Für den Liter Bier sind inzwischen über 15 Euro fällig. Wer einen der Plätze in den Zelten ergattert, braucht also einen gut gefüllten Geldbeutel. Auch wenn der Auftritt Nähe und Bodenständigkeit signalisieren sollte, zeigte die kritische Reaktion der Masse, dass der Unmut wächst. Schließlich ist es der Steuerzahler, der den gedeckten Wiesntisch finanzieren muss, ebenso wie den im Vergleich zur vollen Maß Bier leeren Staatssäckel. <b>von Franz Niedermaier</b><BR /><BR />Denn während es beim O’zapfn noch um Feststimmung und Volksnähe geht, fällt im nüchternen Licht der Realität der Blick auf den in dieser Woche verabschiedeten Bundeshaushalt 2026. Über 520 Milliarden Euro soll er umfassen, so die Bundesregierung. Doch der eigentliche Eyecatcher steckt nicht in den Zahlen der Ministerien, sondern in dem, was fehlt: Rund jeder dritte Euro muss über neue Schulden finanziert werden – trotz vermeintlich eiserner Schuldenbremse. Das entspricht rund 175 Milliarden Euro frischem Kredit. Und so wirkt der Haushalt ein wenig wie der Preiszettel im Bierzelt: hoch, unbeirrbar steigend und von der Realität nur mühsam zu bezahlen. <BR /><BR />Bei der Aussprache im Parlament erhob Merz natürlich seine Stimme – laut und angriffslustig. Die Ampel verschwende das Geld der Bürger, kritisierte er noch vor kurzem und kündigte solides haushalten an - und führt die expansive Schuldenpolitik der Ampel als Kanzler schamlos fort. Und auch die Ebenen unterhalb des Bundes bedienen sich ordentlich an dem schuldenfinanzierten Geldsegen: Rote wie auch unionsgeführte Länder wenden ähnliche Kunstgriffe an, ja es gehört fast schon zur Folklore des politischen Betriebs, milliardenschwere Schattenhaushalte anzulegen. <BR /><BR />Noch pikanter wird der Blick auf die Prioritätenliste. Milliarden Subventionen für die Perpetuierung der grünen Stromillusion, die – so betont man gerne – Europas Wettbewerbsfähigkeit sichern sollen, während die Stromversorgung ständig teurer und unsicherer wird, aber Schulgebäude und Brücken im wörtlichen Sinne bröckeln. Doch Hauptsache, das Geld reicht, um die Elektromobilität mit weiteren Milliarden Euro zu fördern, obwohl die Verbraucher keine E-Autos haben wollen, geschweige denn zahlen können.<BR /><BR />Es ist eine Ironie, die in diesen Tagen schwer zu übersehen ist: Der Staat gleicht einem Familienvater, der stolz den High-End-SUV vor die Tür stellt, während die Tapete im Kinderzimmer abblättert. Dass sich die schleichende Erosion der Infrastruktur nicht so kameratauglich inszenieren lässt wie ein Trachtenauftritt auf der Wiesn, ist nur ein unglücklicher Nebeneffekt.<BR /><BR />Und so begegnen sich im Glanz des Bierzelts gleich mehrere Realitäten: die inszenierte Idylle einer politischen Kameradschaft – Söder schunkelt, Klingbeil lacht, Merz prostet kühl – und die nüchterne Wahrheit eines Haushalts, der wie ein Maßkrug mit Haarriss ist. Vermeintlich voll und glänzend, aber riskant und nur kurzfristig tauglich.<BR /><BR />Der Anspruch von Friedrich Merz ist bekannt: wirtschaftliche Vernunft, solide staatliche Finanzen, ein Ende der kreativen Tricksereien. Das Pathos klingt beeindruckend, besonders zwischen zwei Schlucken goldgelben Gerstensafts. Nur fragt man sich am Ende: Hat sich die berühmte ökonomische Vernunft im Festzelt vielleicht längst im Maßkrug aufgelöst – im schalen Rest der einst stolzen Maß Bier?