Hier alles zum Thema Camping in Südtirol und was Tourismuslandesrat Arnold Schuler zur Ausweisung von neuen Campingplätzen sagt. <BR /><BR /><BR />Als Thomas Rinner Mitte der 1970er-Jahre eine Schulung des Hoteliers- und Gastwirteverbandes (HGV) besuchte, war er 18 und damit nicht nur einer der jüngsten, sondern auch der einzige Teilnehmer, der einen Campingplatz betrieb. Der Schulungsleiter sparte nicht mit Missbilligung über diese Form des Urlaubsangebotes und meinte, dort würden nur „Zigeuner“ übernachten – damals der (inzwischen verpönte) Inbegriff für fahrende Völker, die im Wohnwagen unterwegs waren. Mit Urlaub schien das Campieren jedenfalls kaum etwas gemein zu haben. Entsprechend konnte man die Zahl der Campingplätze in Südtirol problemlos an einer Hand abzählen. <BR /><BR />Mittlerweile ist Thomas Rinner fast 50 Jahre im Geschäft und hat mit 120 Stellplätzen auf seinem 4-Sterne-Campingplatz in Latsch längst nicht das größte „Freilufthotel“ in Südtirol. Die Zahl der Plätze hat sich außerdem etwa verzehnfacht. 52 sind es heute, und insgesamt bieten sie über 14.500 „Betten“ an. Alle Betreiber sind in der Vereinigung der Campingplatzbetreiber zusammengeschlossen. Thomas Rinner ist seit Mai dieses Jahres Präsident der Vereinigung. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="682844_image" /></div> <BR />Er hat das Ehrenamt in einer Zeit übernommen, in der der Campingurlaub so attraktiv ist wie nie zuvor, und zwar nicht nur bedingt durch die Coronapandemie, die den Trend nochmal befeuert hat. Bereits in den Jahren zuvor hatte die Kurve stetig nach oben gezeigt, sowohl was die Campingindustrie, also den Verkauf von Wohnmobilen und Wohnwagen betrifft, als auch die Nachfrage auf den Campingplätzen in ganz Europa. Allein in Deutschland ist die Zahl der (offiziellen) Übernachtungen in den vergangenen 20 Jahren von 21 auf 35 Millionen gestiegen. 2020 wurden in Europa rund 234.000 Freizeitfahrzeuge verkauft, so viele wie seit 40 Jahren nicht mehr. Nur Ende der 1970er- und auch Ende der 1990er-Jahre gab es 2 ähnliche Trends. <BR /><BR />In Südtirol schlägt sich dieser dritte Camping-Boom natürlich auch in Zahlen nieder. Über 1,7 Millionen Nächtigungen „unterm Himmelzelt“ zählte Südtirol im Jahr 2019, etwa eine Million mehr als 1990. Corona hat die Statistik im vergangenen Jahr zwar etwas gedrückt (siehe untenstehende Grafik) und wird es wegen des späten Saisonbeginnes auch heuer tun. Aber: „Den anhaltenden Trend nach oben dürfen wir nicht außer Acht lassen“, sagt auch Tourismuslandesrat Arnold Schuler.<BR /><BR /><b>Ansprüche wachsen</b><BR /><BR />Tatsächlich hat sich an der Nachfrage und am Angebot sehr viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor typische VW-Bus-Urlauber mit Campingkocher, die sich ein paar Tage hier, ein paar Tage dort niederlassen, um Natur pur zu erleben. Der Großteil der Campierenden reist aber im schicken Wohnmobil oder mit Wohnwagen an, wobei ersteres eher aus dem Süden kommt und nicht selten geliehen ist, während die Nordländer meistens stolze Eigentümer von Wohnwagen sind. <BR /><BR />Thomas Rinner lacht, wenn er auf „billige Gäste“ angesprochen wird, die bei ihm Urlaub machen. Er ist nämlich erst von der weltgrößten Camping-Messe in Deutschland zurückgekehrt und hat dort unter anderem einen Blick in ein über 4 Millionen Euro teures Wohnmobil werfen dürfen. „Im Schnitt kosten diese Fahrzeuge aber 60.000 bis 90.000 Euro.“ Aber auch diese Summe muss man sich erst leisten können. <BR /><BR /><b>Ohnmächtig gegen „wildes“ Campieren</b><BR /><BR />Abgesehen von Kaufpreisen bzw. Leihgebühren, die für die mobile Unterkunft ausgegeben werden müssen, kostet Campieren im Vergleich zum Hotelurlaub jedoch um einiges weniger. Eine 4-köpfige Familie im Wohnmobil zahlt auf einem 4-Sterne-Platz pro Nacht je nach Saison im Schnitt 60 bis 70 Euro – ähnlich viel wie eine einzige Person im Mittelklasse-Hotel mit Frühstück. Auf dem Campingplatz in Latsch gibt es zudem ein Frei- und ein Hallenbad und sogar eine Sauna. Und wer trotz Einhaltung und Kontrolle der Corona-Regeln ein eigenes Badezimmer bevorzugt, kann sogar ein solches mieten. Die 20 Einzelbadezimmer im Camping Latsch sind zurzeit jedenfalls gut gefragt. Rund 10 Euro pro Nacht ist den Gästen ihre private Badeoase wert. <BR /><BR />Auf 2-Sterne-Plätzen übernachtet man dann noch günstiger. Dort zahlt eine Wohnmobil-Familie teils auch nur 30 bis 40 Euro pro Tag. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="682847_image" /></div> <BR /><BR />Ob einfach oder luxuriös – Südtirols Campingplätze waren in dieser Sommersaison, wie die meisten anderen Betriebe, mehr als ausgebucht. Überschwänglich wird Thomas Rinner angesichts dieser Bilanz dennoch nicht: „Immerhin sind in der Westhälfte Südtirol rund 18 Monate mehr oder weniger ausgefallen, und das muss erst wieder hereingearbeitet werden.“ Tatsache ist aber, dass der eine oder andere Campingbus oder ein Wohnmobil ohne Reservierung in der Hochsaison gar nicht mehr untergekommen ist und in der Folge „wild“ gecampt hat. „Wild“ bedeutet in diesem Fall nicht unbedingt draußen im Wald, sondern meistens auf einem Parkplatz. <BR /><BR />Das illegale Campen ist zwar nichts Neues – schon Rinners Vorgänger im Amt, Erich Egger, hat zig Vorstöße dagegen unternommen. Mit der wachsenden Anzahl der Campingurlauber wächst jedoch auch das Problem. Denn längst nicht alle „wilden“ Camper parken aus der Not heraus auf irgendwelchen Parkplätzen. Viele tun es ganz bewusst, in der Gewissheit, dass in Südtirol selten kontrolliert wird und dass es genügend gesetzliche Schlupflöcher gibt, um das Verbot zu umgehen. <BR /><BR />Ein Beispiel: Wohnmobile unterliegen von Gesetzes wegen denselben Parkregeln wie andere Fahrzeuge. Sofern die Urlauber aus dem Wohnmobil also weder Treppe noch Vordach ausfahren, weder Keile unter die Räder schieben noch Stühle und Tisch vor dem Fahrzeug aufstellen, sind es regelrecht geparkte Fahrzeuge. Darin können sie sogar übernachten, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. „Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass diese Urlauber sämtliche Infrastrukturen nutzen, Müll und Abwasser entsorgen und dennoch weder dafür zahlen noch die Tourismusabgabe leisten“, beklagt sich Thomas Rinner.<BR /><BR /> Der Landtagsabgeordnete und ehemalige Vizepräsident des Hoteliers- und Gastwirteverbandes, Helmut Tauber, hat vor kurzem gemeinsam mit seinem Kollegen Gert Lanz deshalb einen Beschlussantrag im Landtag eingereicht. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Polizeiorganen sollten die Kontrollen verschärft und illegales Campieren konsequent bestraft werden. <BR /><BR />Zwar stimmte der Landtag mit großer Mehrheit für den Antrag. Doch ob sich deshalb etwas bessert, ist fraglich, zumal man draußen in den Gemeinden offenbar wenig Interesse an der Lösung des Problems zeigt. Nach wie vor werden laut Thomas Rinner im Internet Stellplätze auf Parkplätzen beworben, ohne dass dafür entsprechende Abgaben gezahlt werden: „Aber wir lassen nicht locker.“ Schließlich gehe es weniger ums Geld, als eher um das Image des Campingurlaubes in Südtirol, der sauber und ordnungsgemäß stattfinden und somit bei Einheimischen und Gästen positiv aufgenommen werden sollte. <BR /><BR /><b>Das sagt Tourismuslandesrat Arnold Schuler</b><BR /><BR /><b>Herr Schuler, die Campingbranche wächst stetig. Der Platz für die vielen Fahrzeuge wird knapp. Braucht Südtirol neue Campingplätze?</b><BR />Arnold Schuler: Dass der Campingurlaub in ganz Europa im Aufschwung ist, beweisen die Zahlen der Industrie, aber auch die Tourismuszahlen. Was Südtirol betrifft, schränkt das neue Gesetz für Raum und Landschaft die Ausweisung von neuen Campingplätzen allerdings sehr stark ein. Zum Beispiel müsste ein neuer Platz innerhalb der Siedlungsgrenzen entstehen, und für die Aufwertung des Grundes ist ein hoher Aufschlag zu zahlen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="682850_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Also Bettenstopp bei den Camping-Touristen?</b><BR />Schuler: Das ist jetzt die Frage. Denn wir müssen uns schon überlegen, wie wir mit der Tatsache umgehen, dass die Nachfrage steigt. Sich prinzipiell gegen eine Weiterentwicklung zu stellen, obwohl da offenbar noch Potenzial vorhanden ist, wäre kontraproduktiv. Deshalb wird das Thema Camping bei der Erstellung des Tourismusentwicklungskonzeptes in den nächsten Wochen sicher einen wichtigen Punkt darstellen. <BR /><BR /><BR /><b>Würden Sie die Ausweisung von weiteren Campingplätze befürworten?</b><BR />Schuler: Es geht, wie gesagt, nicht um ein grundsätzliches Dafür oder Dagegen, sondern das Thema muss im Kontext zur großen Frage stehen: Wie viele Touristen lassen wir künftig noch ins Land, wo setzen wir die Grenzen? Innerhalb des entsprechenden Rahmens kann dann im Einzelfall entschieden werden, ob es sinnvoll ist, einen weiteren Platz auszuweisen. Das muss aber sehr gut überlegt sein.<BR /><BR /><BR /><b>Das illegale Campieren war schon zu Ihren Zeiten als Gemeindenverbandspräsident ein Thema. Die Vereinigung der Campingplatzbetreiber möchte hier endlich Klarheit schaffen. Warum ist das so schwierig?</b><BR />Schuler: Weil die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität oft fließend sind. Es gibt Regeln, zum Beispiel, dass man grundsätzlich parken und sogar übernachten darf, wenn man nicht offensichtlich campiert. Auch gibt es zeitliche Begrenzungen fürs Parken. Aber für die Kontrollorgane ist es oft unmöglich, die Nicht-Einhaltung der Regeln zu beweisen. <BR /><BR /><BR /><b>Also kämpfen die Campingplatzbetreiber umsonst?</b><BR />Schuler: Nein, natürlich müssen wir dafür sorgen, dass die Kontrollen verstärkt werden. Vor allem aber muss diese Problematik im Zuge der Diskussion über das Tourismusentwicklungskonzept – in die auch der Gemeindenverband eingebunden ist – besprochen werden. <BR /><BR /><BR /><b>Ein anderes, immer wiederkehrendes Thema ist „Camping auf dem Bauernhof“. Obwohl diese Form des Angebotes in anderen Ländern, etwa in Deutschland, sehr erfolgreich ist, darf man in Südtirol auf Bauernhöfen nicht campieren. Wiederholt haben Sie sich, obwohl auch Landwirtschaftslandesrat, gegen die entsprechenden Vorstöße des Südtiroler Bauernbundes gewehrt. Warum?</b><BR /> Schuler: Tatsache ist: Urlaub auf dem Bauernhof ist ein Erfolgskonzept. Nirgendwo in der Welt ist der Anteil dieser Einnahmequelle am landwirtschaftlichen Betrieb so groß wie in Südtirol. Dieses Konzept jetzt zu erweitern und zu riskieren, dass künftig Camper und andere Freizeitfahrzeuge auf den Höfen oder auf deren umliegenden Wiesen herumstehen, ist nicht der richtige Weg, um den Erfolg zu bewahren. Ich bin mir sicher, dass der Südtiroler Bauernbund das Thema immer wieder auf seiner Tagesordnung haben wird, aber er wird bis auf weiteres eine Absage bekommen. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />