Donnerstag, 21. März 2019

Brain Drain: Warum Südtirols „Hirne“ abwandern

Verliert Südtirol hochqualifizierte Arbeitskräfte und wenn ja, in welchem Ausmaß? Und was sind die Gründe dafür? Diesen Fragen ging das WIFO – Institut für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen in seiner neuen Studie nach und tatsächlich kann von einem „Brain Drain“, sprich einer Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, gesprochen werden.

Viele Südtiroler kehren nach ihrer Ausbildung im Ausland nicht mehr nach Südtirol zurück.
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Viele Südtiroler kehren nach ihrer Ausbildung im Ausland nicht mehr nach Südtirol zurück. - Foto: © shutterstock

Zwar seien in den vergangenen Jahren zahlenmäßig mehr Personen zu- als abgewandert, allerdings weisen die Zuwanderer im Schnitt ein geringeres Qualifikationsniveau auf als die Abwanderer.

In Zusammenarbeit mit dem Amt für Arbeitsmarktbeobachtung hat das WIFO die Wanderungsbewegungen von und nach Südtirol untersucht. Ziel war es dabei, ein aktuelles und umfassendes Bild der Zu- und Abwanderung zu erstellen und dabei insbesondere auf das Bildungsniveau der Arbeitskräfte einzugehen. Dafür wurden unter anderem 516 Zuwanderer und 769 Abwanderer zu ihrer Ausbildung, ihren Wanderungsmotiven und ihrer Meinung zum Lebens- und Arbeitsort Südtirol befragt.

Karrieremöglichkeiten und attraktive Löhne ziehen Akademiker weg

Ein Ergebnis der Studie ist die Tatsache, dass die jährliche Anzahl der Südtiroler Abwanderer kontinuierlich auf rund 1500 Personen (2017) gestiegen ist, wobei rund 70 Prozent davon akademisch gebildet sind.

Häufig wird der ausländische Studienort als neuer Wohnsitz gewählt. Der Wegzug hat dabei in erster Linie arbeitsbedingte Gründe, da Karrieremöglichkeiten, ausbildungsadäquate Arbeitsplätze und attraktive Löhne in Südtirol vermisst werden.

„Als Südtiroler Landesregierung ist es unser Ziel, Rahmenbedingungen laufend zu optimieren und zu adaptieren, sodass wir Fachkräfte im Land behalten und darüber hinaus kluge Köpfe aus dem Ausland nach Südtirol holen“, so Landesrat Philipp Achammer.

Zuwanderer mit niedrigerem Bildungsniveau

Klare Unterschiede lassen sich beim Bildungsniveau der Zuwanderer erkennen: Jene aus außereuropäischen Ländern weisen das geringste Qualifikationsniveau auf. Viele haben höchstens einen Mittelschulabschluss, sind als Hilfsarbeitskraft beschäftigt und beherrschen weder die deutsche noch die italienische Sprache.

Ein Drittel der Zuwanderer stammt aus anderen europäischen Ländern, wobei sehr viele einen Maturaabschluss haben und eine der beiden Landessprachen gut beherrschen. Von den zahlenmäßig wenigen Hochqualifizierten aus Deutschland und Österreich kann Südtirols Arbeitswelt profitieren. Auch Arbeitskräfte aus den anderen Provinzen Italiens spielen bei der Zu- und Abwanderung eine bedeutende Rolle, wobei ihre Beweggründe vor allem auf persönliche Motive zurückzuführen sind.

Südtirol kann mit hoher Lebensqualität aufwarten

Ein ambivalentes Bild zeigt sich bei der Bewertung Südtirols als Arbeits- und Lebensort: Einerseits überzeugt Südtirol mit einer hohen Lebensqualität, vielfältigen Sport- und Freizeitangeboten sowie attraktiven öffentlichen Diensten. Andererseits stellen die hohen Lebenshaltungskosten, das geringe Lohnniveau und fehlende Karrieremöglichkeiten Schwierigkeiten dar. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist verbesserungswürdig. Dabei bewerten die Abwanderer den Arbeitsmarkt meist kritischer.

Handelskammerpräsident Michl Ebner unterstreicht: „Die Entscheidung, nach Südtirol zu kommen oder zurückzukehren, wird von vielen Faktoren beeinflusst. Südtiroler Studierende können beispielsweise mit attraktiven Arbeitsangeboten aktiv angesprochen werden. Wichtig ist es auch, über die Universitäten direkt mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Mentoring-Angebote und Jobvermittlungen für die Partner könnten zusätzliche Anreize bieten.“

stol

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