Es war nicht das erste Mal, dass der ausrichtende Absolventenverein Landwirtschaftlicher Schulen (ALS), Schwartau nach Südtirol einlud. Die hiesige Branche legt viel Wert auf die Expertise des Forschers von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Hamburg. Gespannt folgten die anwesenden Bauern sodann den Ausführungen des Marktbeobachters. <BR /><BR />„Der Apfelmarkt hat turbulente Jahre hinter sich: Erst kam die Coronapandemie mit zeitweise stark steigenden Absatzzahlen im Obstbereich, der Krieg in der Ukraine führte danach zu explodierenden Energiepreisen und Inflationsraten teilweise im zweistelligen Bereich, die wiederum die Konsumlust der Verbraucher trübten.“ Nun befinde man sich in einer neuen Phase, in der sich der Konsum wieder stabilisiert habe. <h3> Apfelkonsum geht zurück</h3>Nichtsdestotrotz müsse man zur Kenntnis nehmen, dass der Apfelkonsum tendenziell leicht rückläufig sei. In Europa werden laut Schwartau jährlich 30.000 bis 50.000 Tonnen weniger Tafeläpfel verzehrt. „Jeder Verbraucher hat ein bestimmtes Budget für seinen Obstwarenkorb zur Verfügung.“ Beeren und Steinobst hätten eher dazugewonnen, während Kernobst eher verloren habe. <BR /><BR />„Dies und der Umstand, dass auch die Exporte außerhalb der EU eher abnehmen, führen dazu, dass im Schnitt 500.000 Tonnen Äpfel mehr für den EU-Binnenmarkt zur Verfügung stehen.“ Dazu komme, dass sich die Warenströme in immer kürzeren Abständen verändern, beeinflusst vor allem von politischen Faktoren: „Man denke zum Bespiel ans Pulverfass Naher Osten, die Verkäufe dorthin nahmen 2023 beträchtlich ab. Auch sehen wir autoritäre Tendenzen in immer mehr Ländern der Welt, die dem freien Warenverkehr nie gut tun.“ <BR /><BR />Interessante Zukunftsmärkte könnten aus heutiger Sicht zum Beispiel Brasilien oder auch Indien sein, das bevölkerungsreichste Land der Welt mit einer wachsenden Mittelschicht, die trotz Einfuhrzöllen bereit sei, für hochwertige Importware Geld auszugeben.<h3> „Vor allem Polen sollte Produktion reduzieren“</h3>Für die europäischen Anbauregionen bedeute all dies, dass man flexibel sein müsse, was den Export angehe: „Was heute ein interessanter Markt ist, kann morgen keiner mehr sein und umgekehrt.“ Und: „Die Mengen müssen in Europa eher runter. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem mit Abstand wichtigsten Anbaugebiet Polen zu, das in guten Erntejahren für erheblichen Preisdruck sorgt“, so Schwartau. „Das Land sollte im Interesse ganz Europas dringend in Richtung niedrigerer und stabilerer Erträge hinarbeiten. Was Polen macht, wirkt sich nämlich auch auf die anderen Anbauregionen aus.“ <BR /><BR />Bei den Verkaufspreisen sei es so gewesen, dass im Herbst eine Anpassung im europäischen Lebensmitteleinzelhandel von rund 12,5 Prozent bei Tafelware durchgesetzt worden sei. „Das ist sicher erfreulich und könnte die gestiegenen Produktionskosten für die Bauern teilweise ausgleichen.“ <BR /><BR /><embed id="dtext86-62895981_quote" /><BR /><BR />Kritik, dass die Anpassungen zu hoch ausgefallen seien, könne er nicht nachvollziehen: „Bei anderen Obstsorten wie Zitrusfrüchten und Tafeltrauben sind die Preise viel stärker gestiegen.“ <BR /><BR />Ebenso positiv bewertete Schwartau, dass Mostäpfel, also Äpfel für die Weiterverarbeitung, einen Preisauftrieb spüren: „Das hilft mit, Druck vom Apfelsektor zu nehmen. Seit es nämlich gutes Geld für Mostäpfel gibt, sind immer mehr Produzenten geneigt, einen größeren Teil der Ware in die Verarbeitung zu geben und nicht einzulagern.“<h3> Sorgen wegen einer Bio-Flaute?</h3>Klare Worte fand der Marktkenner auch in puncto Biosegment: „Wir haben da in den letzten Jahren europaweit einen ungemein starken Angebotszuwachs gesehen. Die Nachfrage konnte nicht Schritt halten; ein Ungleichgewicht und eher unbefriedigende Preise waren die Folge. Das höhere Preisbewusstsein und der Kaufkraftverlust der Konsumenten hätten den Verkauf zusätzlich erschwert.“ Der Bereich sei einfach zu schnell gewachsen – vor allem in Frankreich, das die Anbauflächen zuletzt sogar wieder reduziert habe, aber auch in Italien. <BR /><BR />Droht also eine nachhaltige Bio-Flaute? „Nein, der Markt braucht nur etwas Zeit. Angebot und Nachfrage müssen sich annähern.“<BR /><BR />Apropos Annäherung: Was die Produktionsmethoden angeht, glaubt Schwartau, dass die integrierte und die biologische Produktion in den nächsten Jahrzehnten zusammenwachsen werden: „In 50 Jahren werden wir die Unterscheidung konventionell oder bio nicht mehr machen“, sagte er und sorgte damit hörbar für Verwunderung im Kursaal. „Die EU wird ihren Teil dazu beitragen, dass den Bauern die Pflanzenschutzmittel nach und nach abhandenkommen.“<h3> „Sustainapple“ für Vermarktung nutzbar?</h3>Ein Anwesender wollte im Anschluss wissen, ob es sinnvoll wäre, die Nachhaltigkeitsstrategie der Südtiroler Obstwirtschaft, „Sustainapple“, für die Vermarktung konventionell hergestellter Äpfel zum Beispiel in Form eines Labels zu nutzen. Schwartau: „Das erachte ich als sehr schwierig. Ein gewisser Grad an nachhaltiger Produktion ist heute Branchenstandard und wird vom Lebensmitteleinzelhandel auch bei konventionell hergestellten Frische-Lebensmitteln vorausgesetzt.“ Anders gesagt: „Ich sehe keinen wirklichen Mehrwert eines solchen Labels.“<BR /><BR />Speziell in Richtung der Südtiroler Produzenten betonte er, dass man konsequent in die Sortenentwicklung und -Pflege investieren sollte, um eine hohe Wertschöpfung zu gewährleisten. „Zugleich sollte man sich in den Verhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel auch mal trauen Nein zu sagen. Das geht natürlich nur, wenn es kein Überangebot gibt.“ Südtirol habe gute Voraussetzungen, um der Zukunft mit Zuversicht entgegenzusehen.