Die Stimmung ist angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und hoher Schulden in vielen Ländern gereizt bis angespannt. Euroskeptiker und Populisten gehen auf Stimmenfang. Die schwere Krise um die Ukraine verstärkt das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung.In Italien setzt der angeschlagene Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi unverhohlen auf antideutsche Parolen. Seine Partei, die Forza Italia, macht den deutschen Sparkurs für die Wirtschaftsmisere von Mailand bis Palermo verantwortlich.Die Spitzenkandidaten der großen Parteienfamilien führen unverdrossen ihren Wahlkampf fort. Sie touren in den 28 Mitgliedsländern – ein Novum. Martin Schulz (58) von den Sozialdemokraten, Jean-Claude Juncker (59) von den Konservativen oder Guy Verhofstadt (61) von den Liberalen wollen Chef der mächtigen EU-Kommission werden. „Wir müssen Europa nach der Krise wiedervereinigen, und nicht eine neue Spaltung herbeiführen“, warnt der Luxemburger Juncker.Der Ex-Premier hat seit den umstrittenen Wahlkampf-Äußerungen Berlusconis, wonach die Deutschen die Konzentrationslager der Nazi-Zeit niemals anerkannt hätten, ein richtiges Problem. "Der Holocaust ist kein Thema zum Lachen!"Denn Parlamentarier der Forza Italia gehören zur Fraktion der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). „Herr Berlusconi, der Holocaust ist kein Thema zum Lachen!“ – aus seiner Verärgerung macht der frühere Euroretter Juncker keinen Hehl.Die EVP, der in Deutschland CDU und CSU angehören, liegt nach jüngsten Prognosen mit 28,6 Prozent knapp vor der zweitstärksten Gruppe in der Straßburger Volksvertretung, den Sozialdemokraten (27,8 Prozent). Deren Spitzenkandidat, Martin Schulz, ist auf großen Wahlplakaten in Deutschland zu sehen. Juncker hingegen nicht.CDU plakatiert MerkelDer Grund ist relativ einfach. Die Regierungspartei CDU setzt auch bei der Europawahl am 25. Mai auf ihr Zugpferd, Kanzlerin Angela Merkel. CDU-Generalsekretär Peter Tauber meint, Juncker habe sieben Wahlkampftermine in Deutschland. „Dafür muss er nicht auf Plakaten zu sehen sein. Daraus mangelnde Unterstützung abzuleiten, dass er in Deutschland nicht plakatiert wird, ist falsch. Er wird auch in Luxemburg nicht plakatiert.“Schulz startete Ende April von Paris aus in die Endrunde des Wahlkampfes. Vielleicht kein Zufall, denn in Frankreich regieren die Sozialisten; Präsident François Hollande steckt allerdings im Dauer-Umfragetief. Schulz, derzeit Präsident des Europaparlaments, zeigt sich gegenüber Schuldensündern nachsichtiger als sein Widersacher Juncker.Investitionen seien nötig, um das Wachstum anzuschieben, lautet Schulz' Motto. „Investieren heißt, steigende Schulden zu akzeptieren“, sagte der SPD-Politiker in einer TV-Debatte. „Das ist ein Mittel, um neues Wachstum zu garantieren.“ Jedes Land müsse dabei anders betrachtet werden.Euroskeptische und rechtsradikale GruppierungenMit Sorge betrachten viele den Aufschwung euroskeptischer und rechtsradikaler Gruppierungen. Nach jüngsten Umfragen könnten sie zusammen auf etwa 18 Prozent in der neuen Volksvertretung kommen. Es ist aber nicht klar, wie sich die Parlamentarier organisieren werden, ob es beispielsweise am rechten Rand eine neue politische Gruppe geben wird. Allein Fraktionslose, zu denen bisher beispielsweise Marine Le Pen von der französischen rechtspopulistischen Front National (FN) gehört, dürften demnach gut fünf Prozent der Sitze erreichen.Droht dem neuen Parlament vom Sommer an eine Blockade durch EU-Verweigerer? Nein, meint der Christsoziale Juncker. „Allerdings müssen wir dafür Sorge tragen, dass aus dem Vormarsch der Rechtsradikalen und Populisten kein Durchmarsch wird.“Abseits der Wahlkampfhektik werden in Brüssel und anderen EU-Kapitalen schon einmal in aller Ruhe Personaltableaus für die Zeit nach dem 1. November skizziert. Dann soll die neue EU-Kommission ihre Arbeit aufnehmen. Die Arbeiten sind fortgeschrittener als viele denken. Frankreichs sozialistischer Ex-Finanzminister Pierre Moscovici gilt als Anwärter auf einen Brüsseler Schlüsselposten. In Finnland läuft sich Noch-Regierungschef Jyrki Katainen für eine EU-Karriere warm.dpa