Montag, 25. Januar 2016

Trainer Gamper analysiert: Darum hat die Streif Svindal abgeworfen

Von der Streif auf den OP-Tisch: Für Aksel Lund Svindal ist die Saison vorbei. Bei seinem Sturz in der Abfahrt von Kitzbühel hat sich der norwegische Ski-Star einen Kreuzband- und Meniskus-Riss zugezogen. STOL spricht mit dem Ultner Franz Gamper. Der Trainer erklärt: Darum ist Svindal gestürzt. Und so geht es weiter.

Nach dem Horrorsturz in Kitzbühel ist für Svindal die Saison vorbei.
Nach dem Horrorsturz in Kitzbühel ist für Svindal die Saison vorbei. - Foto: © APA/AFP

Südtirol Online: Herr Gamper, wie geht’s Aksel Lund Svindal?

Franz Gamper, seit 2007 Trainer der norwegischen Speed-Herren: Den Umständen entsprechend nicht einmal schlecht.

STOL: Die Operation ist gut verlaufen?
Gamper: Ja. Nun muss man an die Therapie denken. Wo die stattfindet, ob hier oder in Oslo, steht noch nicht fest.

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STOL: Warum ist Svindal nach der Hausbergkante so schwer zu Sturz gekommen? Ein Fahrfehler, oder war am Ende doch die Sicht Schuld?
Gamper: Ich erkläre mir das Geschehene so: Genau in dieser Kompression muss durch das Rutschen der Helfer stumpfer Schnee gelegen sein. Zudem ist es im Laufe des Vormittags immer wärmer geworden. Hannes Reichelt ist ja genau dasselbe passiert. Der Hauptgrund für die Stürze war wohl die Sicht.

STOL: „Stumpfer Schnee“ – was genau ist das?
Gamper: Dadurch, dass es im Laufe des Vormittags warm geworden ist, hat sich vom steinharten Kunstschnee eine dünne Schicht gelöst. Dieser Schnee muss sich in der Kompression gesammelt haben und war wohl sehr aggressiv. Die Stürze von Reichelt und Svindal waren fast ident: Beide wurden nach vorne geworfen. Und wenn man ganz genau schaut, dann wäre es Beat Feuz (Schweizer Skirennläufer, Zweiter in der Hahnenkamm-Abfahrt; Anm.d.Red.) beinahe genauso ergangen.

Für Svindal endet die Einfahrt zur Traverse im Netz. - Foto: AFP

 

STOL: Was ist dran an der Aussage, die anderen Rennläufer hätten vor der Einfahrt in die Traverse einen Ausholschwung eingelegt und nur Reichelt und Svindal seien direkt eingefahren?
Gamper: Das ist ganz einfach: Wer gewinnen will, fährt gerade hinunter. Wer nicht gewinnen will, fährt ein wenig rundum. Peter Fill ist noch direkter gefahren als Reichelt und Svindal.

STOL: War Svindal nach dem Sturz im Kombinationsslalom doch stärker angeschlagen als gedacht?
Gamper: Svindal hatte einen Schlag auf den Oberschenkel erlitten. Aber das war sicher kein Grund.

STOL: Nach der Abfahrt sind eine Menge kritischer Stimmen laut geworden. Show sei in Ordnung, doch müsse das Wohlergehen der Athleten an erster Stelle stehen. Wie blicken Sie auf die Speed-Rennen in Kitzbühel zurück?
Gamper: Wenn wir ehrlich sind, war die Abfahrt super schön hergerichtet. Es ist nun mal die schwierigste Abfahrt der Welt. Auf der anderen Seite wollen die Leute genau so ein Rennen sehen. Und auch die „Buam“ selber sind motiviert, so ein Rennen zu fahren. Sonst würden sie nicht an den Start gehen, sonst hätte man im Laufe der Kitzbühel-Woche schon einmal etwas gehört, dass die Abfahrt so nicht fahrbar sei. Sich so zu überwinden, ist sicher eine Herausforderung für jeden Athleten. Und wenn diese Massen im Ziel stehen, sind manche auch übermotiviert.

"Ich bin okay", signalisiert Svindal nach dem Sturz auf der Streif. Im Krankenhaus dann die erschütternde Diagnose: Kreuzband- und Meniskus-Riss. Saison vorbei. - Foto: APA

 

STOL: Kam der Abbruch genau zum richtigen Moment? Kam er zu früh, zu spät? Hätte man gar nicht erst starten dürfen?
Gamper: Der Abbruch kam im rechten Moment. Laut Wetterbericht, und der ist ja fast auf die Minute genau, sollte das Wetter zunehmend schlechter werden. Man wollte die 30 Läufer ins Ziel bringen, damit das Rennen gewertet werden kann. Ein Abbruch vor 30 Läufern wäre weder im Interesse der Rennfahrer im Ziel noch im Interesse der Veranstalter gewesen. Und genau um den 30. Läufer herum wurde die Sicht und der Schneefall auch wieder schlechter.

STOL: Noch vor einem Monat gab’s in Gröden den absoluten Norweger-Triumph. Nun fällt Svindal für den Rest der Saison aus. Besteht das Risiko, dass das Fehlen der Leitfigur die norwegische Speed-Truppe aus dem Konzept wirft?
Gamper: Auch vergangenes Jahr war Svindal verletzungsbedingt nicht dabei. Dann ist eben Jansrud gut gefahren. Wir haben noch zwei Abfahrer am Start (Kjetil Jansrud und Aleksander Aamodt Kilde; Anm.d.Red.). Beide sind gut drauf. Beide können jedes Rennen gewinnen. Wir müssen gleich weiterarbeiten wie vorher. Es gibt keinen anderen Weg. Aber natürlich: Die Verletzung von Svindal tut uns allen leid.

STOL: Was Svindal anbelangt: Schauen alle Köpfe nun schon wieder nach Sölden 2016?
Gamper: Logisch denkt man wieder ans Anfangen. Zuerst muss man aber schauen, dass die Operation und die Therapien gut verlaufen. Dann kann man wieder Skifahren gehen. In sich drin wird Svindal vielleicht schon ein seelisches Tief durchleben. Nach außen zeigen tut er das aber nicht.

Interview: Petra Gasslitter

stol