Das Maß ist voll beim FC Bayern München. Mit ernster Miene machte Karl-Heinz Rummenigge am Tag nach der derben 0:2-Pleite bei Borussia Dortmund die Krise beim deutschen Fußball- Rekordmeister amtlich. „Jetzt stecken wir in der Scheiße. Jetzt müssen wir aus der Scheiße rauskommen“, beschrieb der Vorstandschef nach dem historischen Fehlstart mit drastischen Worten die Situation, „die uns Sorgen macht. Ein FC Bayern kann sich nicht erlauben, mit 13 Punkten hinter der Spitze hinterherzuhängen.“Nach der Länderspielpause soll das Starensemble mit einer Siegesserie die Chance auf die Meisterschaft wahren. „In den nächsten Wochen müssen wir auf Teufel komm raus gewinnen“, forderte Rummenigge, „aber wir tun jetzt gut daran, die Nerven zu behalten“. Personelle Konsequenzen wird es keine geben. Rummenigge stellte Trainer Louis van Gaal, dessen Vertrag vor Wochenfrist verlängert worden war, eine Job-Garantie aus: „Er genießt unser vollstes Vertrauen“.Gefasst analysierte Rummenigge am Montag die prekäre Lage beim Meister. Auf dem Trainingsgelände entlud sich derweil Volkes Zorn. „Eine bodenlose Frechheit, ein einziges Chaos. Was die spielen, ist Larifari“, schimpfte ein Bayern-Fan, „die sollten alle zusammen in den Bierkeller gehen und Tacheles reden“.Der Bayern-Vorstand hat nicht nur geredet, sondern auch Konsequenzen gezogen. Der für Montagmittag geplante Oktoberfestbesuch der Mannschaft wurde abgesagt und stattdessen ein Training angesetzt. „Es wäre nicht angebracht gewesen, sich auf der Wiesn mit einer Maß Bier zuzuprosten“, begründete Rummenigge das Feierverbot, „jetzt heißt es hart arbeiten, die Spieler müssen zeigen, dass sie in der Lage sind, außergewöhnliche Dinge zu begradigen und zu korrigieren“.Der Bayern-Boss ist davon überzeugt, dass man im nächsten Spiel gegen Hannover 96 „eine Mannschaft erleben wird, die sich so einfach nicht die Butter vom Brot nehmen lässt“. Weitere „Strafmaßnahmen“ wird es nicht geben. „Ich bin bereit, jedem eine zweite Chance zu geben“, erklärte Rummenigge.Die Schonzeit für die Bayern-Stars ist allerdings zu Ende. „Einigen ist nach der guten Vorsaison die Höhenluft nicht bekommen. Wir müssen jetzt den Mantel der Nächstenliebe wegnehmen. Sonst gibt es ein böses Erwachen“, sagte Uli Hoeneß. Der Ärger über den Sturz auf Rang 12 stand dem Vereinspräsidenten ins Gesicht geschrieben. „Mainz hat nun 13 Punkte Vorsprung. Das ist der Super-Gau.“ Es scheint, als könnte der deutsche Rekordmeister bereits im Oktober Abschied von der Idee einer erfolgreichen Titelverteidigung nehmen. Rummenigge ist noch nicht bereit, die Bayern-Ziele zu korrigieren, sagt aber: „Wir müssen jetzt schnell die Kurve kriegen“. Auch Ehrenpräsident Franz Beckenbauer verweigerte eine frühe Kapitulationserklärung, ließ aber wenig Zuversicht erkennen: „Normalerweise ist das kaum aufzuholen. Eine Serie von zehn Siegen ist der Mannschaft in dieser Besetzung ja nicht zuzutrauen.“ Alle Hoffnungen auf ein ähnliches Happy End wie in der vorigen Saison, als der FC Bayern nach einem Holperstart noch den Titel gewann, sind auf ein Minimum gesunken. Vor allem die Abschlussschwäche gibt zu denken: Obwohl die Münchner mit dem ehemaligen WM-Torschützenkönig Miroslav Klose sowie den Stars Ivica Olic und Mario Gomez über den vermeintlich besten Angriff der Liga verfügen, traf im bisherigen Saisonverlauf kein Team seltener ins Tor. Ratlos kommentierte Trainer Louis van Gaal diese nicht für möglich gehaltene Entwicklung: „Aus zwei Metern konnten wir kein Tor schießen. Da kann man als Trainer nicht viel sagen.“ Was der niederländische Fußball-Lehrer auch unternimmt, bleibt ohne Wirkung. In Dortmund versuchte er sein Glück erstmals mit Gomez in der Anfangsformation - vergeblich. Gleich vier gute Chancen ließ der Unglücksrabe noch vor der Pause ungenutzt und brachte sein Team damit um den Lohn einer starken ersten Halbzeit. „Man kann uns jetzt wieder an die Wand schreiben. Dabei haben die Dortmunder zu Beginn nicht gewusst, wo links und rechts ist“, klagte Gomez. Doch zum wiederholten Mal schlugen die Münchner aus ihrem Plus beim Ballbesitz (62 Prozent) kein Kapital. Deshalb fordert Rummenigge ein Ende des „filigranen Fußballs. Du musst fighten, beißen, kratzen. Wenn es mit Schönspielen nicht geht, muss du die Brechstange rausholen.“ Für einige Spieler sei es an der Zeit, „endlich die letzte Saison und die WM abzuhaken“. Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw sieht in den Strapazen der Nationalspieler einen Grund für die sportliche Krise beim FC Bayern, „aber sie werden wieder kommen“.dpa