Erstmals bei Sommerspielen haben die Amerikaner eine Basketball-Partie verloren – und das zur Hochzeit des Kalten Krieges gegen den Erzfeind, dazu noch auf höchst umstrittene Art und Weise.40 Jahre danach könnten die USA die Chance zur Revanche bekommen. In London steuern die NBA-Stars erwartungsgemäß auf das Endspiel zu, im Halbfinale gegen Argentinien sind sie an diesem Freitag (22.00 Uhr) wieder klarer Favorit. Die neben den USA als einziges Team noch ungeschlagenen Russen treffen zuvor auf Spanien (18.00 Uhr). Für beide ist es nur noch ein Schritt bis zur Neuauflage eines der bemerkenswertesten Sportereignisse bei Olympia.Eigentlich hatten die USA 1972 Gold schon sicher. Wenige Sekunden vor dem Ende brachte Doug Collins den Favoriten mit zwei verwandelten Freiwürfen mit 50:49 in Front. Und dass, obwohl er nach dem Foul übel gegen die Bande geprallt war und das Bewusstsein verloren hatte. „Ich war kurzzeitig ausgeknockt. Aber der Coach hat gesagt, wenn ich laufen kann, dann nehme ich auch die Freiwürfe“, erinnerte sich Collins an die vermeintlich siegbringenden Körbe.Eine Sekunde zeigte die Uhr in der Halle noch an, die Stimmung kochte über. Da die Partie auf Wunsch des US-Fernsehens am Schlusstag erst um kurz vor Mitternacht Ortszeit begann, hatten sich auch viele Sportler und Prominente in der stickigen Halle eingefunden. „Es war eine verrückte Atmosphäre“, sagte US-Kapitän Kenny Davis.Der verzweifelte Versuch der Russen, mit einem langen Pass über das ganze Feld noch zu einem letzten Wurf zu kommen, schlägt fehl. Die Amerikaner tanzen über das Parkett, wähnen sich erneut als Olympiasieger. Doch dann tritt William Jones vom Basketball-Weltverband (FIBA) auf den Plan. Der britische FIBA-Sekretär stürmt auf das Feld und bestimmt, dass die Spieluhr auf drei Sekunden zurückgedreht wird. Diesmal erreicht ein Pass von Iwan Edeschko Below – der fängt, trifft und macht die Sensation perfekt.„Der Weltverband hatte genug davon, dass wir Amerikaner immer alles gewinnen“, sagte Davis. Er hat die aus seiner Sicht ungerechte Niederlage bis heute nicht verdaut. In seinem Testament hat Davis bestimmt, dass keiner seiner Verwandten jemals die Silbermedaille in Empfang nehmen darf, die die Amerikaner 1972 in München verweigert hatten. „Ich will sie nicht haben. Ich verdiene sie nicht. Und ich will nichts damit zu tun haben“, sagte Davis. Zum bisher einzigen Mal fand bei Olympia eine Siegerehrung ohne Beteiligung des Zweitplatzierten statt.Nach Belows siegbringendem Korb brechen alle Dämme. Hier die ekstatisch jubelnden Russen, da die wild protestierenden Amerikaner. „Die Amis waren beleidigt. Es war Kalter Krieg. Die Amerikaner wollten nicht verlieren, erst recht nicht im Basketball“, sagte Passgeber Edeschko. Um kurz vor drei Uhr morgens wird der Protest der USA endgültig abgelehnt, die Entscheidung über den Olympiasieg ist gefallen. Doch vergessen sind die Vorkommnisse von München nicht. Noch heute ist die Niederlage tief im amerikanischen Sportgedächtnis verankert. „Die drei Sekunden, die nie zu enden scheinen“, titelte die „New York Times“ unlängst.dpa