Meinrad Scherer ist spürbar getroffen. „So etwas wünscht man niemandem“, sagt er. Denn es geht nicht nur um den materiellen Schaden. <BR /><BR /><BR /><b> Herr Scherer, es war am 14. Juli abends, als es in Nordrhein-Westfalen zu heftigen Unwettern mit Starkregen kam, die zu massiven Überschwemmungen geführt und auch Ihr Unternehmen regelrecht unter sich begraben haben….</b><BR />Meinrad Scherer: Das kann man so sagen, ja. Innerhalb kürzester Zeit sind derartige Wassermassen auf uns zugekommen, dass sie Türen und Fenster eingedrückt und beide Fabrikgebäude bis auf eine Höhe von 1,5 Metern mit Wasser, Schlamm und Geröll überschwemmt haben. Alles, was nicht niet- und nagelfest im Boden verankert war, wurde quer durchs Unternehmen geschleudert. Gottseidank wurde niemand verletzt. Die Mitarbeiter aus dem Schichtbetrieb – das Unglück passierte gegen 7 Uhr abends – konnten sich glücklicherweise in die oberen Stockwerke retten, wo sie dann auch die Nacht verbringen mussten. <BR /><BR /><b> War aus Ihrer Sicht die Katastrophe vorhersehbar, hätte man Sie warnen können?</b><BR />Scherer: Nein, da liegt in keinster Weise ein menschliches Versagen vor. Das kann ich nach unzähligen Gesprächen ausschließen. Wir wurden im Prinzip ja von einem kleinen Bach überschwemmt, der 3 Meter tiefer liegt als das Betriebsgebäude. Innerhalb von wenigen Stunden ist er auf 5 Meter angestiegen. Das letzte Mal, als Bad Münstereifel in vergleichbarem Ausmaß überschwemmt wurde, war im 14. Jahrhundert. Das konnte niemand vorhersehen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-50078120_quote" /><BR /><BR /><BR /><b> Wie ist die Lage heute?</b><BR />Scherer: Es ist eine Riesen-Katastrophe. Es schaut aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Ein Werk ist nahezu vollständig zerstört, das zweite zu 50 bis 60 Prozent. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Fabrik ist neu aufzubauen. Zurzeit sind wir gemeinsam mit den Mitarbeitern mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, sind dabei, die Kunden abzuwickeln, den Schaden zu erheben und Strategien für einen Wiederaufbau auszuarbeiten. <BR /><BR /><b> Sie denken also daran, die Auto Heinen wiederaufzubauen? </b><BR />Scherer: Mein Bruder Theodor und ich haben das Unternehmen vor 12 Jahren aus der Insolvenz gekauft, es saniert und zu einem hochmodernen Produktionsunternehmen ausgebaut. Das wiederherzustellen, sehen wir uns ohne weiteres imstande. In welchem Rahmen das allerdings möglich sein wird, hängt unter anderem auch vom Verhalten unserer Kunden ab.<BR /><BR /><b>Wie meinen Sie das? </b><BR />Scherer: Derzeit müssen wir alle Aufträge unserer Kunden <i>(dazu gehören unter anderem bekannte Automarken wie Ford, Jaguar und Daimler sowie Zulieferer wie die Schaeffler- und die ZF-Gruppe usw., Anm,Red.) </i> an andere Produzenten weitergeben, da es derzeit unmöglich ist, diese abzuwickeln. Heute können wir noch nicht bewerten, welche Aufträge wir danach wieder zurückbekommen werden. Eine juridische Herausforderung wird zudem sein, ob wir schadensersatzpflichtig sind. Im Grunde sind wir unseren Kunden gegenüber vertragsbrüchig – wenn auch in Folge höherer Gewalt. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-50078124_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie hoch ist der Schaden?</b><BR />Scherer: Wenn die Inbetriebnahme in vollem Ausmaß erfolgen kann, dann kostet uns die Wiederherstellung grob geschätzt 60 Millionen Euro. Gut ist, dass der Schaden an den Gebäuden im Verhältnis zum Gesamtschaden relativ gering ist, die kann man recht schnell sanieren. Danach muss man schauen, welche Maschinen man noch reparieren kann. Das sind ja hochsensible Hightech-Geräte, in die Wasser und feiner Schlamm eingedrungen ist. <BR /><BR /><b>Sind Sie gegen solche Ereignisse versichert?</b><BR />Scherer: Ja, das ist die gute Nachricht, dass wir gegen Überschwemmungen versichert sind, im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen in der Gegend. In welchem Rahmen die Versicherung zumindest einen Teil des Schadens abdeckt, können wir allerdings noch nicht sagen. Sicher wird es nicht die gesamte Summe sein. <BR /><BR /><b>Wie lange würde es dauern, die Firma neu aufzubauen?</b><BR />Scherer: Stand heute ist eine Wiederinbetriebnahme mit allen Vorbehalten nicht vor Ende 2022 möglich. <BR /><BR /><b>Werden Sie Hilfen von der öffentlichen Hand bekommen?</b><BR />Scherer: In unseren Überlegungen spielt das keine Rolle. Wir gehen auch nicht davon aus, dass wir – abgesehen vielleicht von Krediten – unterstützt werden. Öffentliche Hilfen können wir natürlich gebrauchen, in unserer Strategie fließen sie aber nicht mit ein. Zudem könnten wir auch gar nicht so lange warten, bis das anlaufen würde. Entscheidend ist die Frage ist, wie viel die Versicherung zahlt und inwieweit der Wiederaufbau von der Gruppe unterstützt werden kann. Voraussichtlich innerhalb August wird die Entscheidung fallen, wie es weitergeht. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-50078126_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Die Auto Heinen ist das wichtigste Unternehmen der Scherer-Gruppe und erwirtschaftet rund die Hälfte des Gruppenumsatzes. Welche Folgen hat diese Katastrophe für die Unternehmensgruppe?</b><BR />Scherer: Die Gruppe ist zweifelsohne betroffen, aber nicht in existenzieller Art und Weise. Das Worst-Case-Szenario können wir in der Gruppe abbilden, ohne dass die Gruppe existenziell bedroht werden könnte. <BR /><BR /><b>Haben Sie auch daran gedacht, das Unternehmen nicht wieder aufzubauen?</b><BR />Scherer: Mein Bruder Theodor und ich sind Unternehmer aus Leidenschaft. Wenn es wirklich nicht mehr möglich sein sollte, sind wir die Letzten die aus der Türe hinausgehen. Derzeit arbeiten wir, mit aller Kraft an verschiedenen Szenarien. Zur Frage, in welchem Rahmen ein Wiederaufbau überhaupt möglich ist, kann ich heute noch keine Aussage machen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-50078127_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie geht es Ihnen persönlich?</b><BR />Scherer: Das sind Momente, die ich niemandem wünsche. Zum einen ist das Unternehmen zerstört, zum anderen sind da unsere Mitarbeiter, die es mindestens gleich getroffen hat. Sie erzählen mir: „Herr Scherer, mein Auto ist nicht mehr da, das Auto meiner Frau auch nicht, mein Haus ist zerstört und wenn ich mir das hier ansehe, ist meine Arbeit wohl auch nicht mehr da.“ Diese Schicksale anzuhören, geht tief. Schlafen tut man freilich, wenn überhaupt, dann nicht gut. Es klingt vielleicht etwas eigenartig, doch für Theodor und mich ist es wie ein Gefühl des Scheiterns.<BR /><BR /><b>Auto Heinen beschäftigt rund 250 Menschen, ist einer der großen Arbeitgeber der Region. Für die Mitarbeiter wäre ein Wiederaufbau sicher eine große Hilfe …</b><BR />Scherer: Wir werden alles tun, was in unserer Kraft und in unseren Möglichkeiten ist. Was aber am Ende machbar ist, kann ich heute noch nicht beurteilen. Von finanzieller Seite wird unseren Mitarbeitern jedoch nichts fehlen: Wir werden ihnen in den nächsten Monaten das volle Gehalt weiterzahlen. <BR /><BR /><b>Es ist nicht das erste Mal, dass Sie vor den Trümmern Ihres Betriebes stehen…</b><BR />Scherer: Das stimmt: Vor 26 Jahren ist unser Betrieb in Tramin zur Hälfte niedergebrannt. Die Gedanken die uns beschäftigen, sind heute dieselben wie damals. Allerdings konnten wir damals nicht sagen, wenigstens stehen die anderen 6 Unternehmen noch. Damals hatten wir nur diesen einen Betrieb – und haben ihn von neu aufgebaut. <BR /><BR />