um Russland in die Knie zu zwingen. Wie gut funktioniert dieser Ansatz?</b><BR />Prackwieser: Am Anfang wurden die Sanktionen mit großer Geste angekündigt. Die Maßnahmen waren auch gewaltig, der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze sprach sogar von einem „Wirtschaftskrieg“: Ausschluss aus dem Swift-System, Einfrieren des russischen Auslandsvermögens, Ende der Kooperationen in Wirtschaft und Wissenschaft. Viele westliche Konzerne zogen sich aus Russland zurück, doch russische Unternehmen übernahmen oft deren Werke. Lange Zeit hatte man das Gefühl, die Sanktionen greifen nicht und der Westen schade sich durch die Energieabhängigkeit selbst mehr als Russland. Erst so langsam entfalten die Sanktionen eine stärkere Wirkung.<BR /><BR /><b>STOL: Woran machen Sie das fest?</b><BR />Prackwieser: Lange Zeit konnte Russland westliche Technologie weiterhin über Drittstaaten beziehen, und auch der Ölverkauf lief – vor allem über Indien und China –, allerdings mit deutlichen Preisabschlägen. Inzwischen steigt der Druck der USA auf solche Zwischenhändler, sodass einige Länder vorsichtiger agieren. Entscheidend ist aber weniger der kurzfristige Einnahmeverlust als der langfristige Effekt: Die eingeschränkten Importe aus dem Westen treffen vor allem anspruchsvolle Industriebereiche, während Absatzmärkte im Westen weggebrochen sind. Gleichzeitig orientiert sich Russland wirtschaftlich immer stärker an China, was zu großer Abhängigkeit führt. Die strukturellen Folgen der Sanktionen fallen mit der Zeit stärker ins Gewicht.<BR /><BR /><b>STOL: Trotzdem bricht die russische Wirtschaft nicht zusammen.</b><BR />Prackwieser: Nein, vorerst nicht, weil der Krieg selbst zur Konjunkturmaschine geworden ist. Der Kreml zahlt zum Beispiel hohe Soldbeträge und Prämien an Soldaten sowie Entschädigungen an Hinterbliebene. Dieses Geld fließt vor allem in armen Regionen direkt in den Konsum und stützt kurzfristig das Wachstum. Ökonomen sprechen deshalb von „Deathonomics“ – einer Ökonomie, die aus Krieg und Tod Nachfrage erzeugt. Doch dieses Modell ist teuer und nicht nachhaltig. Es basiert nicht auf Innovation, sondern auf staatlich finanzierter Kriegsnachfrage. Etwa 7 Prozent des russischen BIPs und 40 Prozent des Staatshaushaltes fließen in Verteidigungsausgaben und innere Sicherheit. Gleichzeitig stagniert die Wirtschaft, es steigen Inflation, Steuern und Kreditzinsen. Zivile Branchen geraten unter Druck, Ausgaben für Soziales und Bildung werden zusammengestrichen und der militärische Personalbedarf bleibt enorm – ukrainische Schätzungen sprechen von zehntausenden neuen Soldaten pro Monat, bei schrumpfender Bevölkerung. Die Frage ist erstens, wie lange es Russland schafft, diese Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten, und zweitens, ob es irgendwann überhaupt im Stande ist, ohne größere Verwerfungen auf eine Friedenswirtschaft umzustellen. Kurzfristig stabilisiert das jetzige System die russische Wirtschaft, langfristig macht es sie immer abhängiger vom Krieg. <BR /><BR /><b>STOL: Wie reagiert die russische Gesellschaft auf diesen Blutzoll? <BR /></b>Prackwieser: Unabhängige Untersuchungen von Lew Gudkow vom Lewada-Zentrum in Moskau zeigen, dass Putins Macht erstaunlich stabil ist. Zwar wünschen sich rund 66 Prozent der Russen Friedensverhandlungen – ein deutlicher Anstieg –, aber gleichzeitig lehnen 60 Prozent einen Rückzug aus den besetzten Gebieten ab. Die russische Bevölkerung besitzt eine enorme Leidensfähigkeit, die wir uns kaum vorstellen können. Zudem wirkt die jahrelange antiwestliche Propaganda: Die Angst, der Westen wolle Russland zerstören, sitzt tief. Viele Menschen flüchten sich in einen „Tunnelblick“ und versuchen, Nachrichten über den Krieg aktiv zu vermeiden. Eine offene Zivilgesellschaft existiert nicht mehr. Der Kreml kontrolliert den digitalen Raum immer stärker, etwa durch Blockadeversuche der Messengerdienste Telegram oder WhatsApp zugunsten staatlich überwachter Apps wie „MAX“. Mit größeren Protesten ist laut Gudkow erst zu rechnen, sollte es in Putins Machtzirkel zu sichtbaren Rissen kommen. Das ist aktuell nicht absehbar.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73593490_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Russland führt nicht nur einen heißen Krieg in der Ukraine, sondern auch einen hybriden Krieg gegen den Westen. Wie gefährlich ist diese Strategie?</b><BR />Prackwieser: Putin ist ein alter Geheimdienstler. Er versteht, dass Unsicherheit und psychologische Tricks kostengünstiger sind als ein offener Krieg gegen die NATO. Das Ziel ist, dass die westlichen Demokratien durch erodierendes Vertrauen in die eigene Führung durch den Machtanstieg von russlandnahen Rechts- und Linkspopulismus handlungsunfähig werden. Er setzt auf Desinformation, Spionage und Sabotage an der Infrastruktur, um das Vertrauen der Bürger in den Staat zu erodieren. Wenn Parteien wie die AfD, Rassemblement National oder die FPÖ, die russlandfreundlich sind, an Macht gewinnen, ist das im direkten Interesse Putins. Das ist eine politische Systemwende von innen. Dass mit Donald Trump im Weißen Haus nun ein US-Präsident sitzt, der die liberale Politik Europas wenig schätzt und den „starken Mann“ im Kreml bewundert, spielt Putin zusätzlich in die Karten.<BR /><BR /><b>STOL: Das Jahr 2029 wird häufig als Zeitpunkt genannt, an dem Russland militärisch in der Lage sein wird, NATO-Gebiet – etwa im Baltikum – anzugreifen. Wie realistisch ist das?</b><BR />Prackwieser: Die Zahl 2029 geistert schon länger in den Medien herum. Sie stammt aus deutschen Planungsdebatten und verweist auf ein mögliches Szenario. Gemeint ist der Zeitpunkt, an dem Russland sich militärisch so weit vom Ukraine-Krieg erholt haben könnte, dass ein solcher Angriff möglich wäre. Westliche Sicherheitsexperten halten einen konventionellen oder hybriden Krieg an der NATO-Ostflanke für denkbar. Ob so ein Angriff nun 2029 oder davor oder überhaupt stattfindet, bleibt unklar. Was wir wissen: Putin hat immer wieder klargestellt, dass er das russländische Imperium jenseits der heutigen Grenzen sieht, nämlich in den früheren Warschauer-Pakt-Staaten. Das schließt das Baltikum mit seinen russischsprachigen Minderheiten mit ein. Für ihn war der Untergang der Sowjetunion die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Sein Ziel ist es, Russland wieder zu alter Größe zu führen und das schafft er nur, wenn er die derzeitige europäische Sicherheitsordnung zerschlägt, um sie nach Moskau auszurichten. <BR /><BR /><b>STOL: Was soll und kann Europa tun? Ist die milliardenschwere Aufrüstung der richtige Weg?</b><BR />Prackwieser: Viele politische Kommentatoren fragen sich, ob wir genug in unsere Wehrhaftigkeit investieren, um abzuschrecken und eben nicht kämpfen zu müssen. Das Argument dahinter ist, dass wir seit 1990 die „Friedensdividende“ aufgezehrt hätten: Es wurde kaum in Verteidigung investiert und man überließ den USA die Verteidigung des Kontinents. Jetzt bräuchten wir wieder „Hardpower“, um auf friedlichem Weg ernst genommen zu werden und unsere Demokratien gegen einen autoritären Feind zu schützen. Besonders in den „Frontstaaten“ im Osten, wie Polen, das Baltikum oder in Finnland, die alle eine schwierige Vergangenheit mit Russland haben, ist dieses Bewusstsein viel stärker ausgeprägt als etwa in Italien oder Spanien. Kritiker monieren dagegen, dass das neue Aufrüsten zu einem Wettrüsten führt, die Gesellschaften militarisiert und – aufgrund der inhärenten Logik des Krieges und seiner Vorbereitung – eben gerade nicht den Frieden sichert, oder wenn, nur einen prekären, einseitig gedachten Frieden. Parallelen könnte man zum Wettrüsten zwischen dem deutschen Kaiserreich und Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg ziehen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73593494_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Bleiben wir beim Blick in die Zukunft: Wie könnte der Krieg in der Ukraine enden?</b><BR />Prackwieser: Viele Konflikte zeigen, dass sich statistisch gesehen oft nach etwa vier Jahren eines Konfliktes ein Fenster für die Diplomatie öffnet, weil beide Seiten wirtschaftlich erschöpft sind. Die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung und in der Führung nimmt zu, Ressourcen werden knapp. Wie die Befragung in Russland aber gut gezeigt hat: Der Friedenswunsch ist stark, die bisherigen Verluste sollen aber nicht umsonst gewesen sein. Das Opfer muss sich „gelohnt“ haben, weshalb beide Seiten wohl kaum auf Gebiete verzichten wollen – sei’s auf die verteidigten, sei’s auf die eroberten. Ich vermute, es läuft auf einen eingefrorenen Konflikt wie in Nord- und Südkorea hinaus. Ein Waffenstillstand, der brüchig ist und immer wieder aufflammen kann.<BR /><BR /><b>STOL: Ist ein dauerhafter Frieden überhaupt mit einem Russland unter Putin denkbar?</b><BR />Prackwieser: Das Mühsame an der Diplomatie ist, dass man trotz aller Gräueltaten und der tiefen Feindschaft wieder ins Gespräch kommen muss. Es gilt, tiefsitzende Vorurteile und Feindbilder abzubauen. Die Friedens- und Konfliktforschung zeigt uns, dass dies kein linearer Prozess ist. Er kann sehr lange dauern, und oft finden Friedensverhandlungen sogar statt, während die Kampfhandlungen noch in voller Intensität laufen. Dass dieser Dialog so schwerfällt, liegt auch an den historischen Versäumnissen: Wir hatten nach 1990 keinen großen multilateralen Kongress wie etwa den Wiener Kongress 1815, der die nachnapoleonische Ordnung bestimmte. Die Nachkriegsordnung nach dem Fall der Mauer wurde faktisch allein vom Westen bestimmt. Während wir im Westen die NATO-Osterweiterung und die EU-Osterweiterung als normales Selbstbestimmungsrecht freier souveräner Völker sehen, wird dies in Russland und auch im globalen Süden ganz anders wahrgenommen. <BR /><BR /><b>STOL: Wie ist die dortige Sicht auf den Ukraine-Krieg und Europa?</b><BR />Prackwieser: Im globalen Süden wird, abgesehen von Putins Großmachtideologie, die sicherheitspolitische „Kränkung“ Russlands eher verstanden, wenn ein Militärbündnis wie die NATO bis an die eigenen Grenzen heranrückt. Es wird etwa auf die Kuba-Krise von 1962 verwiesen oder auf die hypothetische Frage, wie die USA wohl reagieren würden, wenn China in Mexiko Truppen stationierte. Das alles entschuldigt aber den Angriff von 2022 nicht – die Schuld liegt eindeutig bei Russland und bei Putins Vorstellungen einer russischen Ukraine. Überdies gab es keine formale Zusage an Russland, auf die Ost-Erweiterung zu verzichten. Auch muss man an die zahlreichen Versuche des Westens denken, auf Russland zuzugehen und es wirtschaftlich einzubinden. Für einen nachhaltigen Frieden müssten wir dennoch ganz grundsätzlich über eine neue europäische Sicherheitsarchitektur sprechen. Aktuell verharren die Lager jedoch in einer Blockhaltung, dass man eher von einem Zustand „kein Krieg, aber auch kein Frieden“ sprechen muss.<BR /><BR /><b>STOL: Inwiefern verändert die US-Politik unter Donald Trump dieses Spannungsfeld?</b><BR />Prackwieser: Die Ukraine-Politik unter Trump verfolgt für Außenstehende nicht immer klar erkennbare Leitlinien. Am ehesten könnte man sagen, dass Trump den Ansatz eines Geschäftsmannes verfolgt, aber auch das nicht immer. Sicherlich ist er an einem schnellen Friedensschluss interessiert, weil dies erstens militärische Kräfte für den Pazifik freimacht, er zweitens wieder Geschäfte mit Putin machen kann, etwa in der Energieindustrie, und weil drittens ein Friedensschluss ein starkes Signal für die diesjährigen Mid-Term-Wahlen wäre. <BR /><BR /><b>STOL: Welche Rolle bleibt Europa in diesem Spiel der Großmächte?</b><BR />Prackwieser: Europa befindet sich in einer prekären Lage. Wir werden zwar noch von den USA unterstützt, müssen aber mit der Perspektive leben, auf lange Sicht allein dazustehen. Die USA orientieren sich schon seit der Obama-Regierung in Richtung Pazifik und nach Asien, um die aufsteigende Weltmacht China einzudämmen. Die großen Fragen sind: Kann Europa seine politische Uneinigkeit überwinden und etwa russlandnahe Länder wie Ungarn und die Slowakei eindämmen? Kann es seine nicht wenigen Trümpfe nutzen, um zu einem starken supranationalen Akteur zu werden, mit Verbündeten auf globaler Ebene? Denn Stand jetzt ist die EU zwar eine wirtschaftliche, aber keine echte geopolitische Supermacht. Kann sie geschwächte internationale Organisationen wie die UNO stützen und das von den USA hinterlassene Vakuum füllen, bevor dies China und andere tun? Verfügt sie irgendwann über genügend strategisches Gewicht und realpolitischen Einfluss, um mit Russland auf Augenhöhe zu verhandeln? Denn momentan besteht eher die Gefahr, dass die großen Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden.<BR /><BR /><b>STOL: Sie befürchten also, dass Europa bei den entscheidenden Gesprächen nicht mit am Tisch sitzt?</b><BR />Prackwieser: Es gab schon einige Momente, in denen sich Russland und die USA direkt abstimmten und Europa am Ende nur am „Katzentisch“ Platz nehmen durfte, obwohl es mittlerweile den Großteil der Ukrainehilfen stemmt. Dass Europa als Anrainer-Kontinent und direkte Nachbarschaftsregion Russlands nicht federführend an Friedensgesprächen beteiligt ist, wäre fatal. Resümierend kann man sagen, dass dies alles für Europa ein Schock ist: Die USA priorisieren zunehmend den Pazifikraum und erwarten von Europa größere sicherheitspolitische Eigenverantwortung. Damit steht der Kontinent vor der Ungewissheit, ob er militärisch und politisch ausreichend handlungsfähig ist, um in einer veränderten Weltordnung zu bestehen. Man darf nicht vergessen, dass europäische Gesellschaften an mehr als dreißig Jahre Frieden, Abrüstung und Multilateralismus gewöhnt sind. Ob sie nun bereit sind, die politischen, finanziellen und militärischen Konsequenzen dieser „Zeitenwende“ zu tragen, und zu welchem Preis, das ist die eigentliche Frage.<BR /><BR /><b>Zur Person</b><BR />Josef Prackwieser ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Autonomy Experience von Eurac Research und seit 2025 Vorsitzender der Michael-Gaismair-Gesellschaft. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1280226_image" /></div> <BR /><BR /> <a href="https://e-learning.eurac.edu/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas entstanden an seinem Center zwei E-Learning-Kurse zu Geschichte und Gegenwart der Ukraine.</a>