Donnerstag, 7. April 2022

Welthungerhilfe rechnet mit neuen Flüchtlingsbewegungen

Die Lebensmittelkrise als Folge des Ukraine-Kriegs wird nach Einschätzung der Welthungerhilfe zu neuen Flüchtlingsbewegungen aus ärmeren Ländern führen. „Wir sehen ganz real in den Ländern, in denen wir arbeiten, wie dramatisch die Lage ist. Die Menschen werden keine andere Möglichkeit für sich sehen, als sich auf den Weg zu machen“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe, Mathias Mogge, der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

Der Ukraine-Krieg verschärft die Lebensmittelkrise in vielen Ländern.. - Foto: © APA/dpa-Zentralbild / Sebastian Willnow

Der Migrationsdruck auch nach Europa werde sich in Folge von Hungersnöten verstärken. Hintergrund seien unter anderem die Preissprünge von bis zu 70 Prozent seit Kriegsbeginn für Getreide, das bisher zu einem großen Teil aus der Ukraine und aus Russland importiert wird. „Deswegen muss die internationale Gemeinschaft jetzt schnell handeln“, mahnte Mogge.

Aktuell bezifferten die Vereinten Nationen den Finanzbedarf für humanitäre Hilfen weltweit auf 43 Milliarden Dollar (39 Mrd. Euro). „Das ist der höchste Bedarf, den es je gegeben hat.“ Bisher seien von der internationalen Staatengemeinschaft aber nur 3,6 Milliarden Dollar zugesagt worden. „Wir brauchen direktere Hilfen für einzelne Länder und einen Schuldenschnitt“, forderte Mogge.

Das Welternährungsprogramm rechnet indes aufgrund des Ukraine-Kriegs mit Dutzenden Millionen Menschen mehr in Hunger und Armut. „Je nach Dauer des Krieges könnten zwischen 33 und 47 Millionen Menschen zusätzlich in Hunger und Armut abrutschen“, sagte der Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in Deutschland, Martin Frick, der Deutschen Presse-Agentur. Die Zahl der akut Hungernden habe schon vor Beginn des Krieges mit 276 Millionen Menschen auf einem traurigen Rekordniveau gelegen.

Bei der Versorgung notleidender Menschen durch das WFP klafft eine Milliardenlücke. Angesichts eines so noch nicht da gewesenen humanitären Bedarfs, bräuchte es WFP-Angaben zufolge 18,9 Milliarden US-Dollar (17,3 Mrd. Euro). Jüngsten Zahlen zufolge erhielt das WFP im Jahr 2020 jedoch nur knapp 8,5 Milliarden Dollar an Spenden. Die Organisation rechnet allein wegen gestiegener Lebensmittelpreise und des Ukraine-Konflikts mit Mehrkosten von rund 850 Millionen Dollar pro Jahr.

Am Donnerstag treffen sich die Agrarministerinnen und Agrarminister der EU-Staaten, um über die Auswirkungen der Ukraine-Krise und mögliche Lösungen zu sprechen. Frick appelliert: Kurzfristig brauche es mehr Geld für humanitäre Hilfe. „Gleichzeitig müssen die weltweiten Ernährungssysteme umgebaut werden, damit sie weniger anfällig für solche Krisen sind.“ Es brauche kleinbäuerliche Landwirtschaft mit regionalen Strukturen. Hunger sei menschengemacht. Es gebe weltweit betrachtet keine Nahrungsmittelknappheit, aber Weltmarktpreise und ungerechte Verteilung führten regional dazu.

apa

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