Sonntag, 10. Juli 2016

Zidane, Materazzi und der Kopfstoß des Jahrzehnts

Zehn Jahre nach Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi hat das französische Fußball-Fachblatt „L'Equipe“ ein Interview mit dem italienischen Ex-Weltmeister geführt.

Die Aufnahmen des Kopfstoßes gingen um die Welt: Zidane und Materazzi sorgten mit ihrer Auseinandersetzung jahrelang für Gesprächstoff.
Die Aufnahmen des Kopfstoßes gingen um die Welt: Zidane und Materazzi sorgten mit ihrer Auseinandersetzung jahrelang für Gesprächstoff. - Foto: © LaPresse

Im Gespräch wird klar: Die beiden ehemaligen Weltstars haben sich seit jener 110. Minute in der Verlängerung des WM-Finales von Berlin nie mehr ausgetauscht.

„Er bat mich nie um eine persönliche Entschuldigung, aber das ist nicht schlimm. Wenn er keine Lust hat, sich mit mir auseinanderzusetzen, respektiere ich das“, wird der mittlerweile 42-jährige Materazzi zitiert. Er hätte sich eigentlich einmal eine Aussprache im privaten Rahmen ohne Presse gewünscht: „Wenn wir diese Geschichte so schnell wie möglich geregelt hätten, wäre es für alle einfacher geworden.“

"Deine Schwester wär mir lieber"

Schauplatz Berlin, WM-Finale 2006, die 110. Minute: Ein kurzer Wortwechsel, böse Blicke, dann der berühmte Kopfstoß des unbeherrschten französischen Superstars Zidane, Italiens Verteidiger Materazzi sinkt zu Boden. Rot und Niederlage für die dezimierten Franzosen im Elfmeterschießen, Italien ist Weltmeister.

Die Konversation ist längst bekannt. Zidane: „Falls du mein Leibchen willst, gebe ich es dir am Ende.“ Materazzi: „Deine Schwester, die Hure, wäre mir lieber.“ In den folgenden Wochen wurden die Rollen neu definiert: Materazzi wurde zum Täter und von der FIFA verurteilt, Zidane stellten verschiedene Kommentatoren als Opfer dar.

„Die Geschichte wurde plötzlich auf eine merkwürdige Art erzählt“, erinnert der frühere Abwehrspieler. Noch heute wundert er sich über die heftige Reaktion der damaligen Nummer 10 Frankreichs: „Es waren sicherlich dumme Worte von mir, aber in den Vororten von Rom, Neapel, Turin, Mailand oder Paris würden Sie merken, dass sie vergleichsweise soft waren.“

Materazzi fühlte sich mehr erniedrigt als Zidane

Der langjährige Serie-A-Profi verriet, dass ihn die Provokation Zidanes eigentlich mehr erniedrigt habe. Sie seien sich in einem Endspiel auf gleicher Höhe begegnet, beide hätten den Titel gewinnen wollen: „Aber er gab mir zu verstehen: Ich bin der große Champion, du bist nichts wert, du verkehrst nicht in meiner Welt.“

Für Zidane, den dreimaligen Weltfußballer, war der Eklat der unschöne Schlusspunkt einer grandiosen Spielerkarriere. Mit der Equipe Tricolore holte er den Welt- und Europameistertitel. Im Vereinsfußball wurde Zidane drei Mal nationaler Meister und gewann 2001/02 die Champions League.

Materazzi gewann mit Inter Mailand in den folgenden fünf Jahren acht Trophäen, bevor er sich Richtung Südindien orientierte. Danach trennten sich die Wege endgültig. Zidane gewann im Mai mit Real Madrid als Trainer die Champions League, Materazzi mühte sich als Spieler-Trainer in Chennai ab.

„Er hatte mit Carlo Ancelotti einen guten Lehrer. Nicht jeder kann von einem Coach dieser Qualität profitieren“, kommentiert Materazzi den Triumph seines ehemaligen Rivalen. „Aber er hat einen sehr guten Job gemacht – mit einer sehr guten Mannschaft, das ist hilfreich.“

apa/sda

stol