<BR /><b>Die Arbeitslosenzahl war <a href="https://www.stol.it/artikel/wirtschaft/suedtirol-hat-so-wenig-arbeitslose-wie-nie" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">im zweiten Quartal mit 1,3 Prozent</a> so niedrig wie nie. Was sagen Sie dazu?</b><BR />Stefan Luther: Die Trimestral-Daten darf man nicht überbewerten, weil die Astat-Daten auf der Hochrechnung einer sehr kleinen Stichprobe beruhen. Da kann es statistische Ausreißer nach oben und nach unten – wie dieses Mal – geben. Daher muss man die längerfristige Tendenz anschauen.<BR /><BR /><b>Und wie schaut die aus?</b><BR />Luther: Wenn wir uns mehrere Trimester anschauen, dann liegen wir zwischen 2 und 3 Prozent und sind damit eindeutig auf einem sehr niedrigen Niveau. Was wir schon auch berücksichtigen müssen, dass es eine relativ große Diskrepanz gibt zwischen den statistischen Arbeitslosen vom Astat und den registrierten Arbeitslosen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61248710_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Die Zahl der tatsächlichen Arbeitslosen ist viel höher...</b><BR />Luther: Ja. Der Grund liegt darin, dass das Astat sich an einer strengeren Definition von Arbeitslosigkeit orientiert, die dazu dient, dass man die Werte international vergleichen kann. Das ist zwar die amtliche Arbeitslosenquote. Aber unsere Arbeitsvermittler haben es tatsächlich mit den registrierten Arbeitslosen zu tun, also all jenen, die offiziell arbeitslos gemeldet sind. Das sind derzeit 16.500 Menschen und nicht 3500. Also 4 mal mehr. <BR /><BR /><b>Seit langem sprechen wir von einem massiven Personalmangel. Wer ist denn heute arbeitslos? </b><BR />Luther: Da gibt es verschiedene Gruppen. Zum Beispiel Personen, die sogenannte multiple Probleme persönlicher, familiärer Natur haben und schwer zu integrieren sind. Von den 16.500 sind aber ungefähr 2000 auch Frauen in Mutterschaft. Dazu kommen noch Invaliden. Was aber wichtiger ist, ist die Dauer der Arbeitslosigkeit. Denn von den 16.500 als arbeitslos Gemeldeten sind 7500 weniger als 3 Monate ohne Arbeit – die sind kein Problem. Aber gut 9000 sind mehr als 3 Monate arbeitslos, was für den Südtiroler Arbeitsmarkt schon viel ist. Und davon sind rund 3850 Personen, die 12 Monate und länger arbeitslos waren. Was wir auch sehen: Die Langzeitarbeitslosigkeit hat zugenommen: 2019 waren es 2600 Menschen, die 12 Monate und mehr arbeitslos waren, jetzt sind 3850. Da müssen wir aufpassen. Denn die Langzeitarbeitslosigkeit ist ein soziales Problem. <BR /><BR /><b>Die Beschäftigung ist laut dem Astat im zweiten Quartal leicht zurückgegangen. Wie kann das sein? </b><BR />Luther: Dazu muss man wissen: Das Astat misst das Erwerbsleben der Wohnbevölkerung. Jene, die hier arbeiten, aber ihren Wohnsitz nicht in Südtirol haben – derzeit rund 30.000 Menschen – werden nicht erfasst. Wir haben eine steigende Beschäftigung, wenn wir auch diejenigen berücksichtigen, die von auswärts kommen. Das Astat erhebt also das lokale Potenzial – und wir haben Probleme es zu erhöhen, obwohl wir das müssten, um den Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wir hingegen setzen auf den Import von Arbeitskräften. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61248714_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wieso ist das problematisch?</b><BR />Luther: Uns kommen ja in den nächsten 10 Jahren wegen des demografischen Wandels rund 30.000 Arbeitskräfte abhanden. Die Hälfte davon könnten wir wettmachen, wenn wir die Beschäftigungsquote von denjenigen erhöhen, die heute nicht arbeiten. Und zwar indem wir Arbeitslose besser, schneller und dauerhafter integrieren, bei den Jugendlichen schauen, Ausbildung und Arbeit besser zu kombinieren, für Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu vereinbaren und bessere Rahmenbedingungen zu schaffen für ältere Menschen, die nach der Rente weiterarbeiten wollen. Dafür müssten wir auch keine großen Sprünge machen, sondern die Beschäftigungsquoten der einzelnen Gruppen nur auf das Niveau der umliegenden Regionen bringen. Dann könnten wir 15.000 Arbeitskräfte gewinnen und hätten die Hälfte des Fachkräftemangels gelöst. Und die andere Hälfte müssen wir lösen, indem wir effizienter arbeiten: gleiche Produkte und gleiche Dienstleistungen mit weniger Menschen anbieten und herstellen - Stichwort: Automatisierung, Digitalisierung usw. Dann haben wir den Arbeitskräftemangel halbwegs im Griff.