Dienstag, 05. Mai 2015

Zwischen Stahl und Schweiß: Renzi tritt auf

Der Vorhof des Südtiroler Vorzeigeunternehmens Stahlbau Pichler hat wohl selten so eine Dichte an Südtiroler Prominenz erlebt. Größen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind am Dienstag zum Sitz in Bozen Süd geströmt. Der Grund für den Auflauf traf um circa 11 Uhr ein.

Foto: DLife
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Der Lancia fährt am späten Vormittag vor, begleitet von Sicherheitsmännern sowie Carabinieri, Polizei und Finanzwache. Aus der Beifahrerseite entsteigt ein Sicherheitsmann dem Wagen, öffnet die Hintertür, Renzi betritt die Szenerie. Mittelblauer Anzug, schwarze, glänzende Schuhe, marineblaue Krawatte, das Hemd zugeknöpft. "Ciao a tutti!", ruft er. Der Regierungschef zum zweiten Mal auf Südtiroler Boden.

Südtirol putzt sich heraus, der Premier kommt ganz locker

Beinahe andächtig das Schweigen der Anwesenden: die Politiker und Ehrengäste rechts zum Eingang des Unternehmens, lokale und nationale Presse links.

Renzi hingegen schlendert geradezu den Glastüren von Stahlbau Pichler entgegen. Nebenbei schüttelt er Hände: jene von Landesrätin Waltraud Deeg, Landesrat Richard Theiner. Florian Mussner ist da, genauso Christian Tommasini, die Kammerabgeordneten Gebhard, Alfreider, Schullian und Plangger, HGV-Präsident Manfred Pinzger, lvh-Präsident Gert Lanz, auch Hans Berger. Der deutsche Schulamtsleiter Peter Höllrigl lässt sich den Besuch des Ministerpräsidenten nicht entgehen. Luigi Spagnolli kam mit Tricolore-Schleife und Kette. Stefan Pan, der Chef des Unternehmerverbandes, fügt beim Händeschütteln ein "Ciao, Capo!" an. 

Direkt vor der Eingangstür begrüßt Renzi SVP-Obmann Philipp Achammer - und nicht zuletzt den Herrn des Hauses: "Dolomiten"-Manager des Jahres Walter Pichler. Dann betritt der Regierungschef das Unternehmen. Eine Besichtigung steht an.

Am späten Vormittag hält Renzi eine Rede, auf einer Pressekonferenz, direkt in den Fertigungshallen von Stahlbau Pichler. Für die Ansprache halten die Arbeiter inne, lassen ihre Schweißarbeiten kurzzeitig ruhen. "Drei kleine Gedanken für die Zukunft werde ich mitnehmen", kündigt Renzi an.

Zu seiner Rechten steht Walter Pichler. Zu seiner Linken: die zwei Landeshauptleute, die Renzi "Ugo" und "Arno" nennt. Ganz außen am kleinen Redner-Podest steht Bozens Bürgermeister Spagnolli. Er zückt das Handy, grinst für ein Selfie. Den Ministerpräsidenten trifft man schließlich nicht alle Tage.

Wirtschaft: "Aufhören, sich zu beklagen"

Das Mikrophon hält Renzi locker in der linken, mit Ehering bestückten Hand. Mit der rechten muss er zeigen, Dinge an seinen Fingern abzählen, gestikulieren. "Erstens, einen Gedanken zur Wirtschaft. Ihr seid stolz auf dieses Unternehmen", meint Renzi und lässt seine Hand durch die Halle wandern. "Und das zu Recht."

Denn Stahlbau Pichler habe Mut und Willen bewiesen: Das Unternehmen habe die Gelegenheit der Expo am Schopf gepackt. Wie bekannt, fertigte die Firma unter anderem das Dach des Italien-Pavillons, das Renzi ziemlich beeindruckt haben soll. "Frische Ideen und begierig sein", das ist es was die Wirtschaft laut Renzi braucht. "Hören wir damit auf, uns ständig zu beklagen."

Schule: Duale Ausbildung "kopieren"

Seinen zweiten Gedanken widmet Renzi der Schule. Als pünktlich zum Thema die Glocke in der Halle schrillt, meint er: "Man merkt schon, dass man in Bozen ist." Und erntet zum wiederholten Male an diesem Vormittag Applaus und Gelächter.

Südtirol habe, gemessen am italienischen Durchschnitt, nur ein Viertel an arbeitslosen Jugendlichen aufzuweisen, so Renzi. Der Wert belaufe sich derzeit auf zwölf Prozent, erklärte bereits der Landeshauptmann in seiner Eröffnungsrede. "Damit rangieren wir unter den Besten Italiens." Das habe sicherlich auch mit dem dualen Ausbildung der Lehrlinge zu tun. 

Ein System, das Renzi kopieren will. "Man muss nur Europa ansehen: Überall, wo das duale Ausbildungssystem greift, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sind die Jugendarbeitslosenzahlen geringer."

Wenn sich Italiens Schule nun mehr der Praxis verschreibe, dann komme dies unter keinen Umständen einer Absage an die klassische Ausbildung gleich. "Ich bin dafür, dass es auch Latein- und Griechisch-Stunden gibt", beteuert Renzi. Doch mit Praxiserfahrung gebe man den Jugendlichen "die Möglichkeit, ihre Träume wachsen zu lassen". 

Autonomie: Zuständigkeiten abtreten?

Gedanke Nummer drei, den Renzi nennt - "sonst zieht mich Arno an den Ohren": die Abstimmung zwischen Staat und Provinz.

Man wolle, so kündigt der Regierungschef an, im Reformprozess darauf achten, ob es denn weitere Zuständigkeiten gibt, die man abtreten könne. Laut Kompatscher habe man bei der Aussprache am Flughafen über die Koordinierung der Autonomie mit der Verfassungsreform gesprochen und einen Arbeitsplan vereinbart. "Um Autonomie und Identität zu erhalten und zu stärken", betont Renzi. "Das machen wir gemeinsam."

Der Rede folgt Applaus. Renzi plaudert noch etwas, schüttelt wieder Hände, grinst in Kameras. Er ist beliebtes Motiv für Selfies. Dann entschwindet er aus der Halle, aus dem Gebäude. Der Lancia fährt ihn ins Rainerum nach Bozen. Dort findet eine Wahlveranstaltung seines Partito Democratico statt. Der nächste Auftritt wartet.

pg

stol