Was steckt wirklich hinter der Aktion der IEA? Offiziell sollen mit der Freigabe eines kleinen Teils der Ölreserven die Förderausfälle in dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Libyen ausgeglichen werden. Das eigentliche Ziel der Aktion ist aber offenbar, die seit Monaten für viele Industriestaaten zu hohen Ölpreise zu senken.„Die IEA hat ihren Mitgliedstaaten einen Gefallen getan und die Ölpreise unter Verkaufsdruck gesetzt“, kommentierte der Rohstoffexperte Frank Schallenberger von der Landesbank Baden-Württemberg. Auch der ehemalige Berater der US-Regierung, Robert McNally, sagte in der „Financial Times“, dass die IEA zwar in der offiziellen Begründung für das Anzapfen der Ölreserven auf Libyen verwies, „in Wahrheit aber Druck auf die Ölpreise ausüben wollte.“ Märkte überrascht - Preise stark gefallenMit Erfolg: Am Donnerstag vollzogen die Ölpreise eine rasante Talfahrt und konnte sich auch zum Wochenschluss nicht erholen. Seit Donnerstagnachmittag gab der Preis für Rohöl der Nordseesorte Brent um etwa sieben Dollar auf rund 106 Dollar nach. Der Preis für US-Öl sackte um etwa fünf Dollar auf 91 Dollar ab.Die Überraschung aller Marktteilnehmer über den Schritt der IEA war auch deshalb so groß, weil die Agentur seit ihrer Gründung im Jahr 1973 erst zum dritten Mal die Ölreserve anzapfte. Beim ersten Mal geschah dies während des Golfkriegs zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Der zweite Angriff auf die strategischen Ölreserven der Industriestaaten erfolgte dann 2005 im Zuge einer verheerenden Wirbelsturmkatastrophe im Süden der USA.Das jüngste Anzapfen der Ölreserve vollzieht sich vor dem Hintergrund von Ölpreisen, die sich seit Monaten auf sehr hohem Niveau bewegen – vor allem für die lahmende US-Wirtschaft offenbar zu hoch. Die größte Volkswirtschaft der Welt meldete zuletzt eine ganze Serie von unerwartet schlechten Konjunkturdaten.Nicht umsonst hatten Experten das Treffen der Ölminister der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) am 8. Juni als „das wichtigste im ganzen Jahrzehnt“ bezeichnet. Damals stand die Forderung im Raum, das Kartell müsse seinem politischen Anspruch gerecht werden und die Ölpreise auf bezahlbarem Niveau halten. Ohne Erfolg: Am Ende ging das OPEC-Treffen ohne Beschluss für eine höhere Fördermenge zu Ende.Fällt Saudi-Arabiens Unterstützung?Auch der Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der deutschen Commerzbank will nicht ausschließen, dass hinter der Aktion der IEA die Absicht steckt, die Ölpreise zu drücken. „Das könnte sich aber auch schnell als Bumerang erweisen“, warnte Weinberg. Bisher hat sich das führende OPEC-Mitglied Saudi-Arabien immer wieder kooperativ mit den westlichen Industrienationen gezeigt. Zuletzt hatte das wichtigste Ölförderland der Welt die Produktion auch ohne Beschluss der OPEC-Konferenz erhöht.Saudi-Arabien könnte diesen Schritt aber jederzeit rückgängig machen und die Lage an den Ölmärkten schnell verschärfen, warnte Weinberg. Es sei fraglich, ob sich das mächtige OPEC-Land noch an seine Zusage gebunden fühle, die Ölproduktion kurzfristig auszuweiten.Viele Experten fragen sich: Wo ist denn der Notfall, für den die IEA die strategische Reserve freigeben kann? In Libyen ist die Förderung und Verarbeitung von Rohöl im Zuge des Bürgerkriegs zwar komplett ausgefallen. An den Weltmärkten ist aber weit und breit kein Lieferengpass zu erkennen. Auch wenn die IEA im kommenden Monat nur 60 Millionen Barrel an Rohöl und damit nicht einmal die weltweite Verbrauchsmenge eines Tages auf den Markt bringen will, stellt sich für den Experten Weinberg die Frage: „Wo bitteschön ist denn hierfür die notwendige Nachfrage zu finden?“ dpa