<b>Von Herbert Taschler<BR /></b><BR /><BR />Am 14. und 15. Juli 2021 führte das Tiefdruckgebiet „Bernd“ zu extremen Regenfällen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Regionen. Innerhalb von 24 Stunden fielen allein im Ahrtal bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter, was zu schnellen Sturzfluten und massiven Überschwemmungen führte. Die engen Täler der Ahr und ihrer Nebenbäche kanalisierten das Wasser, während gesättigte Böden und versiegelte Flächen die Aufnahme verhinderten. Dadurch wurden die Flutwellen besonders zerstörerisch.<BR /><BR />Im Ahrtal starben 135 Menschen, über 700 wurden verletzt. Rund 42.000 Personen waren von der Flutkatastrophe betroffen, 17.000 verloren ihr Zuhause oder waren von massiven Schäden betroffen, etwa 9.000 Gebäude wurden zerstört oder massiv beschädigt, darunter auch Schulen und Krankenhäuser. Zudem kam es zu erheblichen Schäden an Straßen, Brücken sowie an der Gas-, Strom- und Wasserversorgung.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333281_image" /></div> <BR /><BR />Rasch wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Tausende Hilfskräfte sowie zehntausend freiwillige Helfer beteiligten sich unmittelbar nach der Katastrophe an der Beseitigung der Schäden. Nach den unmittelbaren Rettungsmaßnahmen und Aufräumarbeiten ist der Wiederaufbau nach der Katastrophe nach wie vor in Gange. <h3> Die Weinwirtschaft an der Ahr</h3>Durch die Flutkatastrophe schwer betroffen wurde auch die Weinwirtschaft im Ahrtal. Von den 65 Winzerbetrieben im Tal wurden 60 durch die Flut unmittelbar geschädigt, wobei die Schäden auf 200 Millionen Euro geschätzt werden.<BR /><BR />Die Landschaft von der Ehlinger Lay bis nach Altenahr ist geprägt vom Weinbau. Links und rechts der Ahr erstrecken sich 540 Hektar Rebflächen mit zum Teil steilsten Weinbergslagen. Die Ahr ist das größte zusammenhängende Rotweinanbaugebiet Deutschlands mit über 80 Prozent roter Rebsorten, vor allem Spätburgunder, im Anbau. <h3> Über Nacht war alles weg</h3>Bei Ludwig Kreuzberg stand das Wasser noch im ersten Stock einen Meter hoch. Der Winzer hat das direkt an der Ahr gelegene, zehn Hektar große Weingut 1994 von seinen Eltern übernommen. Sein Weinbau-Betrieb lag nach der Flut in Trümmern. Die Produktionshalle, die Straußwirtschaft, der Weinkeller – was sich die Kreuzbergs über drei Generationen aufgebaut hatten, ist über Nacht einfach untergegangen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333302_image" /></div> <BR /><BR />Die Sanierungs- und Wiederaufbauarbeiten gestalteten sich entsprechend schwierig. „Und weil dann 2023 noch ein allgemeiner Einbruch im deutschen Weinbau hinzukam, sehen wir uns zurzeit nicht in der Lage, ein vollkommen neues Projekt für unser Weingut zu verwirklichen“, gibt Ludwig Kreuzberg zu bedenken: „Das alles hat viel Geld gekostet. Wir müssen uns erst wieder fangen und dann an die Zukunft denken.“<h3> „Mit viel Hilfe von außen haben wir es geschafft“</h3>Meike und Dörte Näkel vom Weingut Meyer-Näkel sahen in der Nacht der Jahrhundertflut im Ahrtal ihren Betrieb davonschwimmen. In ihrem Heimatdorf Dernau wurden 90 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt.<BR /><BR />Meike Näkel erinnert sich: „Die Flut kam gegen zehn am Abend. Das Wasser hat sich wie eine Welle vor der Kelterhalle mehr als vier Meter hoch aufgetürmt. Die Tore sind unter dem Druck des Wassers gebrochen, und es hat alles kilometerweit mit sich gerissen – Holzfässer, Flaschen, Tanks, tonnenschwere Pressen. Aus der Kelterhalle ist alles rausgeschwemmt und zerstört worden, der gesamte Rotwein-Jahrgang von 2020 war dahin.“<BR /><BR />Die beiden Schwestern wurden vom reißenden Strom mitgerissen und konnten sich mit viel Glück in einer Baumkrone festhalten. Von dort wurden sie nach acht Stunden von der Feuerwehr gerettet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333287_image" /></div> <BR /><BR />Zu einer großen Herausforderung wurde die Ernte des Jahrgangs 2021 wenige Wochen nach der Katastrophe. Aber an ein Aufgeben hatten Meike und Dörte Näkel nie gedacht: „Mit viel Hilfe von außen haben wir es geschafft. Wir haben uns Fässer und Maschinen geliehen und in allen Bereichen viel improvisiert. Unsere Prämisse war, zu retten, was draußen ist und alles vor Ort zu verarbeiten.“<BR /><BR />Das Weingut Meyer Näkel – Vater Werner hat Deutschlands Rotweine zu international anerkannten Höhen geführt – hat sich mit viel Einsatz und Kraft mittlerweile wieder erholt. Für den Neubau des Kellereibetriebes im Ort fehlen nur noch einige Genehmigungen. <h3> 1,8 Millionen Schäden im Weingut</h3>Alexander Stodden führt seit 2001 das Familienweingut Jean Stodden in Rech. Sein Vater Gerhard war einer der Weinbaupioniere an der Ahr und hat die Stilistik des Ahr-Spätburgunders entscheidend mitgeprägt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333290_image" /></div> <BR /><BR />Zwei Meter hoch stand das Wasser bei der Jahrhundertflut in seinen Kellern. „Wir mussten alles rausschmeißen. Die 200 Barrique und die 22 Tausend-Liter-Holzfässer waren nicht mehr zu gebrauchen. Die Hälfte der in den Fässern reifenden Jungweine 2020 ging verloren“, blickt Alexander Stodden zurück. <BR /><BR />„1,8 Millionen betragen laut Gutachter die Schäden in unserem Weingut“. Dieses hat die Familie an derselben Stelle wieder saniert und neu bezogen.<h3> „Zwei Jahrgänge fehlen uns, auch wirtschaftlich“</h3>Neben dem Familienhaus wurde auch die Kelterhalle von Julia Bertram und Benedikt Baltes, direkt an der Nepomuk-Brücke in Rech gelegen, durch die Flut vollkommen zerstört. „Pressen und Maschinen waren dahin, 90 Prozent des Fassweins vom Jahrgang 2020 sowie ein großer Teil der gefüllten Jahrgangsweine 2019 waren vernichtet“, erzählt Julia Bertram. „Zwei Jahrgänge fehlen uns, auch wirtschaftlich.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333293_image" /></div> <BR /><BR />Als Notlösung konnte eine Halle in Dernau angemietet werden. „Hier haben wir den Jahrgang 2021 mit dem Notstromaggregat eingekeltert“, so Julia Bertram. Der Neubau der Kellerei Bertram Baltes in Mayschoss soll bis Sommer 2027 abgeschlossen werden, hoffen die beiden, die ihre 7,5 Hektar Weinberge mittlerweile biologisch und mit Permakultur bewirtschaften.<BR /><BR />Bis heute sind die Spuren der katastrophalen Flut von 2021 im Ahrtal gegenwärtig. Die Menschen arbeiten nach wie vor mit viel Einsatz, Kraft und Mut am Wiederaufbau des schmucken Tales – auch wenn dieser sich da und dort etwas zäh gestaltet. „Das ist wohl unsere rheinländische Art“, meint Meike Näkel: „Es gibt nach so einer Erfahrung ja nur entweder aufhören oder weitermachen. Ganz nach dem Motto: aufstehen, Mund abwischen, weiterlaufen.“ <BR /><BR />Alle sind sich einig: Ein wichtiger Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft des Tales ist der Tourismus. Das Ahrtal braucht wieder Gäste und die Winzer brauchen ihre Kunden und die Liebhaber der großen Rotweine aus der Gegend.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333296_image" /></div> <h3> Zum Thema: Zwischen Aufschwung und Langzeitfolgen – Wie es der Wirtschaft und den Menschen heute geht</h3>Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe vom Juli 2021 hat sich die Wirtschaft im Ahrtal weitgehend stabilisiert. Dennoch sind die Folgen nicht überwunden: Vor allem die psychischen Belastungen bleiben eine Herausforderung.<BR /><BR />Viele Unternehmen produzieren wieder auf Vorkrisenniveau oder haben ihre Kapazitäten sogar ausgebaut. So hat beispielsweise der Landkreis Ahrweiler heute mehr Handwerksbetriebe als vor der Überschwemmung, berichtete kürzlich die „ARD Tagesschau“. Einen wichtigen Anteil an dieser positiven Entwicklung hätten junge Fachkräfte und Auszubildende, die während des Wiederaufbaus früh Verantwortung übernommen haben. <BR /><BR />Auch größere Unternehmen haben dem Bericht zufolge den Wiederaufbau weitgehend abgeschlossen. Das Mineralwasserwerk von Coca-Cola in Bad Neuenahr konnte nach den Schäden rasch wieder in Betrieb genommen werden und beschäftigt heute mehr Mitarbeiter als vor der Flut. Und auch beim Automobilzulieferer ZF hat sich die Situation normalisiert; er investiert mit einem neuen Werk in der Region trotz der schwierigen Lage der europäischen Automobilindustrie.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1333299_image" /></div> <BR /><BR />Auch der Tourismus keimt auf: Viele Gaststätten und Hotels haben wieder geöffnet – vor allem Tagesausflügler und Wochenendbesucher kommen in die Region. <BR /><BR />Die Region ist gut erreichbar, wichtige Straßenverbindungen sowie die Zuverbindungen sind wieder intakt. Der Wiederaufbau ist aber eine Mammutaufgabe. So sind beispielsweise von den 40 zerstörten oder stark beschädigten Brücken derzeit nur 14 wieder hergestellt, von den 17 betroffenen Schulen ist lediglich bei zwei der Wiederaufbau abgeschlossen.<BR /><BR />Dennoch: Die wirtschaftlichen Kennzahlen vermitteln damit insgesamt ein positives Bild. Allerdings weisen Krankenkassen laut dem „ARD“-Bericht darauf hin, dass die psychischen Langzeitfolgen der Flut weiterhin deutlich spürbar sind. <BR /><BR />Vor allem psychische Erkrankungen seien nach wie vor überdurchschnittlich verbreitet. Denn viele Betroffene haben erst Jahre nach der Katastrophe eine psychotherapeutische Behandlung begonnen, da während der intensiven Wiederaufbauphase die Verarbeitung des Erlebten häufig in den Hintergrund trat. Experten gehen deshalb davon aus, dass psychische Erkrankungen und lange Ausfallzeiten den Arbeitsmarkt im Ahrtal noch über Jahre begleiten werden.