Eine junge Frau blickt verschlafen. Es scheint an diesem Samstagmorgen noch zu früh für die Botschaft, die Miczak verbreiten möchte.„Wir zählen darauf, dass Sie am Dienstag wählen gehen“, sagt sie fröhlich. „Werde ich“, kommt als knappe Antwort. „Am Wahltag? Wann genau?“ hakt Miczak nach. „Zu Mittag.“Das Gespräch ist damit beendet, Miczak nickt zufrieden, gibt der verschlafenen Jungwählerin einen Flyer über Barack Obama in die Hand und macht hinter dem Namen der Frau zwei Kreuze auf ihrer rund 50 Namen langen Liste: „ED“ und „NO“. Das steht für „Election Day“ (Wahltag) und „Noon“ (Mittag). Damit ist sichergestellt, dass die Frau am Dienstag gegen Mittag einen Anruf bekommt, bei dem sie freundlich danach gefragt wird, ob sie bereits wählen war.Ohio gilt als der wichtigste unter den sogenannten Swing States. Seit 50 Jahren ist nur Präsident geworden, wer auch diesen US-Staat gewonnen hat. Wenige Tage vor der Wahl haben jüngste Umfragen USA-weit ein Patt bestätigt. Amtsinhaber Obama liegt aber nach Informationen der „New York Times“ in den meisten besonders heiß umkämpften Staaten vorn – wenn auch oft nur sehr knapp. So führt er etwa in Ohio.Die Wählkämpferin Miczak geht mit ihrer Bekannten Patricia Zawadzki zum nächsten Haus weiter. Zusammen laufen sie an diesem Morgen gut zwei Stunden durch Berea, eine ein wenig in die Jahre gekommene Kleinstadt wenige Kilometer südlich von Cleveland. Laut Zensusdaten lebt im gesamten Cuyahoga County jeder Sechste unterhalb der Armutsgrenze – doch genau das bessere sich wegen Obamas Finanzhilfen für die Autoindustrie gerade, glaubt Zawadzki. „Es ist so wichtig, das zu unterstützen“, sagt sie. „Ich komme auf sechs Stunden Telefoncenter am Tag unter der Woche und Tür-zu-Tür am Samstag und Sonntag, je zwei Schichten von zwei Stunden“, meint die pensionierte Lehrerin und fügt lachend hinzu „Ich bin verrückt nach Politik.“Damit sind die beiden Frauen an diesem Wochenende nicht allein: Zu Zehntausenden schwirren ähnliche Tandems in den USA aus, um Wähler an die Urnen zu bringen. Besonders in den „Swing States“, also den Staaten, in denen die Umfragen einen knappen Wahlausgang vorhersagen, werden die Freiwilligen von beiden Parteien und allerlei Interessengruppen eingesetzt. Die Gewerkschaft AFL-CIO, für die auch Miczak und Zawadzki unterwegs sind, lässt sogar Unterstützer aus benachbarten Staaten mit dem Bus anfahren.Um Überzeugungsarbeit bei Anhängern des politischen Gegners geht es dabei längst nicht mehr. „Wir versuchen jetzt nur noch, unsere Anhänger zum Wählen zu motivieren“, erzählt einer der Gruppenleiter bei der Einweisung der Freiwilligen am Samstagmorgen. „Auf Euren Listen stehen nur Leute, von denen wir wissen, dass sie für Präsident Obama stimmen werden“, sagt er und gibt damit einen Einblick in die unfassbaren Datenmengen, die die politischen Lager umwälzen.„Ich glaube, sie wissen sogar, welche Milchsorte man trinkt“, sagt Miczak später dazu beim Lauf durch die weitläufigen Straßen. „Eine Menge Leute finden das gruselig“, gibt sie zu, doch der Zweck rechtfertige nun einmal die Mittel.Das sehen nicht alle so. Menschen wie Cindy Wonders sind vom ewigen Wahlkampf schlicht genervt.„Ich bekomme jeden Tag fünf oder sechs Briefe und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, haben vier Leute auf den Anrufbeantworter gesprochen“, erzählt die Aldi-Managerin aus einem Vorort von Cleveland. Aus dem Fernsehen lachen sie alle Viertelstunde Romney und Obama an, im Radio gibt es kaum andere Spots zu hören.„Dabei habe ich schon gewählt. Es hat 1,75 Dollar gekostet. Ich war kurz davor, den Brief nicht abzuschicken“, sagt sie. Aber am Dienstag sei doch alles vorbei? „Ja, Gott sei Dank“, meint sie.Es sind Menschen wie Wonders, die auf der anderen Seite der Türen stehen, an denen Maureen Miczak klopft. Obwohl sich letztlich nicht nachweisen lässt, wie sinnvoll die sogenannten „Grassroot“-Kampagnen sind, glauben besonders bei Barack Obama einige Experten, dass sich seine bessere Basisarbeit am Wahlabend bezahlt machen wird. Es muss diese Hoffnung sein, die am Samstagmorgen Miczak und Zawadzki von Tür zu Tür trägt, denn viel Erfolg haben sie nicht. Ihre Bilanz am Ende der Zwei-Stunden-Schicht: „Von rund 100 Leuten auf der Liste haben wir mit sieben direkt sprechen können.“dpa