Dienstag, 09. Juli 2019

27, weiblich und erfolgreich: „Da wird schon oft am Stuhl gesägt“

Anna Ganthaler ist Senior Managerin beim Touristikkonzern TUI, hat ein mehrköpfiges Team unter sich, mit dem sie sich in Amsterdam oder auch mal Dubai trifft, reist zu Fachtagungen auf der ganzen Welt und verbringt ihr Leben entweder im geschäftigen London, im beschaulichen Meran oder zum Energietanken in ihrem Wahl-Heimatort St. Felix. Und: Sie ist 27 Jahre alt.

Anna Ganthaler hat mit 27 Jahren bei TUI in London bereits eine Führungsposition inne, die andere normalerweise erst 15 Jahre später erreichen. - Foto: Daniel Socin
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Anna Ganthaler hat mit 27 Jahren bei TUI in London bereits eine Führungsposition inne, die andere normalerweise erst 15 Jahre später erreichen. - Foto: Daniel Socin

„Die meisten meiner Bekannten denken, dass ich Flugbegleiterin bin“, schmunzelt Anna Ganthaler beim Gespräch auf der sonnigen Salewa-Terrasse in Bozen. Ein Missverständnis, das nach einem Praktikum bei Lufthansa entstand, das die junge Frau 2014 in Frankfurt absolvierte - allerdings nicht als Stewardess, sondern im Einführungsmanagement der Premium Economy Class.

„Wir durften eine völlig neue Reiseklasse planen, einen Flieger ausschlachten und ihn mit unseren eigens entworfenen Sitzen einrichten sowie Menüs und Preislisten erstellen.“ Danach setzte sie sich mit 6 anderen gegen 3000 Bewerber für ein Führungskräfte-Programm durch und schnupperte 18 Monate lang in verschiedenen Abteilungen verschiedener Unternehmen in verschiedenen Ländern. Mittlerweile arbeitet die junge Meranerin in London und leitet seit einigen Monaten die Abteilung „Strategy & Business Transformation“ in einem Multimillionen-Projekt von TUI. Im April wurde sie vom Reisemagazin „Travel Trade Gazette“ (TTG) unter die 30 erfolgreichsten Führungskräfte und Jungunternehmer unter 30, „Top 30 under 30“, gewählt. 

Interview: Elisabeth Turker

STOL: Frau Ganthaler, Sie wurden unter die „Top 30 Under 30“ in der Reisebranche gewählt. Wie kommt man überhaupt zu dieser Auszeichnung?

Anna Ganthaler: Ausschlaggebend war sicher meine Beförderung im Dezember, mit der ich zur jüngsten Führungskraft im Senior Management bei TUI aufgestiegen bin. Da die Nominierung vom Unternehmen, also vom Arbeitgeber kommt, wusste ich zunächst gar nichts davon. Als ich von der Auszeichnung erfuhr, war das ein unbeschreibliches Gefühl, auch weil sie die Wertschätzung durch meine Vorgesetzten zeigte.

STOL: Hat sich Ihr Leben seit der Auszeichnung verändert?

Ganthaler: Sehr. Abgesehen davon, dass man 29 gleichgesinnte junge Leute kennenlernt, die dieselben Ambitionen für ihre Karriere haben, finden immer wieder Veranstaltungen statt, auf denen man noch mehr Aufsteiger aus den verschiedensten Branchen kennenlernt. Auch habe ich seit der Auszeichnung viele Jobangebote bekommen. Nicht, dass ich derzeit Beruf wechseln möchte.

Anna Ganthaler (h.3.v.r.) wurde mit 29 anderen unter die "Top 30 under 30" gewählt. - Foto: TTG

Anna Ganthaler (h.3.v.r.) wurde mit 29 anderen unter die "Top 30 under 30" gewählt. - Foto: TTG

STOL: Was genau beinhaltet Ihr Job?

Ganthaler: Ich leite das Team für Strategie und Business Transformation für den Hoteleinkauf. Dabei geht es um die Digitalisierung aller Prozesse sowie um die optimale strategische Ausrichtung für die Zukunft: Wo wollen wir hin, was wollen wir in den kommenden 10 Jahren erreichen? Ich recherchiere neue Strategien und schaue, ob sie uns helfen könnten, effizienter und kundenfreundlicher zu sein. Es geht darum, traditionelle Prozesse aufzubrechen und mit neuen Technologien zu ersetzen, etwa mit neuen Apps oder digitalen Währungen.

STOL: Sie haben mit 26 Jahren eine berufliche Stufe erreicht, die andere erst 15 Jahre später erklimmen. Wie schafft man das?

Ganthaler: Ich habe mich 2015 für das „International Graduate Leadership Program“ für künftige Führungskräfte bei TUI beworben, bei dem ich mich gemeinsam mit 6 weiteren gegen 3000 Mitbewerber durchsetzen konnte. In 18 Monaten zirkulierten wir jeweils 3 Monate in unterschiedlichen Abteilungen und Standorten, darunter in Hannover, Stockholm, London und Malaga. Anschließend bekam ich eine Stelle in der „Business Transformation“-Abteilung, nur 6 Monate später wurden mir bereits meine ersten Mitarbeiter unterstellt. Das ist nicht unbedingt alltäglich. Und danach ging es rasant aufwärts.

STOL: Warum erklettern Sie die Karriereleiter schneller als andere?

Ganthaler: Ich bin äußerst verantwortungsbewusst und scheue mich nicht, neue Herausforderungen anzunehmen: Wenn ich ein Problem sehe oder ein Vorgesetzter ein Problem erwähnt, nehme ich es sofort an und versuche, Lösungen dafür zu suchen. Andere bleiben vielleicht eher bei der ihnen zugewiesenen Arbeit, ich hingegen übernehme gerne viel Verantwortung. Das hat auch die Führungsebene bemerkt, und in meiner Branche wird man für Leistung und Einsatz belohnt und gefördert. Nicht, dass man sich noch langweilt.

STOL: Gibt es Kollegen, die Sie um Ihre Stellung beneiden?

Ganthaler: Ja, durchaus, vor allem bei älteren Mitarbeitern und anderen Führungskräften spüre ich oft den Neid. Ich muss immer wieder Leistung zeigen und beweisen, dass ich meine Stellung verdient habe und gewillt bin, Kraft und Zeit in diesen Job zu investieren. Da kann man Preise gewinnen, so viele man will.

STOL: Also durchaus ein hartes Business…

Ganthaler: Auf dieser Ebene schon. Ich habe schon gleich nach meiner Beförderung gemerkt, wie an meinem Stuhl gesägt wurde, auch auf Übernahmeangriffe wurde ich vorbereitet. Aber mir macht es trotzdem Spaß.

STOL: Lernt man, mit dem Neid der anderen umzugehen?

Ganthaler: In meinen Augen ist Neid völlig normal und kann durchaus positiv sein, wenn er inspiriert. Wenn andere sehen, was ich in meinem Alter geschafft habe, fragen sie sich vielleicht, warum es bei ihnen noch nicht geklappt hat, immerhin ist es ja offensichtlich möglich. Und vielleicht finden sie dann den Ansporn, es härter zu versuchen. So würde ich es halt sehen (lacht). Ich würde mich nicht damit begnügen zu sagen: „Warum ist sie da und ich nicht“, sondern ich würde denken: „Wenn sie das kann, kann ich das auch“.

Immer wieder trifft sich Anna Ganthaler mit ihrem Team, hier in Brüssel. - Foto: Eva van Baarle

Immer wieder trifft sich Anna Ganthaler mit ihrem Team, hier in Brüssel. - Foto: Eva van Baarle

STOL: Also kann jeder schaffen, was Sie geschafft haben?

Ganthaler: Natürlich muss man der Typ dafür sein und auch Charakterstärke haben. Auch an mir gehen die vielen Stunden, die große Verantwortung und der Neid der anderen nicht spurlos vorbei, aber ich wachse eher daraus, als dass es mich hemmt. Immerhin arbeite ich genauso hart wie alle anderen in meiner Position, warum sollte ich mir das also nicht verdient haben?

STOL: Gab es auch Zeiten, in denen alles zu viel wurde?

Ganthaler: Absolut. Ich arbeite derzeit an einem Multimillionen-Projekt. Wenn da ein Fehler passiert, kann großer Schaden entstehen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich in meiner Position nicht mehr wirklich um Rat bitten kann, immerhin erwarten meine Vorgesetzten Antworten, nicht Fragen. Ich löse es dann meistens so, dass ich neue Ideen und Konzepte bei kleineren Marken des Unternehmens ausprobiere und eventuelle Schwierigkeiten auslote. Erst, wenn wir sicher sind, dass die Strategie funktioniert, setzen wir sie dann auch bei großen Unternehmen um. Das heißt, ich muss ständig aus meiner Komfortzone treten und Neues wagen. Da gibt es natürlich auch Panikmomente, in denen ich denke: „Oh Gott, was mache ich jetzt?“ In solchen Momenten treffe ich dann einfach eine Entscheidung und muss eben mit den möglichen Konsequenzen leben.

STOL: Sie leben teilweise in London, arbeiten aber oft auch von Südtirol aus. Wie lässt sich das vereinen?

Ganthaler: Das ist eine der Sonnenseiten meines Berufs. Derzeit verbringe ich 2 Wochen im Monat fix in London mit meinem Team, die restlichen Wochen bin ich flexibel. Dazu gehören viele Dienstreisen, aber wenn ich kann, versuche ich, auch Zeit zu Hause zu verbringen und von dort aus zu arbeiten. Ich finde es einfach schön zu Hause. Nach 10 Jahren des Studiums und der Weiterbildung war ich lange genug im Ausland und genieße es, mehr Zeit für Heimat, Freunde und Familie zu haben.

STOL: Wie unterscheiden sich die Arbeitstage in London und in Südtirol?

Ganthaler: In London verbringe ich viel Zeit im Büro und in Konferenzräumen. Auch bin ich oft auf Dienstreise, bereite mich im Flugzeug auf Meetings vor oder lese Fachzeitschriften, um neuste Trends zu finden und vielleicht auch für unsere Hotels umzusetzen. Nach dem Meeting setze ich mich wieder in den Flieger, schlafe zu Hause ein paar Stunden und gehe am nächsten Morgen wieder ins Büro oder zum Flughafen. In Südtirol ist mein Tag wesentlich entspannter: Da nehme ich mir nachmittags auch mal Zeit für Spaziergänge mit Freunden und Familie und arbeite erst in der Nacht weiter. Die Südtirol-Aufenthalte eignen sich gut, um administrative Sachen abzuarbeiten, für die ich in London zwischen Meetings und Dienstreisen kaum Zeit habe.

STOL: Gelten diese flexiblen Arbeitszeiten auch für Ihr Team?

Ganthaler: Natürlich, ich leite mein Team so, wie ich selbst auch gern geführt werden würde: Es ist mir egal, wie und wann meine Mitarbeiter ihre Aufgaben erledigen, solange die Arbeit passt und pünktlich abgegeben wird. Ob man diese dann auf dem Liegestuhl beim Sonnen erledigt oder den Nachmittag mit seinen Kindern verbringt und die Nachtstunden zum Arbeiten nutzt, ist mir einerlei. Das ist auch die Firmenphilosophie von TUI.

STOL: Also ist ein Abschalten möglich?

Ganthaler: Mittlerweile ja. Ich muss zugeben, es gab eine Zeit, in der ich keine Freizeit hatte, nicht nur aus zeitlichen Gründen, sondern weil ich einfach den Kopf nicht abschalten konnte. Selbst im Gespräch mit Freunden brauchte es nur ein bestimmtes Schlüsselwort und schon war ich wieder mit den Gedanken in der Arbeit und merkte selbst, dass ich nicht mehr zuhörte. Und das war sehr schade. Deshalb versuche ich vor allem bei meinen Südtirol-Aufenthalten abzuschalten.

STOL: Können Sie sich vorstellen, permanent nach Südtirol zurückzukehren?

Ganthaler: So sehr ich die Ruhe in Südtirol genieße, weiß ich genau, dass ich vieles in London vermissen würde. Nirgendwo sonst gibt es eine derartige Konzentration an jungen, ambitionierten Menschen, und das inspiriert mich sehr. Man trifft sich mit Gleichgesinnten, die in anderen Großkonzernen arbeiten, tauscht sich aus und findet so vielleicht Ideen für die eigene Sparte. Ich kann mir für die Zukunft nur den Mix vorstellen, den ich jetzt schon lebe.

STOL: Welchen Tipp haben Sie für junge Südtiroler?

Ganthaler: Das Wichtigste ist, eine Leidenschaft zu finden. Man muss nicht Wirtschaft oder Jura studiert haben, um erfolgreich zu sein. Egal für welchen Bereich man sich entscheidet, ob man Kunst oder Philosophie studiert: Nur wer genug Leidenschaft für seinen Beruf hat, ist auch bereit, die notwendigen Stunden zum Erfolg zu investieren.

stol

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