Der Wertpapierexperte klärt über das richtige Verhalten in turbulenten Zeiten auf.<BR /><BR /><b>Herr Weissenegger, besorgt blicken viele Anleger derzeit in ihr tiefrotes Portfolio. In den vergangenen Wochen und Monaten haben Investmentfonds in Aktien besonders gelitten. Vor allem unerfahrene Anleger fragen sich, ob sie aussteigen sollten. Sollten Sie? </b><BR />Armin Weissenegger: Ein beliebtes Bonmot unter Volkswirten lautet „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“. Vorausgesetzt, dass es sich um einen breit aufgestellten Aktienfonds handelt, der somit weltweit in die größten und profitabelsten Unternehmen investiert, würde ich mir auf mittlere Sicht, also 3 bis 5 Jahre, keine allzu großen Sorgen machen. Die Vergangenheit lehrt uns, dass weltweit anlegende Aktienfonds auch starke Kurseinbrüche immer noch aufgeholt haben, vorausgesetzt, der Investitionszeitraum war lange genug. Globale Aktienmärkte profitieren langfristig von der ständig wachsenden Weltwirtschaft, den neuen Technologien, der positiven Demographie usw. Kurzfristig kann es aber durchaus immer wieder zu stärkeren Kursrückgängen kommen. Dies gehört zur Natur der Aktienmärkte: Im Durchschnitt kommt es mindestens einmal pro Jahr zu einer Korrektur in Höhe von ungefähr 10 Prozent. Wenn ich nicht bereit bin oder ich es mir nicht erlauben kann, solche Kursschwankungen auszusitzen, weil ich zum Beispiel einen nur kurzen Anlagehorizont habe, dann sollte ich lieber auf andere Anlageformen setzen. <BR /><BR /><b>Ein Sprichwort sagt: „Politische Börsen haben kurze Beine“, sprich, geopolitische Krisen bringen die Märkte höchstens kurzfristig aus dem Tritt. Könnte das auch in diesem Fall so sein?</b><BR />Weissenegger: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ ist eine weitere beliebte Börsenweisheit. In der Tat traf dies in der Vergangenheit immer zu und viele Beobachter gehen auch diesmal davon aus, sofern die Kampfhandlungen auf die Ukraine begrenzt bleiben und es nicht zu einer direkten Auseinandersetzung zwischen Russland und Nato-Ländern kommt. Die aktuelle Krise unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von früheren: Sie findet sozusagen vor unserer Haustür statt, sodass auch die Auswirkungen auf uns Europäer unmittelbarer sind. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von russischen und ukrainischen Rohstoffen wird sich die Inflation in Europa für einen noch längeren Zeitraum auf einem deutlich erhöhten Niveau einpendeln. Zusammen mit der steigenden Unsicherheit könnte dies negative Auswirkungen auf Konsum und Investitionen in Europa haben. Vieles wird aber von der Dauer des Konflikts und der Sanktionen sowie der Fähigkeit Europas, alternative Beschaffungsmärkte zu finden, abhängen. <BR /><BR /><b>Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die in den vergangenen Jahren ein kleines Vermögen angespart haben: Ist nun ein günstiger Zeitpunkt, um in die Märkte einzusteigen? </b><BR />Weissenegger: Grundsätzlich beginnt man nie zu früh mit dem Sparen und weit wichtiger als den richtigen Einstiegszeitpunkt zu finden, ist es, dem Markt genügend Zeit zu geben, sich entfalten zu können. Außerdem ist der Konflikt bislang geografisch beschränkt und nicht alle Volkswirtschaften sind direkt davon betroffen. Das Marktumfeld ist aber aktuell von großen Kursausschlägen geprägt, sodass es auch überlegenswert erscheinen könnte, einen gewissen Betrag sofort zu investieren und den restlichen über ein Sparprogramm mit monatlichen Raten und einer Laufzeit von ein oder zwei Jahren anzulegen. Wichtig hierbei ist aber eine breite Diversifikation und ein geeigneter Anlagezeitraum.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="747335_image" /></div> <BR /><b><BR />Wie sollte man in einer Marktphase, wie wir sie aktuell sehen, investieren – lieber mit einem höheren Anfangsbetrag oder doch lieber in kleineren, regelmäßigen Sparraten? </b><BR />Weissenegger: Das eine schließt das andere nicht gezwungenermaßen aus. Nach einer solchen Korrektur an den Märkten, könnten etwaige Kurserholungen auch sehr stark ausfallen – davon würde man nur teilweise profitieren, wenn man in kleinen, regelmäßigen Sparraten investieren würde. Andererseits ist das Umfeld noch recht instabil, sodass auch eine Fortführung des Abwärtstrends nicht auszuschließen ist. Man könnte das für Aktieninvestments bestimmte Vermögen daher ideell in drei Teile teilen: Der erste Teil wird sofort investiert, der zweite in regelmäßigen Raten und der dritte Teil dient als Reserve, um bei neuen signifikanten Kursrückgängen billiger einsteigen zu können. <BR /><BR /><b>Ist es möglich, eine ansprechende Rendite fast ohne Risiko zu erzielen?</b><BR />Weissenegger: Dies ist die Suche nach der berühmten eierlegenden Wollmilchsau. Will man eine gewisse Rendite erzielen, muss man aufgrund einer schon mehrere Jahre anhaltenden Null- bzw. Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen. Die Finger lassen sollte man lieber von Investitionen, die von sich behaupten, alleine zur Lösung des Problems „Sichere Renditen in einem Nullzinsumfeld“ beizutragen. Im Rahmen eines Portfolioansatzes können nach der scharfen Korrektur nun wieder in Hochzinsanleihen investierende Fonds näher betrachtet werden. Diese werfen aktuell über 4 Prozent, vor Kosten und Steuern, ab. Das Risiko ist geringer als bei Aktien, aber deutlich höher als bei Staatsanleihen. Wie bei Aktien ist auch bei Hochzinsanleihen eine breite Diversifikation unerlässlich, um das Ausfallrisiko möglichst gering zu halten. Im Allgemeinen sollte man sich angewöhnen, das Gesamtportfolio zu betrachten und nicht so sehr den Fokus auf die Einzelpositionen zu richten. Auch ein nicht so risikofreudiger Anleger könnte somit einen Teil seines Vermögens in Aktienfonds investieren, um die erwartete Rendite des Portfolios zu erhöhen. Anleihen alleine sind im aktuellen Umfeld außerstande, nach Steuern und Kosten, eine Rendite zu erwirtschaften, die über der Inflationsrate liegt.<BR /><BR /><b>Obligationen und Edelmetalle haben eine gute Phase hinter sich: Sollte man nun auch dort einsteigen? </b><BR />Weissenegger: In der Tat haben sich zuletzt Edelmetalle und Rohstoffe im Allgemeinen sehr gut entwickelt. Die vergangene Rendite ist allerdings kein verlässlicher Indikator für die Zukunft und für viele könnte der Zug bereits abgefahren sein. Im Falle der Obligationen haben sich die Staatsanleihen besser als die Unternehmensanleihen geschlagen. In einem breit aufgestellten Portfolio haben beide Anlageklassen ihren Platz: Staatsanleihen sollten vorhanden sein, um die an den Aktienmärkten periodisch auftauchenden Turbulenzen etwas abzufedern, während Rohstoffe und Gold als Inflationsschutz bzw. Versicherung zu sehen sind. Sowohl für Gold als auch für Rohstoffe braucht es oft einen langen Atem – sie bewegen sich vielfach in großen und langen Zyklen. Anleihen haben nach wie vor eine nach Steuern und Kosten oft negative Fälligkeitsrendite. <BR /><BR /><b>Wie viel sollten Sparer als Notgroschen für Unvorhergesehenes auf dem Konto liegen lassen?</b><BR />Weissenegger: Eine kleine Reserve sollte man halten, um nicht gezwungen zu sein, im ungünstigsten Moment Positionen verkaufen zu müssen. Man sollte aber allzu große Kontobestände vermeiden – aktuell ist die Verzinsung gleich Null, die Inflation aber sehr hoch. Bestände in Höhe von drei bis maximal sechs Monatsgehältern sollten im Allgemeinen mehr als ausreichend sein, um etwaige Notfälle abzudecken. Stellt man also in turbulenten Zeiten fest, dass sich an den zuvor vereinbarten Anlagezielen bzw. dem Anlagehorizont nichts geändert hat, dann besteht in der Regel auch kein Grund, etwas an einem breit aufgestellten Portfolio zu ändern. Hilfreich ist es auch zu beobachten, wie die Märkte in der Vergangenheit auf ähnliche Situationen reagiert haben. Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich. <BR /><BR /><b>Welchen Tipp haben Sie abschließend für Anleger, um auch in turbulenten Zeiten, wie den aktuellen, ruhig zu bleiben?</b><BR />Weissenegger: Um auch in unruhigen Zeiten ruhig bleiben zu können, müssen in ruhigen Zeiten die Grundsteine gelegt werden. Dazu zählen ein breites und über alle Anlageklassen gestreutes Portfolio, das auf die individuellen Bedürfnisse eingeht: Ein Teil ist zum Beispiel für das Universitätsstudium der Kinder oder die Rente bestimmt, kann daher langfristig angelegt werden und braucht nicht in Notfällen verkauft zu werden, ein anderer Teil ist beispielsweise für den Autokauf im übernächsten Jahr bestimmt und muss daher besonders vorsichtig investiert sein.<BR />