Was wirklich wahlentscheidend sein wird... <b>Eine Analyse von Thomas J. Spang.</b><BR /><BR />Trump setzte sich bei den Republikanern in 14 der 15 abstimmenden Staaten klar gegen seine verbliebene Rivalin Nikki Haley durch. Nur in Vermont siegte die 52 Jahre alte Ex-UNO-Botschafterin, die aber gestern bekanntgab, aus dem parteiinternem Rennen der Republikaner auszusteigen. Damit wird das Rennen ums Weiße Haus noch während der Vorwahlen faktisch zu einem Duell zwischen Trump und Amtsinhaber Joe Biden, der bei den Vorwahlen der Demokraten wie erwartet konkurrenzlos durchmarschierte. Beide Kandidaten räumten bei den Vorwahlen ab, bei denen rund ein Drittel der jeweiligen Delegierten zu den beiden Krönungs-Parteitagen im Sommer vergeben wurden. <BR /><BR />Die Ergebnisse des Super-Dienstags sind dennoch ebenso irreführend wie der bombastische Auftritt von Trump und das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein von US-Präsident Biden. Gemessen am Ausgang der Vorwahlen sollten beide mit hoch motivierten Anhängern als Spitzenreiter ihrer Parteien im November bei den Präsidentschaftswahlen antreten. Eine Neuauflage des Rennens von 2020 scheint nun unvermeidbar. Es sei denn, gesundheitliche, rechtliche oder andere überraschende Entwicklungen sorgten für das Ausscheiden der designierten Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei. Biden und Trump sind die Kandidaten der Systeme, die sie hervorgebracht haben. Obwohl selbst bei den Anhängern der Demokraten 3 von 4 Wählern Bedenken über das Alter des Amtsinhabers haben, traut sich kein Schwergewicht in der Partei den Finger zu heben. Weder Gavin Newsom noch Gretchen Whitmer oder J.B. Pritzker wollen ihre politische Zukunft mit einer Kampfkandidatur riskieren. kNoch weniger die Strategen der Partei, deren künftige Jobs auf dem Spiel stehen. Das erklärt, warum Biden bei den Vorwahlen abräumt und am gestrigen Super-Dienstag mit Ausnahme des Dämpfers in America Samoa ein Ergebnis über 90 Prozent einfährt. <h3> Die MAGA-Fans werden Trump nicht reichen</h3>Auch Trumps Siegeszug täuscht über seine tatsächliche politische Stärke hinweg. Als Führer der „Make America Great Again“-Bewegung hat er zweifelsfrei eine gläubige Anhängerschaft. Ein Freifahrtschein ins Weiße Haus sind die bisherigen Siege für den Expräsidenten aber nicht, die republikanischen Wähler nicht geschlossen hinter sich hat. So verzichtete Nikki Haley gestern bei ihrer Rückzugsankündigung darauf, sich mit einer formellen Erklärung – einem „endorsement“ – hinter Trump zu stellen, wie es sonst bei unterlegenen Kandidaten, die aus dem Rennen aussteigen durchaus üblich ist. Eine entscheidende Rolle bei den Wiederwahlchancen könnte seinen Gerichtsverfahren zukommen. Wie der Datenanbieter „Edison Research“ gestern bekanntgab, waren 40 Prozent der Teilnehmer an der republikanischen Vorwahl in Virginia der Ansicht, dass Trump bei einem Schuldspruch nicht mehr für das Präsidentenamt geeignet wäre. In North Carolina waren es 32 Prozent und in Kalifornien 23 Prozent. Sollte es vor der Wahl zu einer strafrechtlichen Verurteilung Trumps kommen, darf er aber weiter für das Präsidentenamt kandidieren. Die US-Verfassung sieht kein Kandidaturverbot für diesen Fall vor.<BR /><BR />Nur mit seinen MAGA-Fans allein kann Trump die Wahlen im November also nicht gewinnen. Der Super-Dienstag bestätigt einen Trend, der sich schon vorher abzeichnete. Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Wähler bei den republikanischen Vorwahlen verweigert ihm die Gefolgschaft. Viele stimmten ausdrücklich nicht für Haley, sondern gegen Trump. <h3> Die grundsätzlichen Probleme bleiben die selben</h3>Wer sind diese Menschen? Vor allem gebildete Konservative und Frauen, die in den Städten und suburbanen Regionen leben. Diese Wählergruppe wird weder Trump noch von ihm unterstützte MAGA-Kandidaten wie etwa den in North Carolina zum Gouverneurskandidaten der Republikaner aufgestellten Holocaust-Leugner Mark Robinson unterstützen. Wenn die Jubelfeiern der Wahlnachtvorüber sind, wird der politische Kater einsetzen. Denn tatsächlich sind weder Biden noch Trump beliebt. Das zeigen die hohen Negativwerte in fast allen Umfragen. Der eine gilt mit 81 Jahren als zu alt, der andere vor 4 Strafgerichten angeklagte mutmaßliche Aufrührer als zu extrem. Wobei der Ex-Präsident zuletzt durch mentale Aussetzer für Spekulationen über seine geistige Gesundheit sorgte.<h3> Diese Gruppe wird wahlentscheidend sein</h3>Den Schlüssel für den Ausgang der Wahlen im November halten nicht Demokraten oder Republikaner in den Händen, sondern die Unabhängigen, die laut Gallup 43 Prozent der Gesamtwählerschaft ausmachen. Dort stellen Demoskopen eine selten hohe Offenheit für dritte, also unabhängige Kandidaten fest. Robert F. Kennedy Junior, die Grüne Jill Stein und der Progressive Cornel West ziehen schon jetzt genügend Interesse auf sich, um den Ausgang der Wahlen in den umkämpften Swing States zu Lasten von Biden zu beeinflussen. Deshalb sollte der Ausgang der Vorwahlen vom Super-Dienstag mit Vorsicht bewertet werden. Es könnte sich herausstellen, dass der triumphale Durchmarsch Bidens und Trumps am Ende in der Sackgasse endet.