Ein Überblick über die Aktienmärkte und die aktuellen Trends beim Anlegen. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Weißenegger, lassen Sie uns mit einem Phänomen beginnen, das vor allem jüngere Generationen in der Coronazeit erst zum Thema Anlegen herangeführt hat: Kryptowährungen. Wie denken Sie über diesen Markt, der wie kaum ein anderer polarisiert?</b><BR />Armin Weißenegger: Die italienischen und europäischen Aufsichtsbehörden im weitesten Sinne warnen in regelmäßigen Abständen die Allgemeinheit, im Besonderen aber die Kleinanleger, vor den hohen Risiken, die mit einem Engagement in sogenannten Kryptowährungen einhergehen und bis zum kompletten Verlust des eingesetzten Kapitals führen können. Unter rein quantitativen/mathematischen Gesichtspunkten kann man aber eingestehen, dass es im Sinne einer Diversifizierungsstrategie durchaus denkbar wäre, abhängig vom Risikoprofil des Anlegers, einen einzigen Prozentpunkt in Kryptowährungen wie Bitcoin zu investieren. Natürlich sollte niemals das gesamte Vermögen dazu verwendet werden, sondern nur der Betrag, den man sich zu verlieren erlauben kann. Wie nämlich die Erfahrungen der letzten Monate auch wieder gezeigt haben, ist der Bitcoin, aber auch Altcoins wie Ethereum oder Cardano, extrem schwankungsanfällig. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Jüngst stieg die wichtigste digitale Währung Bitcoin nach einem Sommer in Bärenlaune wieder auf knapp 63.000 US-Dollar, das Allzeithoch von knapp 65.000 US-Dollar scheint damit in Reichweite.</b><BR />Weißenegger: Das ist richtig. Doch stellte sich 2021 noch einmal klar heraus, dass Bitcoin ungemein volatil ist. Es gab eine Rallye am Jahresanfang, das Allzeithoch im Frühjahr und dann den Absturz. Binnen kurzer Zeit ist der Bitcoin eingebrochen, im Sommer war der Bitcoin nur noch um die 30.000 US-Dollar wert. Diese hohe Volatilität ist Fluch und Segen zugleich: Sie eröffnet Anlegern potenziell immer wieder gute Handelschancen, allerdings verhindert sie, dass institutionelle Anleger auf breiter Basis am Markt mitmischen wollen und können. Dazu kommt, dass der Markt so gut wie nicht reguliert ist. Am Kryptomarkt gibt es einige, wenige große Anleger und eine große Zahl kleinerer Anleger, die Bruchteile eines Bitcoins besitzen. Diese hohe Konzentration von vielen Coins in relativ wenigen Händen verstärkt die Volatilität zusätzlich. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="699470_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>China hat vor einigen Wochen bereits ein Kryptoverbot bestätigt. Werden die USA und Europa auch derart hart durchgreifen bei den Kryptowährungen?</b><BR />Weißenegger: Das kann ich mir ehrlich gesagt zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorstellen, dass man in den USA und in Europa zu solch drastischen Maßnahmen greifen wird. Es gibt aktuell auch keine Äußerungen von Entscheidungsträgern, die ein Verbot nahelegen würden. Aber eine Regulierung kann, muss und wird es geben, das ist klar. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>In welche Richtung könnte die Regulierung gehen?</b><BR />Weißenegger: Ich kann mir vorstellen, dass vor allem die Exchange-Börsen, also die Plattformen, über die der Handel mit Kryptowährungen weitgehend abgewickelt wird, strenge Auflagen erhalten werden. Sie könnten gleichgestellt werden mit anderen Börsen, es wird also sehr viel mehr Transparenz in den Markt einkehren, nicht nur was Herkunft und Ziel der Geldströme anbelangt, sondern auch in puncto Nachvollziehbarkeit der Preisbildung. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Könnte ein Plus an Regulierung den Markt also potenziell noch interessanter machen?</b><BR />Weissenegger: Das muss man sehen. Als „Währung“ wird sich Bitcoin aus meiner Sicht nicht durchsetzen können, auch weil Notenbanken in aller Welt an digitalen Währungen arbeiten, die die Verwendung des Bitcoin mit dieser Zielsetzung überflüssig machen dürften. Allerdings kann ich mir schon vorstellen, dass Kryptowährungen als Anlageklasse Bestand haben könnten.<BR /><BR /><BR /><b>In diese Richtung deutet auch die Entscheidung der US-Aufsichtsbehörde SEC vom Montag hin, erstmals Bitcoin-ETFs, also Wertpapiere, die sich am Kurs des Bitcoins ausrichten, zuzulassen.</b><BR />Weißenegger: Richtig, das könnte man als wichtiges Signal auffassen. In Europa gibt es Bitcoin-Wertpapiere ja bereits, sie können zum Beispiel an der Börse in Frankfurt oder in Stockholm gehandelt werden. Diese positiven Nachrichten aus den USA haben übrigens bereits maßgeblich zu den enormen Preissteigerungen beim Bitcoin in den letzten Wochen beigetragen, ebenso die die stark gestiegenen Inflationssorgen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-51193641_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Also stimmt der Vergleich mit Gold, dass Bitcoin sozusagen als „digitales Gold“ ebenso wie das Edelmetall Schutz vor Inflation bietet?</b><BR />Weißenegger: Bitcoin versus Gold steht für mich in erster Linie für den Wettbewerb New Economy versus Old Economy. Der Vergleich mit Gold wird häufig angestellt, weil es sich in beiden Fällen um Assets handelt, die nicht unbegrenzt verfügbar sind. Im Falle des Goldes ist es so, dass sich in der Vergangenheit tatsächlich gezeigt hat, dass es über sehr lange Zeiträume einen gewissen Inflationsschutz bietet. Beim Bitcoin steht der Beweis hierfür noch aus. Es gibt aktuell noch keine Evidenz dafür, dass Bitcoin hilft, Wertstabilität beizubehalten. Gold weist diesbezüglich eine Historie von Jahrtausenden auf. Es könnte aber sein, dass Bitcoin morgen eine ähnliche Rolle erfüllt wie heute Gold. Heute würde ich Bitcoin eher einen Liebhaberwert beimessen: eine Rolex am Handgelenk, einen Van Gogh an der Wand und einen Bitcoin im Wallet. <BR /><BR /><BR /><b>Bitcoin kommt mittlerweile auf rund ein Zehntel der Marktkapitalisierung von Gold, hat also gegenüber dem Edelmetall letzthin stark aufgeholt. Experten streiten sich aber noch darüber, ob sich Bitcoins noch in der Preisfindungsphase befinden oder schlicht und einfach maßlos überbewertet sind. Wie ist Ihre Meinung dazu?</b><BR />Weißenegger: Das ist die „Eine-Million-Dollar-Frage“. Die Meinungen gehen weit auseinander, von vollkommen wertlos bis zu mehreren hunderttausend Dollar ist alles dabei. Vieles wird auch davon abhängen, wie lange die Notenbanken weltweit noch ihre Geldschleusen so weit offen halten wie in den letzten Jahren.<BR /><BR /><BR /><b>Nun hat sich Gold auch nicht unbedingt als besonders preisstabil erwiesen in Vergangenheit. Allein in den letzten eineinhalb Jahren gab es zweistellige Rücksetzer, aktuell liegen wir wieder bei rund 1800 Dollar.</b><BR />Weißenegger: Stimmt. Der Preis des Goldes hängt mit der Entwicklung an den Anleihenmärkten und eben der Inflation zusammen. Letztere wird wohl auch noch länger als bisher angenommen erhöht bleiben, während die Zinsen weniger stark steigen dürften. Darum steigt der Preis wieder.<BR /><BR /><BR /><b>Diese Inflationsangst versetzte die Märkte letzthin immer wieder in Aufruhr, was man an der gestiegenen Volatilität an den Börsen sieht. Ist die Partystimmung nun vorüber?</b><BR />Weißenegger: Die Börsen entwickelten sich nach dem kurzen, aber heftigen Coronaeinbruch im März 2020, sehr positiv. Der Dax zum Beispiel, um einen wichtigen Finanzplatz zu nennen, erlebte eine Rekordjagd. Angetrieben wurde der Markt von der Geldschwemme der Notenbanken und gleichzeitig den Milliarden, die von den Staaten in die Wirtschaft gepumpt wurden, um die Folgen der Pandemie einzudämmen. <BR /><BR /><BR /><b>Und nun?</b><BR />Weißenegger: Nun befinden wir uns an einem Wendepunkt. Die Zeit der leichten Gewinne ist vorbei. Wir sehen, dass die Inflation steigt, möglicherweise könnte sie in den nächsten Jahren dauerhaft an oder knapp über der 2-Prozent-Grenze liegen. In der Folge werden die Notenbanken ihre Null-Zins-Politik wohl früher aufgeben als geplant. Großbritannien hat dies bereits angekündigt, die USA dürfte ebenfalls bald aktiv werden. Was die Realwirtschaft angeht, erleben wir derzeit die Situation, dass die Konsumenten vor allem in den USA aktuell so viel Geld zur Verfügung haben wie selten zuvor. Doch wird dieser Konsum erschwert, weil es angebotsseitig Probleme gibt. Unternehmen können der hohen Nachfrage aufgrund von Engpässen in den Lieferketten nicht nachkommen. Das wiederum führt zu einer gewissen Ernüchterung bei den Konsumenten, die viele Produkte schwerer bekommen und teurer bezahlen müssen. Alles in allem ist es fraglich, ob die Unternehmen die Gewinnmargen in einem derartigen Umfeld halten können, das wird sich dann auch auf die Börsenkurse niederschlagen. In einem solchen Szenario ist eine Korrektur nicht auszuschließen.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Auf- und Abwärtsbewegungen sind an den Märkten ganz normal. Oder könnten wir gar mehrere magere Jahre erleben?</b><BR />Weißenegger: Als Anleger ist man immer gut bedient, wenn man nicht den kurzen Zeithorizont im Blick hat. Auf längere Sicht gleichen sich diese Einbrüche ohnehin wieder aus. Das hat die Vergangenheit oft genug gezeigt. <BR /><BR /><BR /><b>Wie sollten sich Anleger in dieser Phase am besten verhalten. An der Seitenlinie stehen und abwarten oder doch investieren?</b><BR />Weißenegger: Anleger sollten sich nicht beirren lassen und ihre Finanzplanung wie gehabt in Angriff nehmen oder fortführen, selbst wenn die nächste Zeit nicht die idealen Bedingungen für gute Renditen bieten sollte. Wichtig ist, ein gut diversifiziertes Portfolio zu haben, um Verluste in einem Bereich durch Gewinne in einem anderen ausgleichen zu können. Dazu gehört auch ein Liquiditätspuffer für unvorhergesehene Bedürfnisse. Im großen Stil aber Geld auf dem Kontokorrent zu parken, hat in Zeiten mit möglicherweise jahrelangen Inflationsraten von 2 Prozent und mehr und kaum Sparzinsen keinen Sinn, es wird von alleine weniger. <BR /><BR /><BR /><b>Es gibt dieses Sprichwort: „time in the market – not timing the market“, dass es also unmöglich ist, DEN richtigen Zeitpunkt für Investitionen zu erwischen.</b><BR />Weißenegger: Das ist wahr. Darum ziehe ich Produkte, bei denen regelmäßig kleinere Summen über einen Mehr-Jahres-Zeitraum investiert werden, beispielsweise bei Sparplänen, großen Einmal-Investments vor. Durch die unterschiedlichen Einzahlungszeitpunkte kann man das Timing-Risiko minimieren bzw. es spielt keine wesentliche Rolle, ob ich in einer sehr guten oder einer schwierigen Marktphase investiere. Entscheidend ist es, sehr lange investiert zu bleiben.