<b>STOL: Frau Gebhard, laut aktuellen Zahlen des NISF/INPS erhalten Frauen in Südtirol im Schnitt bis zu 43 Prozent weniger Pension als Männer. Wie erklären Sie sich, dass dieser Unterschied trotz jahrzehntelanger Gleichstellungsdebatte immer noch so groß ist?</b><BR />Renate Gebhard: Ein Hauptgrund ist nach wie vor, dass der Großteil der Care-Arbeit – also Kinderbetreuung, Pflege und Haushaltsarbeit – von Frauen geleistet wird. Wir sind immer noch stark in traditionellen Rollenbildern verhaftet. Viele Frauen verzichten deshalb oft über Jahre zur Gänze auf Erwerbstätigkeit, auf Vollzeitstellen oder auf Karriere, was sich massiv auf die Altersvorsorge auswirkt. Mit der Einführung des beitragsbezogenen Rentensystems und sobald dieses zur Gänze greift, verschärft sich das Problem noch: Wer weniger einzahlt, bekommt auch weniger heraus – und das trifft Frauen besonders hart.<BR /><BR /><b>STOL: Der Schlüssel liegt also in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?</b><BR />Gebhard: Unser Schul- und Arbeitsmodell ist noch zu stark losgelöst von Kindern und Familie organisiert. Zwar ist Südtirol bei Kita-Plätzen im italienweiten Vergleich gut aufgestellt, doch unser System ist immer noch zu starr. Ein Konkretes Beispiel: Die drei Monate Sommerferien kommen aus einer Zeit, in der Kinder Zuhause bei der Ernte helfen mussten. Das ist heute vollkommen überholt – und für die Eltern sind die Ferien eine riesige Herausforderung. Problematisch sind zudem fehlende Ganztagsschulen oder starre Eintrittszeiten in Kindergärten – all das erschwert berufstätigen Eltern die Vereinbarkeit. Heute funktioniert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Südtirol vielfach nicht ohne Großeltern.<BR /><BR /><b>STOL: Welche kurzfristigen Maßnahmen sind dringend notwendig?</b><BR />Gebhard: Ein qualitativ gutes und flexibles Betreuungsangebot, das sich an den Arbeitszeiten orientiert: Vermehrt Ganztagsschulen, einen ganzjährigen Kindergarten mit flexiblen Eintrittszeiten, flächendeckende Sommerangebote, die auch leistbar sind für Familien. Auch eine stärkere Aufteilung der Elternzeiten zwischen Mutter und Vater wäre wichtig. So könnten beide Elternteile 75 Prozent arbeiten, statt dass eine Person Vollzeit und die andere nur Teilzeit arbeitet – das würde die Rentenlücke deutlich verringern.<BR /><b><BR />STOL: Was muss sich gesellschaftlich ändern?</b><BR />Gebhard: Vieles hat sich schon zum Besseren gewendet: Heute hat jedes Mädchen die Chance auf eine gleichwertige Schul- und Ausbildung, was vor wenigen Jahrzehnten noch nicht der Fall war. Bereits in der Schule ist es wichtig für Chancengleichheit zu sensibilisieren, denn je gleichberechtigter die Gesellschaft, desto gerechter wird die Care-Arbeit verteilt. Früher war es noch eine Ausnahme, wenn Väter Kinderbetreuung übernommen haben. Heute gehört das zum Alltag. Mit gezielter Förderung, etwa Väterkarenz, lässt sich dieser Wandel noch beschleunigen.<BR /><BR /><b>STOL: Die Allianz für Familie schlägt vor, Erziehungs- und Pflegezeiten als Versicherungsjahre anzurechnen. Kann das auf Landesebene umgesetzt werden?</b><BR />Gebhard: Die Umsetzung dieses Vorschlags liegt in staatlicher Kompetenz und ist schwierig. Das Land kann nur teilweise abfedern, zum Beispiel über Beiträge für freiwillige Renteneinzahlungen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meinen Gesetzesentwurf zur Anerkennung von Erziehungszeiten, der bislang an den notwendigen finanziellen Ressourcen gescheitert ist. Unter der Regierung Draghi war die Behandlung bereits weit fortgeschritten: Der Gesetzgebungsausschuss hatte die Anerkennung von sechs Monaten pro Kind genehmigt. Leider ist die Regierung kurz darauf gescheitert, und unter der aktuellen Regierung Meloni wurde der von mir erneut eingebrachte Entwurf bisher noch nicht im Kalender des Parlaments berücksichtigt. Entscheidend bleibt aber, dass Elternzeiten gerechter verteilt und freiwillige Einzahlungen ausgebaut werden, damit Frauen langfristig bessere Rentenansprüche erwerben können. Wichtiger ist, dass Elternzeiten gerecht aufgeteilt und freiwillige Einzahlungen ausgedehnt werden, damit Frauen ihre Rentenansprüche verbessern können.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Spielräume hat die Landespolitik, um Frauen gezielt beim Aufbau ihrer Altersvorsorge zu unterstützen?</b><BR />Gebhard: Die öffentliche Hand hat hier nur begrenzten Spielraum – umso wichtiger ist die Verantwortung der Arbeitgeber. Wir können zusätzliche Modelle der betrieblichen Zusatzvorsorge, etwa über Pensplan, fördern, steuerliche Anreize schaffen oder freiwillige Einzahlungen durch öffentliche Zuschüsse unterstützen. Ein konkretes Beispiel ist der Beitrag seitens Region zur Unterstützung der gesetzlichen oder der Zusatzrente während der Betreuungs- und Erziehungszeiten von Kindern. Dieser wird bis zum dritten Lebensjahr des Kindes bzw. drei Jahre nach einer Adoption gewährt – bei Teilzeitbeschäftigung von bis zu 70 Prozent im privaten Sektor sogar bis zum fünften Lebensjahr. Je nach individueller Situation liegt die Förderung zwischen 2.000 und 9.000 Euro pro Jahr. Letztlich braucht es aber immer ein Zusammenspiel von Politik, Arbeitgebern und gesellschaftlichem Bewusstsein, um Altersarmut von Frauen wirksam vorzubeugen.<BR /><BR /><b>STOL: Sie fordern, dass Frauen ihre Finanzen „in die Hand nehmen“ sollen. Wie kann man insbesondere junge Frauen in Südtirol dazu motivieren, sich frühzeitig mit Geld, Vorsorge und Rente zu beschäftigen?</b><BR />Gebhard: Über Sensibilisierung und Aufklärungsarbeit – bereits in Schulen, aber auch in der Weiterbildung. Oft ist es jungen Frauen nicht bewusst, welches Risiko sie eingehen, indem sie auf Erwerbstätigkeit verzichten. Wir organisieren etwa Initiativen wie „Deine Finanzen, deine Zukunft, deine Absicherung“, um jungen Frauen die Bedeutung von Erwerbstätigkeit, Vorsorge und finanzieller Unabhängigkeit bewusst zu machen. Letztlich geht es darum, dass Frauen finanzielle Entscheidungen selbstbestimmt treffen – und damit ihre Zukunft aktiv gestalten.