Vor über 74 Jahren legte Anni Graus' Vater in Pfitsch den Grundstein für das gleichnamige Bauunternehmen Graus. Der klassische Südtiroler Familienbetrieb war auf Hochbau sowie den Verkauf von Baustoffen, Baumaterialien und Fliesen spezialisiert. Ursprünglich war vorgesehen, dass der einzige Sohn das Unternehmen eines Tages weiterführt. Im ersten Jahr seiner Ausbildung zum Geometer dann der Schicksalsschlag: Er verunglückte tödlich.<BR /><BR />Die Unternehmensnachfolge geriet ins Wanken. „Wir waren drei Mädchen, da hieß es gleich: Die können das sowieso nicht!“, erinnert sich Anni Graus an die damalige Zeit zurück. Einige Jahre später starb dann auch noch der Vater und Gründer plötzlich und unerwartet. Anni erinnert sich an diese schwere Zeit, gleichzeitig aber auch an ihren damaligen Gedanken: „Was die Männer können, das kann ich auch.“ Diese Haltung sollte der Unternehmerin später den Weg zum Erfolg ebnen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1358571_image" /></div> <BR />Doch mit dem Tod des Vaters stand die damals 30-Jährige vor einer gewaltigen Aufgabe. Rund 40 Mitarbeiter zählte der Betrieb, 39 davon waren Männer.<h3> Der Sprung ins kalte Wasser</h3>Im Umfeld war die Skepsis groß, ob eine junge Frau ein Bauunternehmen führen könne. Anni Graus ließ sich davon nicht beirren und stieg direkt in die Geschäftsführung ein. Eine Einarbeitungszeit gab es für sie nicht. Der abrupte Wechsel sorgte in der Belegschaft zunächst für Unruhe. Graus reagierte prompt. Sie rief die Mannschaft zusammen und verlangte Zusammenhalt. Mit Erfolg: Die bereits eingereichten Kündigungen wurden zurückgezogen, die Belegschaft zog gemeinsam mit der neuen Chefin an einem Strang.<h3> Akzeptanz als Schlüssel</h3>Anders als heute war gegenseitige Unterstützung unter Frauen in solchen Positionen damals eher eine Seltenheit. Eine Mentorin, an die sich Anni Graus deshalb besonders gerne erinnert, ist die inzwischen verstorbene Seniorchefin der Wipptaler Bau AG, Juliana Egartner. Beide verband das Wissen, dass man in dieser Branche zusammenhalten muss. Die heutigen Herausforderungen für Frauen im Bau- beziehungsweise Handwerksgewerbe sieht Graus indessen pragmatisch.<BR /><BR />Die fachlichen Anforderungen seien für Männer und Frauen dieselben, die Akzeptanz im Markt und im Betrieb dagegen oft nicht: „Bei einem männerdominierten Unternehmen muss man sich als Frau den Respekt erst erarbeiten.“ Besonders im Kampf um Aufträge brauche es zudem Durchsetzungsvermögen und Freude an der Arbeit. Was die langjährige Unternehmerin jungen Frauen in handwerklichen Berufen heute rät? „Es braucht Mut und Entschlossenheit, selbst wenn andere abraten. Entscheidend ist es, neugierig zu bleiben und sich nicht zu sehr von den Meinungen anderer beeinflussen zu lassen. Niemand macht von Anfang an alles richtig, Fehler gehören dazu. Doch genau aus diesen lernt und wächst man.“