Er, der lange Zeit am Bozner Landesarchiv tätig war und nun Universitätsprofessor in den USA ist, hat sich eingehend mit diesem dunklen Kapitel unseres Landes beschäftigt hat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1115061_image" /></div> <h3> Die Rolle Südtirols</h3><BR />Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Südtirol zum idealen NS-Refugium auf Zeit wurde. Südtirol war eine Art „Niemandsland“ - vor allem der völkerrechtliche Status seiner Menschen war seit der Option von 1939 ungeklärt. Dieser Umstand, die geografische Lage, die Deutschfreundlichkeit, die raren Kontrollen durch die Alliierten und andere Faktoren machten Südtirol zum idealen Nazi-Schlupfloch schon kurz vor Kriegsende und in den Jahren danach. Naziverbrecher konnten hierzulande auf ein großes Netzwerk an Fluchthelfern zählen. Auch Josef Mengele.<BR /><h3> Mengeles Fluchtgeschichte</h3><BR />Josef Mengele: Ein Name, der für Unmenschlichkeit steht. Die grausamen Taten des Nazi-Arztes dürften bekannt sein, alles über seine berüchtigten Menschenversuche, etwa an Zwillingen in den Konzentrationslagern, kann anderswo nachgelesen werden. Näher beleuchten wollen wir hier seine Fluchtgeschichte, eine Flucht, die ohne die Hilfe von Südtirolern wohl nicht gelungen wäre.<BR /><BR />Nach dem Zusammenbruch des 3. Reichs war Josef Mengele in Deutschland unter dem Namen Fritz Hollmann untergetaucht, arbeitet zeitweise als Knecht. Sein Name tauchte bereits ab 1948 in zahlreichen Nazi-Prozessen und so bereitete er seine Flucht in Richtung Südamerika vor. „Da er aus einer wohlhabenden Günzburger Unternehmer-Familie stammte, – Landmaschinen Mengele sind auch in Südtirol jedem ein Begriff - konnte er sich eine Flucht „alla Grande“ leisten“, wie Steinacher betont. Nach einigen Vorbereitungen, bei denen die bereits bestehenden Netzwerke aus ehemaligen Nazis und Nazi-Kollaborateuren in Tirol und Südtirol eine zentrale Rolle spielten, machte sich Mengele an Ostern 1949 schließlich auf den Weg und fuhr mit dem Zug nach Innsbruck und dann weiter nach St. Jodok. Von dort überquerte er am 15. April 1949 den Brenner über die grüne Grenze, erreichte das Gasthaus Wolf in Brennerbad und fuhr von dort mit dem Zug weiter nach Sterzing. Dort angekommen, logierte er wochenlang in einem Hotel. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden ihm dort von seinen Fluchthelfern auch seine neuen Papiere ausgehändigt. Aus dem deutschen Kriegsverbrecher Josef Mengele wurde der Südtiroler Helmut Gregor aus Tramin, geboren 1911.<BR /><h3> Ticket in die Freiheit</h3><BR />Aber die reine Namensänderung und die neue Identität als Traminer hätte Mengele für seine Flucht kaum etwas gebracht. „Die geniale und perfide Idee der Fluchthelfer war“, betont Professor Steinacher, „dass man Mengele – und auch viele andere - nicht nur zum Südtiroler machte, sondern die Geschichte gesponnen hatte, dass dieser Helmut Gregor aus Tramin aufgrund der Südtiroler Option von 1939 für Deutschland optiert, dadurch seine italienische Staatsbürgerschaft verloren hätte und nun nach seiner Rückkehr ein de facto „Staatenloser“ war. „Diese angebliche oder wirkliche Staatenlosigkeit war die absolute Voraussetzung für den Erwerb der international anerkannten Ausreisedokumente des Internationalen Roten Kreuzes, welches diese damals entweder in Rom oder direkt an den Häfen ebendiesen staatenlosen Flüchtlingen aushändigte.“ Diese bescheinigte Staatenlosigkeit als Südtiroler Optant war also das Ticket in die Freiheit.<BR />Diese Reisedokumente des Roten Kreuzes, ein Ersatz-Reisepass, waren international anerkannt. Damit stellte man sich dann in der jeweiligen Botschaft vor und suchte für ein Visa an.<BR /><BR />Diesen Humanitären Service des Roten Kreuzes, das ja auch vielen wirklichen Flüchtlingen und Kriegsopfern zu einem Neuanfang verhalf, wurde eben von Holocaustverbrechern, Nazis und Nazikollaborateuren missbraucht. Es gab kaum Kontrollen. Obwohl das Rote Kreuz ab 1947/48 bereits vom Missbrauch ihres Dienstes wusste, blieb es bei seinem Standpunkt eine neutrale Hilfsorganisation im Sinne des barmherzigen Samariters zu sein und keine Polizeibehörde: Wer mit der Bitte um Hilfe kommt, bekommt diese auch. Kontrollen fanden weiter keine statt. Und auch die Alliierten, der Vatikan und die italienischen Behörden wussten zu jenem Zeitpunkt bereits vom Flucht-System der Nazis durch Italien. Auch Tageszeitungen wie etwa die italienische „Unità“ berichtete darüber. Unternommen wurde wenig, auch weil das Interesse, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen von Jahr zu Jahr weniger wurde. Und so gelang es zahlreichen Kriegsverbrechern– auch Jahre später noch – sich unkontrolliert ins Ausland abzusetzen.<BR /><BR />Josef Mengele alias Helmut Gregor verließ Genua am 25. Mai 1949 auf dem Schiff North King Europa mit dem Ziel Buenos Aires, wo er am 20. Juni 1949 eintraf.<BR /><BR />Mengele wurde nie gefasst, er blieb bis zu seinem Tod 1979– unter wechselnden Namen – in verschiedenen südamerikanischen Ländern untergetaucht. Mengeles Ehefrau Martha Mengele und der Sohn aus erster Ehe, Karl Heinz, ließen sich nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Argentinien 1962 in Meran nieder. Mengele vertraute seine Familie ehemaligen Südtiroler Fluchthelfern in Meran an. Josefs Bruder, Alois Mengele, gründete 1969 in Meran eine Filiale der Günzburger Familienfirma für Landmaschinen. Die diente offenbar zur finanziellen Absicherung von Martha Mengele und Sohn Karl Heinz.<BR /><BR />Lesen Sie im nächsten Teil, warum gerade Tramin bei diesem Südtiroler Fluchtsystem eine zentrale Rolle spielte.