Samstag, 26. März 2022

Weiterkämpfen und das Beste hoffen

Seit einem Monat ist Krieg in Europa. Am Tag vor dem großen russischen Angriff auf die Ukraine hatte ich Experten aus Politik und Militär in einer Diskussionsrunde sich noch gegenseitig versichern hören, dass Wladimir Putin sicherlich nicht soweit gehen werde, ja, es gar nicht könne – und, so dachten da noch viele, warum sollte er es auch? Was sollte durch einen Angriffskrieg zu gewinnen sein, das er nicht schon längst auf anderem Weg zugesichert bekommen hätte? Ein Kommentar.

Eine Frau in Charkiw am 30. Tag der russischen Invasion. - Foto: © ANSA / afp epa

Von:
Katrin Niedermair
Der Nato-Beitritt der Ukraine sei kein Thema, hatte Deutschlands Kanzler Olaf Scholz kurz zuvor zugesichert; russische Panzer und Soldaten hatten an den Grenzen bereits ein Zeichen der russischen Stärke gen Westen geschickt – warum also angreifen und den wirtschaftlichen Kollaps riskieren? Das hat mir eingeleuchtet, ich habe es gern geglaubt.

Krieg – das ist etwas, das wir in Europa als eine barbarische Praxis aus dem letzten Jahrhundert kannten. Bis vor wenigen Wochen war es unvorstellbar, dass sich Europäer in einem offenen Krieg mit Maschinengewehren gegenüberstehen würden. Thomas Friedman hat die These formuliert, die den meisten von uns als Gewissheit galt – selbst, wenn wir Friedman und seine These nicht kannten: 2 Staaten, die jeweils ein McDonald's haben, werden nicht gegeneinander Krieg führen.

Es hat sich gezeigt: Dass Krieg für uns Normalbürger westlicher Demokratien irrational zu sein scheint, ist für den russischen Präsidenten kein Kriterium. Wir sind jetzt alle mittendrin. Ukrainische Familien hocken in Luftschutzbunkern, junge und alte Männer werden zu den Waffen gerufen, Millionen sind auf der Flucht. Und wir selber ertappen uns beim Gedanken: Was würden wir tun, wohin würden wir uns flüchten, wenn wir eines Morgens vom Signal der Sirenen geweckt würden, wenn auch bei uns Fliegeralarm wäre? Nicht weniger vorstellbar, als es für die Ukrainer noch vor wenigen Wochen war.

Dass Krieg für uns Normalbürger westlicher Demokratien irrational zu sein scheint, ist für den russischen Präsidenten kein Kriterium.
Katrin Niedermair


Wie geht es weiter? Wie lässt sich die Maschinerie von Leid, Gewalt und Elend noch stoppen? Einen friedlichen Ausweg hat bisher noch niemand aufzeigen können. Die Ukrainer müssen weiterkämpfen. Der Westen kann unterstützen, ist aber zur militärischen Untätigkeit gezwungen. Russland wird wohl nicht von sich aus einlenken.

Die Folgen des Krieges sind derzeit nicht abzusehen. Die Menschen in der Ukraine erleiden jedenfalls Wochen, vielleicht Monate des Terrors. Bomben auf Krankenhäuser, Einkaufszentren, Wohnsiedlungen sollen ihren Widerstand mürbe machen. Wir müssen uns alle auf einen langen Kampf einstellen. Wie direkt er unser eigenes Leben berühren wird, werden wir sehen. Wir können nicht mehr tun als das Beste hoffen.

kn

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