Freitag, 28. Oktober 2016

„Kathrin und unser Kind retten mich“

Das Todesurteil für seine Karriere fiel am 10. August. 8 Jahre Sperre. Ein paar Wochen lang rumorte es noch. Dann ist es still geworden um Alex Schwazer. Nun hat er ein großes Interview gegeben. Er sagt: „Ich werde nie wieder ein Sportler sein. Meine Rettung sind Kathrin und unser Kind.“

Alex Schwazer auf dem Titel der Corriere-Beilage. "Una congiura mi ha ridotto così", titelt "Sette".
Alex Schwazer auf dem Titel der Corriere-Beilage. "Una congiura mi ha ridotto così", titelt "Sette".

Ab März sind Alex Schwazer und seine Freundin Kathrin zu dritt. Das Paar erwartet ein Kind. Die Kontrollen laufen gut, sagt der künftige Vater Schwazer, erst vor kurzem waren die werdenden Eltern in Innsbruck beim Arzt. Dem Baby geht es gut. „Meine Tage sind recht vollgestopft, abends komme ich müde nach Hause“, erzählt Schwazer. Sport treibe er nur wenig. „Meine Rettung sind Kathrin und die künftige Vaterschaft: All meine Probleme, meine Wut treten in den Hintergrund.“

Schwazers kältester Sommer

Wut, die an den vergangenen Sommer gekoppelt ist. Alex Schwazer war angetreten, zurückgekommen, um bei den Olympischen Sommerspielen in Rio noch einmal ganz groß aufzutrumpfen. Gold zu gewinnen, vielleicht. Doch noch bevor er in Südamerika an den Start gehen konnte, stolperte der Geher aus Kalch über eine Dopingprobe. In einer Urinprobe vom 1. Jänner war synthetisches Testosteron nachgewiesen worden. Manipuliert, sagten seine Anwälte, ein Komplott. Das Team Schwazer wollte die Unschuld des 31-Jährigen beweisen – vergebens. Am 10. August entschied der Internationale Sportgerichtshof: Alex Schwazer wird 8 Jahre gesperrt.

Im Video: "Alex wäre ein Favorit auf die Goldmedaille gewesen"

Interview über vier Seiten

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Schwazer monatelang die lokale und nationale Presse dominiert. Seit diesem Zeitpunkt ist es verhältnismäßig still geworden. Nun meldet sich Schwazer zurück: Dem Magazin „Sette“, einer Beilage der großen italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ hat Schwazer ein vierseitiges Interview gegeben. Seine Geschichte ist die Titelstory. Auf dem Cover: Schwazer in blau-kariertem Hemd, Blechkübel in der linken Hand, dahinter eine sattgrüne Wiese und ein paar Kühe. „Alex Schwazer. Una congiura mi ha ridotto così.“

Kein Kontakt zu Carolina

Dem Magazin sagt Schwazer: „Heute weiß ich, dass ich nie wieder ein Sportler sein werde.“ Jeder in der Sportswelt habe ihn fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Das Nationale Olympische Komitee CONI gleich wie Athleten, die froh seien, dass er nicht mehr dabei ist. Solidarität sei in diesem Geschäft ein Ding der Unmöglichkeit, meint Schwazer. „Es gibt so viel Neid. Und Schweigepflicht.“

Einige würden noch gute Worte für ihn finden, doch die hätten ihre Karriere bereits beendet. „Die einzige Ausnahme bildet Tania Cagnotto.“ (Siehe dazu: Tania Cagnotto: „Schwazer ist eine Opfer der Politik.“) Zu Carolina Kostner – Schwazer war mehrere Jahre mit der Grödner Eiskunstläuferin liiert – habe er keinen Kontakt mehr.

Sein neues Leben: Schwazer denkt an ein Buch

Doch all das fehle ihm nicht. Schwazer hat nun andere Prioritäten. „Ich möchte ein Buch schreiben. Das versuche ich schon seit drei Jahren. Ich möchte mein Leben erzählen, über den Komplott, die Ärzte, die Russen, alle Namen nennen. Zuerst aber muss ich Geld für meine Familie verdienen.“

Er habe bereits in Innsbruck als Kellner gejobbt, in Salzburg eine Sportausbildung besucht, ein Wirtschaftsstudium begonnen – und nicht abgeschlossen. „Es ist sinnlos, in der Schule hatte ich schon immer meine Schwierigkeiten“, erinnert sich Schwazer. „Mir gefällt der Sport.“ Jetzt plant er, Training für Amateure anzubieten. Oder Menschen mit Behinderung an den Sport heranführen. „An diese Personen wird nie gedacht“, sagt er.

Egal, wie lange es dauert: Schwazer will Gerechtigkeit

Dieser Tage richtet Schwazer das Kinderzimmer ein. „Ich muss etwas tun, ich darf nicht in Traurigkeit versinken“, ermahnt er sich. Trotzdem hoffe er nach wie vor darauf, dass Gerechtigkeit gesprochen werde. Auch, wenn er nicht mehr geht. Auch, wenn es lange dauert. Wie berichtet, hat die Bozner Staatsanwaltschaft Schwazers Urinprobe beschlagnahmt.„Natürlich muss ich aufpassen, dass ich keine Besessenheit entwickle, es nicht zum Ziel meines neuen Lebens habe“, sagt er dem Magazin. „Ansonsten weiß ich, dass ich irgendwann daran zu Grund gehe.“

stol/pg

stol