Der große alte Mann des italienischen Fußballs steht vor einem Dilemma. Trainer-Senior Giovanni Trapattoni will sich mit seinen Iren am Montag in Posen erhobenen Hauptes von der EM verabschieden – aber ein Achtungserfolg könnte die Azzurri gleich mit nach Hause schicken.Jubeln die Iren, dann weinen seine Landsleute in Italien. „Italien kann keine Milde erwarten“, verkündete der 73 Jahre alte Maestro vor dem Schicksalsspiel der Squadra Azzurra. „Richtig so“, sagte sogar Italiens Nationalcoach Cesare Prandelli. Ein „Profi wie Trapattoni“ mache keine Geschenke, betonte Prandelli vor dem schwersten Spiel seiner Trainerkarriere."Alles von ihm gelernt"Trap kenne ihn und die Azzurri wie kein anderer. „Ich habe alles von ihm gelernt“, erzählte Prandelli über seinen „Lehrer“, unter dem er sechs Jahre lang für Juventus Turin gespielt hatte. Noch nie konnte Italien gegen Trapattonis Iren gewinnen. In drei Spielen gab es zwei Unentschieden und eine Niederlage.Mit 22 Titeln ist Trapattoni einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt und nach seiner Wutrede bei Bayern München eine Kultfigur. Als irischer Nationaltrainer aber ist er für die Tifosi ein Horror. Schickt er Italien jetzt auch noch in Posen nach der Vorrunde heim, ist er für die Tifosi der Totengräber der Squadra Azzurra. Kein Wunder, dass er bei seinen letzten Auftritten noch nervöser und hektischer wirkte als sonst.Kein Titel mit den AzzurriSein Mund konnte die umherschießenden Gedanken in seinem Gehirn gar nicht schnell genug in Wort verwandeln. Ein Titel mit seinen geliebten Azzurri war Trapattonis Lebenstraum. Dieser blieb ihm verwehrt – als italienischer Nationalcoach war er bei der WM 2002 im Viertelfinale und bei der EM 2004 schon in der Vorrunde gescheitert. Alles andere hat er erreicht.Mit Erfolg, Temperament, Charme und Skurrilität wurde der Mailänder zu einem der schillerndsten Trainer der Welt. Unvergessen bleiben sein Einsatz von Weihwasser bei der WM in Südkorea und seine legendäre Abrechnung mit aufmüpfigen Bayern-Spielern im Frühjahr 1998.„Was erlauben Strunz, war schwach wie eine Flasche leer“, schimpfte Trap und erklärte dann: „Ich habe fertig!“ Nie hatten die Italiener den Signore derart die Contenance verlieren sehen und trauten ihren Ohren nicht: Weil der Name Strunz ganz ähnlich klingt wie das italienische Schimpfwort „stronzo“ (Scheißkerl), wurde Traps Wutrede auch in Italien der Renner."The cat is in the sack"In Deutschland wurde die kreative Mischung aus italienischer Grammatik und deutschen Worten zum Kult. Auch in Irland sorgt der Sprachakrobat immer wieder für Lacher, wenn er „molto Power“ verlangte und zur EM-Qualifikation zufrieden feststellte: „The cat is in the cack!“Seit Sommer 2008 hat der Maestro aus den lange Jahre erfolglosen „Boys in Green“ wieder eine geachtete Truppe gemacht. In dieser Zeit haben sie nur vier Spiele verloren – fatalerweise zwei davon bei der EM gegen Kroatien (1:3) und Spanien (0:4). Zuvor war sein Team in acht Partien in Serie ohne ein einziges Gegentor geblieben. Bei der EM erwies sich dieser Verbandsrekord als wertlos.An Rücktritt denkt Trapattoni dennoch nicht. Bei der WM 2014 will er seine Trainerkarriere standesgemäß beenden. Schließlich hat er als Vereinstrainer alles gewonnen: Mit Bayern holte er im zweiten Anlauf 1997 seinen ersten Titel außerhalb Italiens. Dem folgten Meistertitel mit Benfica Lissabon (2005) und Salzburg (2007).Zuvor hatte der Bauernsohn Juventus Turin mit Prandelli auf dem Platz zwischen 1976 und 1986 unter anderem zu sechs Meistertiteln, zum Gewinn des Europacups der Landesmeister und zum Weltpokalsieg geführt. Danach wechselte Trap als Trainer zu Inter Mailand, wo er Meister und UEFA-Cupsieger wurde.Als Abwehrspieler des AC Mailand war Trapattoni zudem zweimal Meister und Europacup-Sieger geworden und hatte 17 mal das Nationaltrikot getragen. Italiens Ex-Nationaltrainer Arrigo Sacchi verneigt sich deshalb vor Trap und sagt: „Er ist der Größte von uns allen!“dpa