Binnen weniger Monate ist aus dem einstmals größten Stolz der Fußball-Nation ihr größter Problemfall geworden. Eine „feine Fraktur im Schienbeinkopf“ zwingt den zuvor von einem Riss des Syndesmosebandes genesenen Kapitän der Nationalmannschaft erneut zu einer langen Pause. „Für Michael und uns kommt das zum denkbar schlimmsten Zeitpunkt“, klagte Leverkusens Coach Jupp Heynckes, „er war auf dem Weg, seine Form und Fitness zu finden.“ Das Déjá-vu-Erlebnis des Mittelfeldspielers, der an Krücken und mit Leidensmiene das Krankenhaus verließ, sorgte für landesweites Mitgefühl. Alle Hoffnungen des Stars auf eine baldige Rückkehr in die DFB-Elf erwiesen sich als Wunschdenken. Den gesundheitlichen Rückschlag des 33 Jahre alten Regisseurs wertete Bayer- Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser gar als „menschliches Drama“. Und auch Rudi Völler machte aus seinem Mitleid keinen Hehl. Aufkommenden Spekulationen über eine ungewisse Zukunft von Ballack trat der Leverkusener Sportchef im Kölner „Express“ vehement entgegen: „Michael muss wieder aufstehen. Und wir werden ihm dabei helfen.“ Kaum hat sich die Aufregung um seine Rolle als DFB-Kapitän dank der von einem beispiellosen Medien-Hype begleiteten Erklärung von Bundestrainer Joachim Löw gelegt, steht Ballack schon wieder im Fokus. Zum Leidwesen von Bayer-Trainer Heynckes, der in den vergangenen Tagen verheißungsvolle Fortschritte erkannt hatte, fällt sein Neuzugang vorerst aus: „Das ist für uns alle sehr bitter, vor allem für ihn, weil der Integrationsprozess damit leider wieder verzögert wird“, sagte der Fußball-Lehrer dem „Kicker“. Noch kann niemand mit Gewissheit sagen, wie lange Ballack dem ambitionierten Bundesligisten fehlen wird. Ersten Prognosen zufolge ist mit einer sechswöchigen Zwangspause zu rechnen. Das setzt allerdings eine komplikationslose Genesung voraus. Nach Angaben eines führenden Sportmediziners hat Ballack gute Aussichten, bald wieder fit zu sein. „Wenn es sich nur um einen Haarriss handelt, können sechs Wochen ausreichen“, sagte der Leiter des Orthopädischen Klinikums Osnabrück, Martin Engelhardt, am Montag der Nachrichtenagentur dpa.Doch das ist eine rein ärztliche Sicht der Dinge. Angesichts der zurückliegenden Leidensgeschichte mit WM-Ausfall, trister Reha und fehlender Spielpraxis könnte es auch länger dauern, ehe der Neuzugang des FC Chelsea bei Bayer in die ihm zugedachte Rolle als Leitwolf schlüpfen kann. Schon wird in den Medien über eine Auszeit bis zur Winterpause spekuliert. „Kaiser“ Franz Beckenbauer setzt auf die mentale Stärke von Ballack: „Ich traue ihm zu, dass er mit seinem Willen die Rückkehr in Bundesliga und Nationalmannschaft schafft.“ Wie sehr der Ausfall den Leverkusenern zu schaffen macht, lässt die Völler-Reaktion auf das Statement von Sergio Pinto erkennen. „Das ist mir egal. Ich kann ja nicht zurückziehen, nur weil es Ballack ist“, hatte der Mittelfeldspieler von Hannover 96 seinen folgenschweren Zusammenprall mit dem Leverkusener nach der Partie am Samstag kommentiert. Das sorgte bei Völler für großen Unmut. „Zweikämpfe und Fouls gehören dazu. Aber Pinto soll nicht so einen Dreck erzählen. Mirko Slomka sollte Pinto mal an den Ohren ziehen“, empfahl Völler in der „Bild“.dpa