<b>von Nina L. Chruschtschowa, Professorin für Internationale Angelegenheiten an der New School</b><BR /><BR />Russlands patriotische Blogger und Kriegsberichterstatter – also die glühendsten Befürworter der „militärischen Spezialoperation“ ihres Landes in der Ukraine – sind empört. Die Regierung unter US-Präsident Donald Trump hat Truppen für einen Angriff auf den russischen Verbündeten Venezuela entsandt, dabei den Präsidenten des Landes, Nicolás Maduro, entführt und einen unter russischer Flagge fahrenden Öltanker beschlagnahmt. <BR /><BR />Russland solle amerikanische Schiffe versenken oder sogar Atomraketen auf russische Feinde abschießen, so ihre Forderung. Russlands Präsident Wladimir Putin hat jedoch nicht einmal eine offizielle Stellungnahme abgegeben.<h3>Unsicherheit im Kreml</h3>Freilich hat das russische Außenministerium die „bewaffnete Aggression“ der USA gegen Venezuela – völlig frei von Ironie – als „inakzeptable Verletzung der Souveränität eines unabhängigen Staates“ verurteilt. Außerdem reagiert Putin selten umgehend auf wichtige Ereignisse, sondern beobachtet lieber zunächst deren Entwicklung und passt seine Reaktion entsprechend an. <BR /><BR />Diese Vorgehensweise mag manchmal schlau und souverän wirken, in diesem Fall könnte sie jedoch ein Zeichen von Schwäche sein – oder zumindest von tiefer Unsicherheit.<BR /><BR />Vor dem Angriff auf Venezuela zeigte sich Putin hinsichtlich der Position Russlands in der Ukraine ziemlich zuversichtlich. Trump warb für einen „Friedensplan“ mit einer deutlichen Tendenz zugunsten Russlands und übte erheblichen Druck auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus, die ukrainischen Streitkräfte aus den von ihnen kontrollierten Gebieten abzuziehen. <BR /><BR />Hinzu kamen die wiederholten Angriffe Russlands auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die mitten im Winter zu ständigen Stromausfällen führten, sodass Putin überzeugt war, die Ukraine würde bald bereit sein, seine Friedensbedingungen zu akzeptieren.<h3> Neue Zweifel an der russischen Strategie</h3>Die jüngsten Maßnahmen der Trump-Regierung haben jedoch Zweifel an Putins Einschätzung aufkommen lassen. Die USA betonen weiterhin, dass der Frieden in der Ukraine eine Priorität bleibt und ihre jüngste Zusage von Sicherheitsgarantien für die Ukraine keine Stationierung von US-Bodentruppen vor Ort vorsieht – wogegen Russland sich vehement wehren würde. <BR /><BR />Die Festsetzung eines russischen Tankers kann zwar als Versuch interpretiert werden, Putin zu demütigen, doch behauptet die Trump-Regierung, dass es sich eigentlich um ein venezolanisches Schiff handelte, das unter russischer Flagge fuhr, um einer Beschlagnahmung zu entgehen. Außerdem ließen die USA die beiden russischen Besatzungsmitglieder frei.<BR /><BR />Unabhängig davon ist die Trump-Regierung zweifellos unzufrieden über die Weigerung Russlands, den von ihr im November vorgelegten Friedensplan vollständig anzunehmen. Trump hat Berichten zufolge nun „grünes Licht“ für ein lange aufgeschobenes Gesetz gegeben, das strenge neue Sanktionen gegen Russland vorsieht und die Zölle für Länder, die wissentlich russisches Öl oder Uran kaufen, um bis zu 500 Prozent erhöht.<h3> Trumps Supermacht-Mentalität</h3>Zwar findet Putin es sicherlich alles andere als reizvoll, auch nur den Anschein von Schwäche zu erwecken, doch will er auch nicht riskieren, die Spannungen mit den USA zu verschärfen – darum schweigt er. Allerdings hat seine Bereitschaft, sich schikanieren zu lassen, ihre Grenzen. Die Frage lautet, ob die Trump-Regierung energisch genug vorgehen wird, um diese Grenzen auszuloten.<BR /><BR />Viele westliche Beobachter sind der Meinung, es sei nun an der Zeit, Russland stärker unter Druck zu setzen, nicht nur durch verschärfte Sanktionen, sondern auch durch weitere Waffenlieferungen an die Ukraine und durch Maßnahmen gegen Russlands „Schattenflotte“, ein Netzwerk von Öltankern, die durch Täuschungsmanöver westliche Sanktionen umgehen. Selenskyj ging sogar so weit, Trump implizit zu ermutigen, sein Vorgehen im Falle Venezuelas nicht nur gegenüber Russland, sondern auch gegenüber Tschetschenien zu wiederholen.<BR /><BR />Die Vorstellung, Trump könnte US-Truppen nach Russland entsenden, ist zwar unrealistisch, doch der offensichtliche Erfolg der Operation in Venezuela hat die Falken in seinem inneren Kreis beflügelt. „Wir sind eine Supermacht“, betonte Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, kürzlich, „und wir werden uns auch wie eine Supermacht verhalten.“<h3> Das Risiko der nuklearen Eskalation</h3>Diese Einschüchterungsmentalität erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die USA eine Grenze überschreiten, die Putin als inakzeptabel erachtet – beispielsweise indem sie eine große Anzahl russischer Öltanker ins Visier nehmen oder versuchen, Russland drakonische Friedensbedingungen aufzuzwingen oder Unruhen anstacheln, wie sie es im Iran tun.<BR /><BR />Putin hat nur wenige Möglichkeiten, sich gegen die USA zur Wehr zu setzen. Wenn die US-Marine einen Öltanker beschlagnahmen will, wird sie sich weder durch bewaffnete russische Wachleute an Bord noch durch die Stationierung russischer Kriegsschiffe in der Nähe davon abhalten lassen. Russlands einzige wirkliche Druckmittel sind seine Atomwaffen. <BR /><BR />Und obwohl Putin Trump jederzeit ein nukleares Ultimatum stellen kann, würde dies möglicherweise nicht ernst genommen werden. Russische Drohungen hätten mehr Gewicht, wenn sie in Abstimmung mit einer Militärmacht wie China ausgesprochen würden, aber China verfügt über zahlreiche andere Hebel – darunter die Kontrolle über die weltweite Versorgung mit seltenen Erden – die es gegen die USA einsetzen kann.<BR /><BR />Dennoch hat Putin bereits zu nuklearen Drohgebärden gegriffen. Sollte er so in die Enge getrieben werden, dass er zu dem Schluss kommt, ein Atomangriff sei seine einzige Option, würden die USA zweifellos in gleicher Weise reagieren. Solange der Krieg in der Ukraine andauert, bleibt das Risiko eines apokalyptischen Szenarios erhöht.<h3> Selenskyj zwischen den Fronten</h3>Was Selenskyj betrifft, so sollte er sich vorsehen. Putin möchte sich vielleicht nicht mit Trump anlegen, aber nach der Festnahme Maduros durch die USA könnte er beschließen, zu zeigen, dass Russland in der Lage ist, seinen Feinden dasselbe anzutun, insbesondere nach dem mutmaßlichen Drohnenangriff auf Putins Residenz in der nördlichen Region Nowgorod. <BR /><BR />Während die Ukraine jede Beteiligung an diesem Angriff bestreitet und Russland vorwirft, durch die Betonung dieses Vorfalls die Friedensgespräche sabotieren zu wollen, hat Russland Vergeltungsmaßnahmen angekündigt. Auf jeden Fall werden Russlands Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur andauern – ebenso wie Putins Schweigen zu Venezuela.<BR /><BR /><b>Über die Autorin</b><BR />Nina L. Chruschtschowa ist Professorin für Internationale Angelegenheiten an der New School und Ko-Autorin des (gemeinsam mit Jeffrey Taylor verfassten) Buchs In Putin’s Footsteps: Searching for the Soul of an Empire Across Russia’s Eleven Time Zones (St. Martin’s Press, 2019).