Montag, 26. Juni 2017

Nach Baku-Eklat: Vettel führt in WM und im Strafregister

Im Kampf um den Fahrertitel in der Formel-1-WM 2017 ist die Zeit der Freundlichkeit vorbei: „Jetzt sind die Handschuhe weg“, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach dem Rempel-Eklat zwischen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton in Baku. Der deutsche Ferrari-Star führt vor dem nächsten Lauf in Österreich weiter in der WM, nun aber auch im FIA-Strafregister.

Sebastian Vettel hat sich in Baku den Sieg und die Führung im Strafregister geholt.
Sebastian Vettel hat sich in Baku den Sieg und die Führung im Strafregister geholt. - Foto: © LaPresse

Drei Strafpunkte bekam der 29-jährige WM-Leader vom Automobil-Weltverband für seine „Halbstarken-Aktion“ in Aserbaidschan aufgebrummt. Drei weitere beim nächsten Rennen in Spielberg, und der bei neun Zählern haltende Deutsche fasst eine Zwangspause aus. 12 Punkte sind gleichbedeutend mit der Sperre für einen Grand Prix.

Vettel rammte Hamilton

Dabei hatten sich Vettel und Hamilton bis Baku permanent gegenseitigen Respekt und Anerkennung zugesichert. Speziell Hamilton wirkte, erlöst vom jahrelangen Grabenkampf mit seinem deutschen Teamkollegen Nico Rosberg, bisher ausgesprochen entspannt.

Aber damit ist nach Vettels Rammstoß am Kaspischen Meer wohl Schluss. Der Deutsche war in Baku kurz vor Ende der zweiten Safety-Car-Phase dem Mercedes des führenden Hamilton leicht ins Heck gefahren. Über das vermeintlich absichtliche Verzögern des Briten regte sich der deutsche Ferrari-Star derart auf, dass er sich wild beschwerend neben Hamilton setzte und den Mercedes seines Kontrahenten anrempelte.

„Ihm ist die Kontrolle entglitten“, stellte ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger gegenüber der APA angesichts der Vettel-Aktion fest. Der Deutsche ist bekanntlich in dieser Hinsicht schon mehrmals auffällig geworden.

Von einem Formel-1-Piloten sollte man mehr erwarten können, verlangte Seidenberger. Bei der Aktion in Baku sei bei Vettel das „Menschliche, Häferl-artige durchgekommen, das bei einem Profi nicht der Fall sein sollte“.

„Lewis provoziert“

Vettel zeigte sich zunächst aber uneinsichtig. „Lewis provoziert so etwas immer wieder“, klagte der WM-Führende. Hamilton unterstellte ihm umgekehrt Respektlosigkeit und mangelnde Vorbildfunktion.
Auch verbal griffen die beiden Mehrfach-Weltmeister nach dem Rennen in die unterste Schublade. „Wir sind Männer hier und nicht im Kindergarten“, sagte Vettel. „Dann soll er aus dem Auto aussteigen“, zeigte sich Hamilton selbst zu einem Raufhandel bereit.

Dass Vettel ihn wegen eines klärenden Gesprächs anrufen wolle, kommentierte der Engländer ablehnend: „Er hat ja nicht einmal meine Nummer.“

Zur ohnehin schon spannenden WM-Situation – Vettel hat nach Platz vier in Aserbaidschan 14 Punkte Vorsprung auf Hamilton – kommt nun der frische Konflikt. Der auch die Stimmung in den Teams anheizte.

„Der Kampf ist eröffnet“

Die FIA stellte noch Sonntag klar, dass Hamilton nicht stärker verzögert habe als in den Runden davor. „Lewis hat nicht gebremst. Sebastian ist verrückt“, machte Niki Lauda deshalb klar, dass man bei Mercedes Hamilton für unschuldig betrachtet. „Eines Tages wird auch Lewis ihn treffen. Aber nicht mit dem Auto, sondern mit den Fäusten“, ärgerte sich der dreifache Weltmeister und Mercedes-Aufsichtsratschef.

Bei Red Bull stellte sich hingegen zumindest Berater Helmut Marko auf die Seite seines Ex-Piloten Vettel. „Hamilton hat ihn provoziert und Sebastian hat sich revanchiert. Beide hätten bestraft gehört“, forderte Laudas Landsmann.

Entschärft wurde die Situation in Baku nur dadurch, dass Hamilton wegen eines lockeren Cockpitschutzes selbst an die Box musste und am Ende nur Fünfter wurde. Bei einem Sieg hätte er Vettel erstmals in diesem Jahr an der WM-Spitze abgelöst.

Beim verrücktesten Formel-1-Rennen seit langem sorgte damit vor allem dieser Konflikt für einen brisanten Spannungsaufbau vor Österreich. Es ist nicht zu erwarten, dass bis zum Rennen am 9. Juli in Spielberg der Rauch zwischen den beiden Hitzköpfen verschwunden ist.

Im Gegenteil. „Der Kampf ist eröffnet“, tönte Hamilton in Baku. Auch Wolff brachte es auf den Punkt: „Ab einem bestimmten Zeitpunkt können die Besten im Kampf um den WM-Titel eben nicht mehr Freunde sein. Sie sind beide Krieger, die Formel 1 braucht Rivalität und womöglich haben wir heute die Grenzen des Respekts gesehen.

apa

stol