<b> Herr Kofler, der Weinkonsum sinkt in vielen Märkten, Konsumenten werden preissensibler, zugleich bleiben die Produktionskosten hoch. Wie geht es unserer Weinwirtschaft?</b><BR /><BR />Andreas Kofler: Wenn man auf die weltweite Weinwirtschaft schaut, dann ist die Lage sicher nicht einfach. Der Konsumrückgang ist deutlich spürbar, auch wenn das grundsätzlich kein völlig neues Phänomen ist. Dazu kommen internationale Krisen, hohe Inflation und Kaufkraftverluste. Viele Menschen haben weniger Geld zur Verfügung, und das spürt man auch beim Wein.<BR /><BR />Man darf aber auch nicht vergessen, dass der Weinbau in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Regionen stark gewachsen ist. Wenn mehr Angebot auf weniger Nachfrage trifft, verschärft das die Situation.<BR /><BR /><BR /><b>Und Südtirol?</b><BR /><BR />Kofler: Südtirol steht aus meiner Sicht besser da als viele andere Anbaugebiete. Unsere Weinwirtschaft hat sehr früh auf Qualität gesetzt und produziert vergleichsweise kleine Mengen. Von diesem Trend zu weniger, aber hochwertigerem Wein haben wir lange profitiert. Seit ein bis zwei Jahren spüren aber auch wir, dass der Markt schwieriger geworden ist.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75344376_quote" /><BR /><BR />Man muss allerdings aufpassen, nicht alle in einen Topf zu werfen. Es gibt Betriebe, die sich gut aufgestellt und ihre Hausaufgaben gemacht haben, und andere, die das noch vor sich haben – vielleicht auch, weil es lange nicht so notwendig war. Das Interesse am Südtiroler Wein war jedenfalls noch nie so groß wie heute. Vor zehn Jahren hat sich außerhalb Italiens und des deutschsprachigen Raums kaum jemand dafür interessiert. Heute ist das anders. Aber man muss deutlich mehr arbeiten, um das Gleiche zu erreichen.<BR /><BR /><BR /><b> Bei den Kellereien sind die Auszahlungspreise an die Winzer im Vorjahr um über 12 Prozent zurückgegangen. Ein Weckruf oder eine normale Abschwächung?</b><BR /><BR />Kofler: Es ist sicher ein Einschnitt. Aber man muss auch sehen, woher wir kommen. Wir hatten – mit Ausnahme der Corona-Zeit – rund 15 Jahre, in denen es fast nur nach oben gegangen ist. Dass diese Entwicklung ewig so weitergeht, war nicht realistisch.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Betriebe tun sich aktuell schwerer als andere?</b><BR /><BR />Kofler: Am schwierigsten ist es für Betriebe, die sehr einseitig aufgestellt sind. Einseitig heißt nicht nur, dass jemand nur in Südtirol verkauft. Es kann auch heißen, dass ein Betrieb zu stark auf einen Exportmarkt setzt, etwa auf die USA. Oder dass er fast ausschließlich über die Gastronomie verkauft und kein önotouristisches Angebot hat. Diversifikation ist in dieser Phase ein Schlüssel.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75344377_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Südtirol bringt ohne Zweifel Spitzenqualität beim Wein hervor. Hin und wieder hört man jedoch den Vorwurf, dass die Preise in den letzten Jahren zu stark nach oben gewandert seien. Was entgegnen Sie?</b><BR /><BR />Kofler: Im internationalen Vergleich ist Südtirol beim Preis-Leistungs-Verhältnis nach wie vor gut unterwegs. Natürlich gilt das nicht für jeden Betrieb gleich, aber insgesamt passen die Preise. Ein anderes Thema ist die Preispolitik in Teilen der Gastronomie. Es gibt Betriebe, die vernünftig kalkulieren, und andere, die übertreiben. Wenn ein Wein des mittleren Segments im Einkauf 20 Euro kostet und dann für 70 Euro auf der Karte steht, dann ist das problematisch. Heute ist alles transparent. Auch Gäste mit Geld haben keine Lust, zu viel zu bezahlen.<BR /><BR /><BR /><b>Wein ist bekanntlich ein Produkt, das dem Gast am Tisch auch gut erklärt werden will. Ist das in Südtirol der Fall?</b><BR />Kofler: Häufig schon. Gleichzeitig macht sich jedoch auch in der Gastronomie der Mangel an qualifiziertem Servicepersonal bemerkbar. Zwischen den einzelnen Betriebsstrukturen und Bezirken gibt es dabei große Unterschiede. <BR /><BR />Viele Mitarbeitende verfügen nur über begrenztes Weinwissen und können den Gästen die Besonderheiten und den Mehrwert der Südtiroler Weine daher nicht immer ausreichend vermitteln.<BR />Dabei ist gerade die kompetente Beratung am Tisch ein wichtiger Faktor, um die Qualität und Herkunft der Weine erlebbar zu machen. Um das Wissen über den Südtiroler Wein stärker im Gastgewerbe zu verankern, ist gemeinsam mit dem HGV ein Bildungsprojekt geplant. Vorgesehen sind unter anderem kurze Informationsvideos und digitale Lernformate, die Servicekräften praxisnahes Wissen über die Südtiroler Weinwelt vermitteln sollen.<BR /><BR /><BR /><b>Südtirol hat mit dem Lagenprojekt vor einigen Jahren ein neues Kapitel aufgeschlagen. Wie wichtig ist der Faktor Lage beim Weinkauf eigentlich?</b><BR /><BR />Kofler: Der Konsument will heute wissen, wo ein Produkt herkommt. Das gilt beim Wein genauso wie beim Schnitzel. Herkunft, Lage und Qualität werden deshalb wichtiger.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75344378_quote" /><BR /><BR />Mich persönlich freut es sehr, dass immer mehr Produzenten in Südtirol den Wert der Lagen erkennen und voranbringen wollen. 2024 wurden in Südtirol rund sechs Prozent der Weine als Lagenweine eingekeltert, 2025 waren es bereits acht Prozent. Das Interesse wächst also. Damit der Konsument diese Weine leichter erkennt, wurde das sogenannte Lagensymbol Südtirol eingeführt – ein eigenes Symbol auf dem Etikett, das sichtbar macht: Dieser Wein stammt aus einer offiziell definierten Südtiroler Lage. Für mich ist es ein tolles Instrument, um Herkunft, Wiedererkennbarkeit und Einzigartigkeit besser zu vermitteln. Eine Lage ist schließlich nicht kopierbar.<BR /><BR /><BR /><b>Entscheidend ist also die Kombination aus Sorte und Lage?</b><BR /><BR />Kofler: Genau. Die Sorte muss zur Lage passen, das ist das Um und Auf. Dadurch entsteht Qualität. Bei einem Lagenwein ist diese Kombination garantiert. Das gibt dem Konsumenten zusätzliche Sicherheit und den Weinen mehr Territorialität.<BR /><BR /><BR /><b>Auch Branchendaten zeigen, dass Weine mit klarer Herkunft besser durch die schwierige Phase kommen. Bestätigt das Ihre Strategie?</b><BR /><BR />Kofler: Ja, ich glaube schon. Der Markt wird selektiver. Wer klar erklären kann, woher ein Wein kommt, wofür er steht und warum er seinen Preis wert ist, hat einen Vorteil. Deshalb ist es für Südtirol so wichtig, das eigene Profil weiter zu schärfen. Wir können nicht über Masse gewinnen.<BR /><BR /><BR /><b>Was die Zahlen ebenfalls zeigen: Weißweine bleiben stark im Aufwind. Wie sehen Sie das Sortiment im Land?</b><BR /><BR />Kofler: Südtirol hat den Vorteil, dass es eine große Sortenvielfalt gibt, aber gleichzeitig nicht völlig beliebig ist. Rund 85 Prozent der Produktion entfallen auf acht Sorten. Weißwein läuft schon länger sehr gut. Aber auch Blauburgunder als elegante Rotweinsorte hat stark zugelegt. Für die Zukunft sehe ich auch beim Vernatsch wieder mehr Chancen. Gerade in nordischen Märkten gibt es Interesse an leichten, trinkigen Weinen. Das passt zu leichterem Essen und zu einem moderneren Trinkverhalten. Dennoch: Die kräftigen Rotweine sind deshalb nicht abzuschreiben, im Gegenteil. Sorte und Lage, darum geht es.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielt der Klimawandel für diese Überlegungen?</b><BR /><BR />Kofler: Er bringt Vor- und Nachteile. In den vergangenen Jahren hat die Erwärmung auch dazu beigetragen, dass wir sehr gute Jahrgänge hatten. Gleichzeitig muss man bei Neupflanzungen heute anders denken: Ein Weißburgunder, der heute auf 400 Metern gut funktioniert, ist in einigen Jahrzehnten vielleicht auf 600 Metern besser aufgehoben. In warmen Lagen braucht es Sorten, die Hitze besser vertragen.<BR />Südtirol hat hier durch seine Höhenlagen und unterschiedlichen Expositionen aber mehr Möglichkeiten als viele andere Weinbaugebiete. Die Berge helfen uns, auch wenn es wärmer wird.<BR /><BR /><BR /><b>Kommen wir zum Export: Sie sagten, Südtirols Weine seien heute international so bekannt wie nie. Dazu dürften auch das Weinkonsortium und die IDM ihren Teil beigetragen haben. Welche Länder könnten für Südtirol noch interessant sein?</b><BR /><BR />Kofler: Mittlerweile sind wir in 13 Märkten aktiv. In den letzten zwei Wochen allein gab es Veranstaltungen in Japan, Südkorea und Australien. Wir planen auch Brasilien und Polen stärker zu bearbeiten. Gleichzeitig dürfen wir die klassischen Märkte nicht vergessen – und natürlich auch nicht den Südtiroler Markt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75344379_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und die USA?</b><BR /><BR />Kofler: Die USA bleiben ein wichtiger Markt. Wir haben unsere Budgets dort nicht gekürzt. Ob das richtig war, werden wir in einigen Jahren sehen. Im Moment ist die Lage dort nicht einfach, die politische und wirtschaftliche Unsicherheit hat sicher nicht geholfen. Aber wir wollen präsent bleiben.<BR /><BR /><BR /><b>Ein wichtiges Zukunftsthema könnte auch die bessere Verknüpfung von Wein und Tourismus sein, der sogenannte Önotourismus. Welche Chancen sehen Sie hier?</b><BR /><BR />Kofler: Südtirol hat bereits einen Tourismus, der das önologische Angebot wahrnimmt. Viele Gäste besuchen Kellereien oder kaufen direkt ab Hof. Aber wir wollen stärker auch Weinreisende ansprechen – Menschen, die wegen Wein und Gastronomie kommen. Das kann besonders in der Nebensaison interessant sein.<BR /><BR />Für die Betriebe ist Önotourismus auch wirtschaftlich spannend: Man hat direkten Kontakt zum Gast, höhere Margen und mehr Liquidität. Für ein kleines Weinbaugebiet mit begrenzten Ressourcen kann das oft zielführender sein, als mit großem Aufwand einen völlig neuen Markt aufzubauen.<BR /><BR /><BR /><b>Was fehlt noch?</b><BR /><BR />Kofler: Wir müssen Angebote leichter buchbar machen und stärker bündeln. Es kann um Tour Operator gehen, um gemeinsame Veranstaltungen, um Plattformen. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Aber wir müssen als Weinregion sichtbarer und zugänglicher werden. Da müssen natürlich in erster Linie die Betriebe mitspielen.<BR /><BR /><BR /><b> Tun sie das?</b><BR /><BR />Kofler: Ich stelle eindeutig einen Sinneswandel fest und mehr Offenheit für önotouristische Konzepte als noch vor einigen Jahren.<BR /><BR /><BR /><b>Das Konsortium bekommt mit dem Haus des Weines einen neuen Sitz. Kostenpunkt: 1,6 Millionen Euro. Was kann dieses Projekt leisten?</b><BR /><BR />Kofler: Es geht darum, der Südtiroler Weinwirtschaft ein gemeinsames Dach zu geben. Ein repräsentatives Haus, das sichtbar macht, wofür Südtiroler Wein steht. Wir haben mit dem Standort beim Schloss Maretsch eine gute Lösung gefunden, inmitten von zwei Hektar Lagrein.<BR /><BR /><BR /><b> Sie wurden kürzlich für eine dritte Amtszeit als Präsident bestätigt. Wo soll Südtirols Weinwirtschaft in fünf Jahren stehen?</b><BR /><BR />Kofler: Ich hoffe, dass sie noch klarer profiliert ist. Die Betriebe werden sich noch mehr auf ihre Stärken konzentrieren müssen. Es hilft nicht, wenn jeder auf jeder Hochzeit tanzt. Am Ende geht es darum, dass auch die nächste Generation noch gut vom Weinbau leben kann. Das gelingt nur, wenn wir bei Qualität, Herkunft und Wertschöpfung noch spitzer und noch besser werden. Als Konsortium können wir diese Entwicklung fachlich begleiten und unterstützen. Interview: Rainer Hilpold