Und deshalb sei die Frage erlaubt, ob die sogenannte Brandmauer gegen die AfD tatsächlich das richtige Rezept ist. CDU und andere Parteien haben sie hochgezogen, um jede Zusammenarbeit auszuschließen. Das ist nachvollziehbar, zumal es bei den Blauen Positionen gibt, die mit einem liberalen Demokratieverständnis schwer vereinbar sind. Doch eine Brandmauer hat eine unangenehme Nebenwirkung: Hinter ihr kann sich eine Partei wunderbar einrichten.<BR /><BR />Die AfD musste sich dort kaum noch der politischen Auseinandersetzung stellen. Sie musste ihre Forderungen nicht im parlamentarischen Alltag erklären, keine Kompromisse suchen und keine Verantwortung übernehmen. Stattdessen konnte sie sich in der Rolle der Ausgegrenzten etablieren – und daraus politisches Kapital schlagen. <BR /><BR />Eine demokratisch gewählte Partei wird nicht dadurch kleiner, dass die anderen Parteien nicht mit ihr reden. Wer sie politisch bekämpfen will, muss sich mit ihr auseinandersetzen, ihre Argumente zerlegen und ihre Widersprüche offenlegen. Vielleicht hätte eine solche Auseinandersetzung die AfD sogar gezwungen, sich zu mäßigen. Die Brandmauer hat diesen Weg nicht eröffnet.<BR /><BR />Und was kann Südtirol daraus lernen? Die hiesigen populistischen Parteien werden von der politischen Mehrheit nach dem berühmten Karl-Valentin-Zitat behandelt: „Des ignoriern ma net amoi.“ Das Problem dabei: Wer wegschaut, überlässt das Feld denen, die am lautesten schreien. Manche dieser Gruppierungen kopieren die AfD nicht nur, sie überholen sie auf der rechten Spur.<BR /><BR />Gerade dann wäre Nachfragen notwendig. Wenn wieder einmal großspurig von „Remigration“ schwadroniert wird, müsste die Politik einfach wissen wollen: Wer soll dieses Land verlassen? Alle Ausländer – auch jene, die seit Jahren hier leben und in Tourismus, Industrie oder Landwirtschaft arbeiten? Oder nur Menschen ohne Aufenthaltsrecht? Oder Straffällige? Und ab welchem Delikt? Nach einem rechtskräftigen Urteil? Nach einer Anzeige? Wer entscheidet darüber – und auf welcher rechtlichen Grundlage? Und hat Südtirol überhaupt die entsprechende Kompetenz?<BR /><BR />Plötzlich wäre die vermeintlich einfache Lösung gar nicht mehr so einfach. Genau das ist der Sinn politischer Auseinandersetzung. Populistische Parolen leben davon, dass niemand nachfragt. Sobald man es tut, werden aus großen Schlagworten komplizierte Sachfragen – und aus vermeintlich genialen Lösungen wird das, was sie häufig sind: politischer Stimmenfang.<BR /><BR />Die blaue Welle rollt, mag sein. Doch wer sie stoppen will, sollte nicht versuchen, das Wasser mit einer Brandmauer aufzuhalten. Er muss sich ihr entgegenstellen – mit Argumenten, Fakten und der Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu beantworten. Sonst könnte die Welle bald auch Südtirol erreichen. Und dann erleben wir unser blaues Wunder.