Es ist ein Paradoxon, das Italiens Zukunft bedroht: Während das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit über 30.000 Euro stabil bleibt, finden junge Akademiker im eigenen Land kaum noch Entwicklungsmöglichkeiten vor. Laut der aktuellen Eurispes-Analyse „Capitale umano in movimento“ verliert Italien jährlich rund 34.700 junge Menschen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren an das Ausland. Der Preis für diese Flucht der Talente ist hoch: Jährlich fehlen der italienischen Wirtschaft dadurch 1,66 Milliarden Euro an Wertschöpfung.<BR /><BR />Die Studie vergleicht 22 europäische Länder und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Italien sei ein „Sonderfall“. Während nordeuropäische Staaten massiv von der Zuwanderung junger Talente profitieren, stagniert Italien in einer Sackgasse. Besonders alarmierend sei die Lage der sogenannten NEET-Jugendlichen (nicht in Ausbildung, Arbeit oder Weiterbildung). Diese Quote liegt in Italien stabil bei 22 Prozent – fast dreimal so hoch wie im nordeuropäischen Durchschnitt.<h3>Schlechter als Osteuropa</h3>Noch deutlicher wird das Versagen des Arbeitsmarktes bei den Hochschulabsolventen. Nur 58,9 Prozent der jungen Akademiker finden in Italien eine Beschäftigung. Zum Vergleich: In vielen osteuropäischen Staaten liegt dieser Wert bei über 80 Prozent. Wer in Italien bleibt, arbeitet zudem oft unter prekären Bedingungen. Mit 62,9 Prozent verzeichnet das Land die höchste Rate an unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung im gesamten EU-Vergleich. Das Ergebnis ist eine schleichende Verarmung der Haushalte, während das reale Durchschnittseinkommen weiter sinkt.<h3>Die demografische Zeitbombe </h3>Die wirtschaftlichen Folgen sind nur die eine Seite der Medaille. Langfristig droht Italien ein demografischer Kollaps. Bleibt der aktuelle Trend bestehen, werden dem Land bis zum Jahr 2050 rund 1,13 Millionen Menschen fehlen. Da vor allem die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen abwandert, bricht nicht nur die Innovationskraft weg, sondern auch die Basis für das Renten- und Sozialsystem.<BR /><BR />Eurispes-Präsident Gian Maria Fara warnt davor, die Abwanderung allein als persönliches Schicksal zu betrachten. „Das kritische Nadelöhr ist nicht die Mobilität an sich, sondern die Unfähigkeit eines Landes, diese Flüsse in einen Prozess zu verwandeln, der Renditen für Wirtschaft und Gesellschaft generiert“, betont Fara. Während Länder wie Portugal ihre Abwanderung durch Strukturreformen stoppen konnten, bleibt Italien ein reiner Exporteur von Wissen.<BR /><BR />„Für Italien ist das realistische Ziel nicht die Null-Abwanderung, sondern der Aufbau von Bedingungen, die den Nettoverlust verringern“, so Fara weiter. Es gehe darum, eine echte „Zirkulation der Köpfe“ zu ermöglichen, statt die Jugend dauerhaft zu verlieren. Ohne ein kohärentes Paket an Reformen, so das Fazit des Instituts, werde Italien den Anschluss an die modernen Volkswirtschaften Europas endgültig verlieren.<BR /><BR />Auch in Südtirol kehren immer mehr junge Akademiker dem Land den Rücken, weil faire Löhne und stabile Arbeitsverhältnisse fehlen. <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/suedtirol-riskiert-eine-generation-kluger-koepfe-zu-verlieren-1" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(Hier lesen Sie mehr dazu)</a>