Für den Gastgeber geht es im Galatasaray-Stadion mit über 50.000 Fans im Rücken um alles in der EM-Qualifikation, während das Ergebnis für Gruppensieger Deutschland zweitrangig ist. „Das hat keinen Einfluss auf die Gesamtentwicklung. Die Ergebnisse jetzt spielen für die EM im nächsten Jahr nicht die Hauptrolle“, sagte Löw am Donnerstag in Istanbul. Seinen 50. Sieg als deutscher Bundestrainer wünscht er sich trotzdem: „Wir wollen hier gewinnen, aber das wird eine große Herausforderung.“Löw muss am Freitag (20.30 Uhr/ARD) ein schwieriger Balanceakt gelingen: Er muss bei den angeschlagenen Top-Kräften Mesut Özil (Achillessehnenreizung), Miroslav Klose (Bluterguss am Knie) und Mario Gomez (Adduktorenprobleme) das Risiko eines Einsatzes abwägen und gleichzeitig einem befürchteten Leistungsabfall vorbeugen. Am Donnerstagmorgen setzte er sogar zusätzlich ein halbstündiges Training an, damit seine Spieler „in die Gänge kommen“.Die Verletzungsprobleme hatten schon zuvor für einen „dezimierten Trainingsprozess“ gesorgt, wie Löw anmerkte. Als „völlig offen“ bezeichnete der 51-Jährige den Einsatz von Özil, Klose und besonders Gomez – „und das sage ich nicht, um zu täuschen“, versicherte der Bundestrainer bei seiner Pressekonferenz im Mannschaftshotel unweit des Tag und Nacht belebten Taksim-Platzes ausdrücklich.Rund um Özil, dessen möglicher erster Auftritt im deutschen Nationaltrikot in der Türkei heftige Emotionen auslöst, kursieren am Bosporus die wildesten Gerüchte. Löw musste sogar einheimische Medien dementieren, die Özil zitierten, dass dieser im Heimatland seiner Eltern lieber nicht spielen wolle. „Dem war nicht so“, widersprach Löw energisch, „Mesut wollte und will unbedingt spielen.“ Allein die „erheblichen Achillessehnenprobleme“ des Real-Stars könnten das verhindern, beteuerte Löw.Özil selbst äußerte sich nur in einem Interview des DFB. Die Aussagen hörten sich eher nach einem Ausfall an: „Im Moment bin ich nicht fit. Ich habe Schmerzen.“ Aber kneifen würde er nicht, stellte der 22-Jährige klar: „Ich habe keine Angst.“ Mit Pfiffen der türkischen Fans könne er umgehen: „Die machen mir nichts aus.“Özils Mitwirken würde die Atmosphäre im Stadion anheizen – sein Ausfall die deutsche Elf erheblich schwächen. Beim 3:0-Hinspielsieg in Berlin trotzte der Real-Star den Anfeindungen der vielen türkischen Anhänger, glänzte als Regisseur und als still jubelnder Torschütze. „Er spielt die tödlichen Pässe, da ist er genial“, schwärmte Löw. „Unsere Spieler in der ersten Reihe profitieren immens von Mesut.“ Als erste Alternative für Özil benannte der Bundestrainer Mario Götze. „Er kann das.“Auf die deutsche Aufstellung schaut man besonders auch in Belgien. Die Belgier (12 Punkte), am kommenden Dienstag in Düsseldorf letzter Gegner des DFB-Teams, kämpfen mit den Türken (14) um den zweiten Platz, der auch noch zur EM-Teilnahme 2012 in Polen und der Ukraine führen kann. „Wir haben mit der Qualifikation unsere Aufgabe erfüllt, aber das heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen“, versicherte Löw und versprach vollen Einsatz seiner Mannschaft: „Wir wollen nicht den Eindruck der Wettbewerbsverzerrung vermitteln.“Bei Aufstellungsfragen mauerte der Bundestrainer am Tag vor dem Spiel. Lieber redete er die Türken stark. „Sie haben in Berlin nicht ihr wahres Gesicht gezeigt. Hier wird die Mannschaft getragen von einem enthusiastischen Publikum. Es wird unglaublich viel Emotion und Motivation im Spiel sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung“, sagte Löw als ehemaliger Trainer von Fenerbahce Istanbul.Löw warnt seine Spieler ausdrücklich vor dem erfahrenen Emre (31) und dem hochgelobten Mittelfeldspieler Arda. „Er ist in der Lage, ein Spiel alleine zu entscheiden, er ist unberechenbar, unglaublich gefährlich“, sagte Löw über den 24-Jährigen von Atletico Madrid.Die letzte Auswärtsniederlage in einem EM-Qualifikationsspiel kassierte die deutsche Elf übrigens ausgerechnet vor 13 Jahren beim 0:1 in Bursa gegen die Türkei. Eine neuerliche Pleite hätte keine Konsequenzen. „Wir haben die schöne Ausgangsposition, dass wir schon qualifiziert sind“, kommentierte Philipp Lahm.Trotzdem sei die Motivation einfach: „Es geht jetzt schon um die Plätze im EM-Kader“, betonte der Kapitän. Dazu käme das Ziel, erstmals in der DFB-Geschichte alle zehn Qualifikationspartien zu gewinnen. „Der Rekord ist eine schöne Nebensache – und den wollen wir auch haben“, erklärte Lahm. Über allem stehe aber der EM-Titel 2012: „Die Preise werden erst im nächsten Jahr verteilt.“ dpa