Bosnien-Herzegowina hat noch nicht gelernt, ganz alleine auf den Beinen zu stehen. Das liegt nicht zuletzt an der ethnischen Spaltung, die ein Fortkommen weiter behindert. Die Perspektiven sehen daher auch für die Zeit nach den allgemeinen Wahlen am 3. Oktober eher düster aus.Dabei ist Sarajevo ohnehin nicht repräsentativ. Wer abends durch die Fußgängerzone zur orientalisch geprägten Altstadt „Bascarsija“ schlendert, der sieht wenig Unterschied zu anderen postkommunistischen, mittlerweile aber bereits westlich geprägten Hauptstädten. Adrett herausgeputzte Jugendliche flanieren fröhlich an Cevapcici-Lokalen, Cafes, Bankfilialen und Schaufenstern von Boutiquen vorbei, in denen jene Markenwaren angeboten werden, die rund um den Erdball in besten Kreisen en vogue sind.In Sarajevo haben sich internationale Organisationen und Firmen angesiedelt, die ebenso Arbeit bieten, wie die zahlreichen Botschaften oder das Büro des Hohen Repräsentanten (OHR). Auch von der Wirtschaftskrise ist auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. Am Land aber sieht die Lage anders aus. Dort liegen die Industrieanlagen oft ebenso brach wie die Verkehrswege. Landwirtschaft im großen Stil gibt es kaum. Dafür jede Menge kleine Gemüsegärten, in denen Paradeiser, Erdäpfel, Karotten und Salat angebaut werden. Nicht der Bio-Qualität wegen, sondern allein des Überlebens willen. Den Supermarkt können sich viele Menschen schlicht nicht leisten.Die offizielle Arbeitslosenquote im Land beträgt 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 40 und 50 Prozent. Das Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 400 Euro - in der Privatwirtschaft bei rund 300 Euro. Nur wer in der staatlichen Bürokratie Unterschlupf gefunden hat, verdient ein wenig besser. Diese ist dafür völlig aufgebläht und entsprechend kostenaufwendig, schließlich sind viele Posten aus rein ethnischen Gründen dreifach - mit Bosniaken (Muslime), Serben, Kroaten - besetzt. Dafür wird die Schattenwirtschaft auf 30 bis 40 Prozent des BIP geschätzt.Bosnien-Herzegowina ist seit dem „Dayton-Vertrag“ von 1995, der den Krieg beendete, in die Bosniakisch-Kroatische Föderation und die Serbische Republik („Republika Srpska“) geteilt. Die Politiker aller drei Volksgruppen wissen, dass die Bevölkerung vornehmlich in sozialen und wirtschaftlichen Belangen der Schuh drückt, doch wagen sie es - mit wenigen Ausnahmen - nicht, von der nationalen Schiene abzuweichen.Diese bringt noch immer die meisten Stimmen. Aus Angst, von der jeweils anderen Volksgruppe an den Rand gedrängt zu werden, geben die Menschen meist noch immer nach nationalistischen Kriterien ihre Stimme ab. Die internationale Gemeinschaft bemüht sich redlich, in dem Balkanland etwas voranzubringen. Doch allein ein Ausdruck, den die EU-Außenbauftragte Catherine Ashton prägte, ist verräterisch. Sie versicherte einmal mit guter Absicht, dass Bosnien-Herzegowina natürlich „Europe’s Backyard“ („Europas Hinterhof“) sei. Wen interessiert aber der Hinterhof, wenn noch nicht einmal das Haus fertiggestellt wurde?Asthon wollte damit zum Ausdruck bringen, dass das Land zu Europa zählt und auch dort seine Zukunft suchen soll. Aber allein im Ausdruck „Backyard“ („Hinterhof“) schwingt etwas Schmuddeliges, Düsteres, Dunkles, Verlassenes mit. Bezeichnend ist auch ein Argument, mit dem Diplomatenkreise internationale Unternehmer locken wollen, in Bosnien-Herzegowina zu investieren. Das Land habe enormes Potenzial heißt es, etwa auf dem Energiesektor (Wasser, Wind, Sonne) oder dem Öko-Tourismus. Dazu hat es gut ausgebildete Fachkräfte zu bieten. Und das, lautet dann der Trumpf, bei „einem Lohnniveau wie in China“.Das bedeutet: Mitten in Europa (wenige Autostunden von Graz) gibt es ein Land, wo Menschen leben, die bereit wären, für chinesische Dumpinglöhne zu arbeiten. Selbst wenn ihnen kurzfristig damit sogar geholfen wäre, würden sie spätestens in ein paar Jahren - wenn die Nachbarstaaten Kroatien und Serbien ihre EU-Annäherung zumindest vorangetrieben haben - bemerken, dass sie sich in Europa damit nicht viel kaufen können. Zur Erinnerung: Ein Flug von Wien nach Sarajevo dauert gerade einmal knapp über eine Stunde. Nach Peking doch etwas länger...apa