Freitag, 23. Oktober 2020

Achammer: „Wir hätten es noch in der Hand“

„Anfang Oktober waren wir noch vorsichtig optimistisch, was den Winter anbelangt. Das hat sich nun dramatisch geändert mit den Infektionszahlen, die wir seit mehreren Tagen haben“, sagt Wirtschaftslandesrat Philipp Achammer im „Dolomiten“-Interview.

Das Interview mit Wirtschaftslandesrat Philipp Achammer gibt es in der heutigen „Dolomiten“-Ausgabe.
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Das Interview mit Wirtschaftslandesrat Philipp Achammer gibt es in der heutigen „Dolomiten“-Ausgabe. - Foto: © ANDREAS KEMENATER
Ziel müsse es aber weiterhin sein, einen Gesamt-Lockdown mit allen Mitteln zu verhindern. „Wir hätten es wirklich noch in der Hand, das hinzukriegen“, so Achammer.

Interview: Arnold Sorg

„Dolomiten“: Herr Achammer, Sie haben in den vergangenen Monaten immer wieder betont, dass es in Südtirol zu keinem zweiten wirtschaftlichen Lockdown kommen werde. Damals hat wahrscheinlich niemand damit gerechnet, dass die Infektionszahlen im Herbst dermaßen in die Höhe schnellen werden ...
Philipp Achammer: Ja. Zum Teil muss man sich wirklich wundern, wie schnell sich Vorhersagen und Stimmung innerhalb kürzester Zeit verändern können. Anfang Oktober waren wir noch vorsichtig optimistisch, was den Winter anbelangt. Das hat sich nun dramatisch geändert mit den Infektionszahlen, die wir seit mehreren Tagen haben. Nichtsdestotrotz ist ein Gesamt-Lockdown immer noch mit allen Mitteln zu verhindern – für die Wirtschaft und die Schulen. Wir müssen momentan alles nicht Notwendige zurückstecken, um Arbeit und Bildung zu schützen. Wir hätten es wirklich noch in der Hand, das hinzukriegen. Und ich hoffe, dass wir es hinkriegen, denn wir riskieren momentan sehr viel.

„D“: Sie sagen, ein Lockdown muss unbedingt verhindert werden, aber ausschließen können Sie ihn nicht mehr?

Achammer: Es muss immer noch das Ziel sein, einen Gesamt-Lockdown, im Sinne einer landesweiten Schließung von Tätigkeiten, auszuschließen. Wenn es unbedingt notwendig ist, dann könnte man sich partielle und temporäre Schließungen in bestimmten Bereichen vorstellen.

„D“: Was ist jetzt der Unterschied zum Frühjahr?
Achammer: Im Frühjahr waren wir auf diese Situation überhaupt nicht vorbereitet. Niemand. Jetzt hingegen sind wir auf diese Situation vorbereitet. Würde es nun zu einem zweiten landesweiten Lockdown kommen, dann gäbe es keinen Unterschied zum Frühjahr, dann würde es nämlich auch diejenigen treffen, die sich wirklich bemühen, die Regeln strengstens einzuhalten, etwa die Wirtschaft oder die Schulen, und nicht nur jene, wo mehrere Infektionen auftreten, vielleicht auch wegen Nicht-Beachtung der Regeln. Auch aus diesem Grund würde ich, wenn es denn unbedingt notwendig ist, nur temporäre und partielle Lockdowns durchführen. Ein Gesamt-Lockdown wäre unfair, undifferenziert und sowohl wirtschaftlich als auch sozial kaum zu verkraften.

„D“: Was meinen Sie konkret mit partiellen und temporären Lockdowns?
Achammer: Wenn es in bestimmten Bereichen, oder in bestimmten Unternehmen Schwierigkeiten mit Infektionszahlen gibt, dann könnte man für diese Fälle eine Schließung über eine bestimmte Zeit verfügen. Einen Gesamt-Lockdown darf es nur dann geben, wenn das Infektions-Geschehen völlig außer Kontrolle ist.

„D“: Was würde ein zweiter landesweiter Lockdown für die Wirtschaft bedeuten?
Achammer: Wir haben nach dem Lockdown im Frühjahr gesehen, dass sich die Wirtschaft und Betriebe überraschend schnell erholen können, das Konsumklima hat sich wieder verbessert, die Sommersaison im Tourismus war besser als gedacht und auch die Arbeitnehmer sind optimistischer. Ein erneuter landesweiter Lockdown würde aber nicht nur wirtschaftlich einen gewaltigen Schaden anrichten, auch die letzthin zurückgewonnene Zuversicht würde wieder stark eingetrübt werden.

„D“: Weil viele Betriebe dann kein Licht am Ende des Tunnels sehen?
Achammer: Im Frühjahr war die Situation die, dass man gesagt hat, jetzt müssen wir ein paar Wochen durchhalten und dann können wir wieder beginnen zu arbeiten. Wenn es jetzt aber wieder zu einem Lockdown kommen würde, dann stellen sich viele Betriebe die Frage, ob das ständig so weitergehen wird. Ein paar Monate arbeiten, dann wird wieder alles geschlossen, dann wieder ein paar Monate arbeiten...

„D“: Viele Betriebe würden also resignieren?
Achammer: Das ist zu befürchten. Viele Unternehmen würden erneut in große Liquiditätsschwierigkeiten kommen, die wiederum vom Land überbrückt werden müssten. Zudem müssten die Lohnausgleichs-Systeme, die bereits jetzt schon sehr lange laufen, noch einmal verlängert werden. Das ist irgendwann für den italienischen Staat nicht mehr finanzierbar. Zudem würde die Wirtschaft einen zusätzlichen Einbruch von 5 Prozent, also insgesamt von 15 Prozent im Gesamtjahr 2020 hinnehmen müssen.

„D“: Wie viele Betriebe würden eine zweite Schließung nicht mehr überleben?
Achammer: Das wäre in manchen Bereichen bei gar einigen Betrieben sicherlich der Fall. Daher wird derzeit diskutiert, dass wir bestimmte Betriebe stützen, damit sie nicht aufgeben müssen bzw. damit sie nicht aufgekauft werden.

„D“: Von welcher Art der Unterstützung sprechen Sie?
Achammer: Wir überlegen, dass man über den Fonds Euregio Plus eine temporäre stille Teilhabe in manchen Betrieben anstrebt.

„D“: Das Land würde also bei privaten Betrieben einsteigen?
Achammer: Im Prinzip ist es der Euregio-Plus-Fonds, der im Auftrag des Landes Südtirol bei den Betrieben temporär einsteigen würde – als stiller Teilhaber, um den jeweiligen Betrieb zu stützen. Wir als Land haben ja kein Interesse, Privatwirtschaft zu spielen.

„D“: Wie ausgereift ist dieser Plan?
Achammer: Diese Überlegungen sind weit fortgeschritten, entschieden ist aber noch nichts.

„D“: Das Robert-Koch-Institut hat Südtirol zum Risikogebiet ernannt. Falls die Infektionszahlen in Südtirol in den kommenden Wochen nicht sinken, ist die Wintersaison nicht nur für viele Tourismusbetriebe vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat, das hätte auch gravierende Auswirkungen auf den Handel und das Handwerk...
Achammer: Diese Reisewarnung hat gewaltige Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft, wenngleich man sagen muss, dass sich diese Einstufung bis zu einem gewissen Punkt relativiert, da inzwischen fast ganz Europa Risikogebiet ist. Wir müssen aber alles dafür tun, dass die Infektionszahlen bis zum Beginn der Wintersaison so weit sinken, damit wir nicht mehr als Risikogebiet eingestuft werden und damit viele deutsche Bürger, die heuer trotz Corona in den Urlaub fahren wollen, auch den Weg zu uns finden. Es muss unser Ziel sein, mit unserem Verhalten nicht nur die eigene Gesundheit und die der anderen zu schützen, sondern auch den eigenen Arbeitsplatz und den der anderen.

„D“: Müssen auch die Betriebe die Schutzmaßnahmen erhöhen, oder reichen die bisherigen Maßnahmen aus?
Achammer: Im Kern sind die Grundregeln wenige, aber wenn man sie genauestens einhält und befolgt, dann sind sie effizient. Ich verstehe, dass man „stuff“ ist und dass man auch Fehler machen kann. Aber wenn man sich wirklich bemüht, diese Regeln einzuhalten, dann glaube ich, reicht das aus. Die Wirtschaft hat sich im Frühjahr gemeinsam mit den Gewerkschaften sehr gut auf die neue Situation eingestellt. Daher wäre ein zweiter Lockdown niederschmetternd für all jene Betriebe, die sich an die Regeln gehalten haben.

„D“: Nach dem Frühjahr hat sich die Wirtschaft zum Teil sehr gut erholt, glauben Sie, dass das auch nach diesem harten Winter der Fall sein wird?
Achammer: Wir dürfen den Optimismus nicht verlieren. Die Südtiroler sind es gewohnt, mit Krisen und schwierigen Situationen umzugehen, wieder aufzustehen und das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Aber das Eine ist, sich aufzurichten, und einen gewissen Teil von Schäden wiedergutzumachen, etwas anderes ist es aber, einen Scherbenhaufen vorzufinden. Wir dürfen jetzt keinen Scherbenhaufen anrichten. Wir müssen wirklich auf das nicht Notwendige verzichten, um das Notwendige – die Arbeit und die Schule – zu erhalten. Das muss im Interesse von uns allen sein.

sor